Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

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Samstag,
1. April 1933

Beurlaubung von Sergius Reiter durch die Telefunken GmbH

Der Diplom-Ingenieur Sergius Reiter (1879–1958) war ein geschätzter Mitarbeiter der Firma Telefunken, einem Unternehmen für Nachrichten- und Funktechnik. Zum zehnjährigen Dienstjubiläum Anfang 1931 hatte ihm sein Arbeitgeber schriftlich für »Fleiss« und »Arbeitsfreudigkeit« gedankt und ihm eine einmalige Sonderzahlung in Höhe eines Monatsgehalts gewährt. Am 1. April 1933 wurde er jedoch »anlässlich des Boykotts« beurlaubt. Warum?

Der im Brief erwähnte »Boykott« hatte offiziell an diesem Tag um 10 Uhr morgens im ganzen Deutschen Reich begonnen. Antijüdische Gewalt und Zerstörung waren zum Zeitpunkt, als das Schreiben verfasst wurde, in vollem Gange. Der staatlich organisierte und propagandistisch vorbereitete »Judenboykott« richtete sich gegen Geschäfte, Warenhäuser, Ärzte und Anwälte.

Sergius Reiter gehörte zu keiner dieser Berufsgruppen, sondern war Angestellter in der Patentabteilung eines international agierenden Großkonzerns. Handelte Telefunken mit dem Brief auf Einflüsterung oder Anweisung von staatlicher Seite? Oder diente er als Vorsichtsmaßnahme zum Schutz Reiters vor dem rechtsfreien Raum und der Gewalt, die in den Straßen Berlins herrschte?

Fragen, die sich anhand der Dokumente im Nachlass nicht beantworten lassen. Sicher ist nur, dass Reiter nach ein paar Tagen wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren durfte.

Leonore Maier

Kategorie(n): Angestellte | Berlin | Boykott
Beurlaubung von Sergius Reiter durch die Firma Telefunken, Berlin, 1. April 1933
Schenkung von Ada Kamil

Sergius und Luba Reiter

Sergius Reiter war einer von Tausenden russischen Studierenden, die seit Ende des 19. Jahrhunderts an deutschen Universitäten immatrikuliert waren, viele davon an technischen Hochschulen. Reiter stammte aus Odessa und studierte in Karlsruhe Elektrotechnik. Seine Frau Luba, geb. Kronrod (1879–unbekannt) kam aus Moskau, 1906 wurde dem Paar ihr einziger Sohn Julius geboren. Die Familie sprach untereinander Russisch.

Im Jahr 1927 nahm Reiter die deutsche Staatsbürgerschaft an – die ihm am 23. November 1934 auf Grund des »Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit« wieder entzogen wurde.

Sergius Reiter und seine Frau Luba, 1935. Die Fotos wurden entweder in Berlin, kurz vor dem Verlassen Deutschlands, oder bereits in Tel Aviv aufgenommen.
Schenkung von Ada Kamil  
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