Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

< 31. MAI 1933
3. JUNI 1933 >

Mittwoch,
31. Mai 1933

Brief von Julius Bab an Georg Hermann zur geplanten Gründung des Kulturbunds deutscher Juden

Zu einer der folgenreichsten Reaktionen auf die Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zählt die Gründung des Kulturbunds deutscher Juden. Initiiert wurde sie von Kurt Baumann, der infolge des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« seine Stellen als Regieassistent an der Berliner Staatsoper, der Volksbühne und der Städtischen Oper verloren hatte. Die Idee erhielt prominente Unterstützung, unter anderem von dem Neurologen und Musikwissenschaftler Kurt Singer (1885–1944) und dem renommierten Germanisten, Theaterkritiker und Dramatiker Julius Bab (1880–1955). Letzterer wandte sich am 31. Mai mit diesem Brief an den Schriftsteller Georg Hermann (1871–1943), um ihm von den Plänen zu berichten und ihn um Unterstützung zu bitten.

In seinem Schreiben gibt Bab deutlich zu erkennen, dass er die »Ghettoisierung« der deutschen Juden für endgültig hält. Um diese Ausgrenzung »einigermassen erträglich« und dem jüdischen Publikum ein qualitätvolles kulturelles Angebot zu machen sowie entlassenen jüdischen Kulturschaffende Arbeit zu geben, wollen er und seine Mitstreiter einen »von allen grossen jüdischen Organisationen« gestützten Kulturbund ins Leben rufen. Das Vorhaben ist ehrgeizig: Neben der Schaffung eines Theaters sollen die Musik, die bildende Kunst und das Vortragswesen, also Literatur und Wissenschaft, feste Bestandteile der Arbeit der Selbsthilfeorganisation werden. Bab weiß, dass alles von der Einwilligung der Machthaber abhängt, und scheint zu ahnen, unter welch strikter Kontrolle das Ganze stehen wird. An Georg Hermann richtet er die Bitte, Mitglied im Ehrenpräsidium zu werden.

Sechzehn Tage, nachdem Bab seinen Brief an Hermann abgeschickt hatte, genehmigte das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die Einrichtung des Kulturbundes. Georg Hermann meldete sich erst Anfang Juli aus Amsterdam, nahm die Einladung Babs an und wurde neben dem Maler Max Liebermann, dem Soziologen Franz Oppenheimer, dem Kunstkritiker Max Osborn und anderen bekannten Persönlichkeiten Mitglied des Ehrenpräsidiums – als einziger, der zu diesem Zeitpunkt bereits im Exil lebte.

Am 17. Juli 1933 wurde der Kulturbund deutscher Juden in der Wohnung von Kurt Singer offiziell gegründet. Mit Gotthold Ephraim Lessings berühmtem Stück »Nathan der Weise«, einem Plädoyer für die Toleranz zwischen den Religionen, eröffnete das Kulturbund Theater am 1. Oktober 1933 seine erste Saison.

Aubrey Pomerance

Kategorie(n): Berlin | Berufsverbot | Künstler und Schriftsteller | Vereine
Brief von Julius Bab an Georg Hermann, Berlin, 31. Mai 1933
Leo Baeck Institute, Georg Hermann Collection, AR 7074

Kurt Singer

Der Leiter des Kulturbunds, Dr. Kurt Singer, wuchs in Koblenz auf, wo sein Vater als Rabbiner amtierte. Er studierte Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und nahm 1908 eine Stelle als Neurologe an der Berliner Charité an. Er war zugleich ein bedeutender Musikwissenschaftler und geübter Geiger. 1913 gründete er den Berliner Ärztechor, 1923 erhielt er eine Professur an der Staatlichen Hochschule für Musik, 1927 wurde er stellvertretender Intendant der Städtischen Oper Charlottenburg. Singer war auch Musikkritiker der sozialdemokratischen Zeitschrift »Vorwärts« und verfasste wichtige Schriften zu Berufskrankheiten bei Musikern.

Während der Pogrome im November 1938 befand sich Singer in den USA. Obwohl er dort Aussicht auf eine Professur hatte und Verwandte und Freunde an ihn appellierten, in Amerika zu bleiben, kehrte er nach Europa zurück. In den Niederlanden angekommen, ließ er sich überreden, nicht weiter nach Berlin zu fahren. Von seinen Kollegen des Kulturbunds nahm er im Dezember brieflich Abschied.

In Amsterdam arbeitete er wieder als Musikschriftsteller und leitete einen Chor. 1943 wurde er verhaftet und über das Transitlager Westerbork nach Theresienstadt deportiert, wo er am 7. Februar 1944 an Entkräftung und einer Lungenentzündung starb.

Kurt Singer, Porträtfotografie von Herbert Sonnenfeld, Berlin, 1933
Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin 
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