Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

< 31. JULI 1933
5. AUGUST 1933 >

Donnerstag,
3. August 1933

Seemaschinisten-Zeugnis für Max Haller

Einen Monat vor seiner Auswanderung nach Palästina ließ sich Max Haller (1892–1960) das hier gezeigte »Zeugnis über die Befähigung zum Seemaschinisten I« von der Deputation für Handel, Schiffahrt und Gewerbe ausstellen. Sie bescheinigt ihm damit, die Maschinen einer ganzen Reihe von Schiffen bedienen zu können: alle motorgetriebenen Schiffe in der Küstenfahrt, kleinen Fahrt und Seefischerei, Dampf- und Motorschiffe mit Motoren bis zu 2000 PS und Segelschiffe mit Maschinenhilfsantrieb in der großen Fahrt. Darüber hinaus war er berechtigt, als Wachmaschinist auf allen motorbetriebenen Schiffen bei Küsten-, kleinen und mittleren Fahrten sowie allen Schiffen bis zu 6000 PS in der großen Fahrt zu arbeiten.

Max Haller hatte bereits während des Ersten Weltkriegs als Maschinist gedient, sowohl auf Kriegsschiffen als auch auf Unterseebooten. Ausgebildet wurde er von 1909–1911 auf der Vulkanwerft in Hamburg in Maschinen- und Schiffsbau, Kesselschmiede und Mechanik und arbeitete anschließend bei der Handelsmarine. Während des Kriegs wurde er mehrfach ausgezeichnet – mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse, dem U-Boot-Abzeichen, der Österreichischen Silbernen Tapferkeitsmedaille sowie der Liyakat-Medaille und dem Eiserner Halbmond des Osmanischen Reiches.

Nach Kriegsende wurde Haller Betriebsleiter der Maschinenfabrik R. Dahl in Berlin. 1930 machte er sich selbstständig und eröffnete ein Elektro- und Radiogeschäft im Stadtteil Schöneberg. Am Boykott-Tag am 1. April 1933 legte er seine Kriegsmedaillen ins Schaufenster. Die Zeichen der Zeit hatte er jedoch klar gesehen. Bereits mehrerer Jahre Mitglied des Verbandes jüdischer Ingenieure für den technischen Aufbau Palästinas verließ er mit seiner Frau und den zwei Töchtern Anfang September Deutschland – in seiner Tasche das ausgestellte Zeugnis.

Aubrey Pomerance

Kategorie(n): Auswanderung | Boykott | Frontsoldaten
Zeugnis über die Befähigung zum Seemaschinisten I für Max Haller, Hamburg, 3. August 1933
Schenkung von I. Dinah Haller

Ein Leben auf See

In Palästina kehrte Max Haller tatsächlich zu seinem ursprünglichen Beruf zurück und fuhr wieder zur See. In den folgenden acht Jahren arbeitete er als Maschinist und später als Leitender Ingenieur auf Handelsschiffen der Marine. 1936 legte er – als Ergänzung zu seinen deutschen Qualifikationen – vor einer britischen Kommission die Prüfung zum Ersten Ingenieur für Dampf- und Dieselschiffe ab.

Nach Kriegsbeginn wurde sein Schiff zwar von der britischen Kriegsmarine beschlagnahmt, Haller konnte jedoch seinem Dienst weiterhin nachgehen. 1941 wechselte er direkt zur Admiralität und war bis 1946 als Technischer Leiter des Royal Naval Armament Depot in Ismailia, Ägypten tätig. Während der folgenden zwei Jahre arbeitete er als Leitender Ingenieur beim Sea Transport Officer in Haifa.

Nach der Gründung des Staates Israel 1948 trat Max Haller, 56 Jahre alt, freiwillig in die entstehende israelische Marine ein. Bis 1953 war er der verantwortliche Ingenieur für die Seetüchtigkeit der Kriegs- und Hilfsschiffe. 1957 verließ er die Marine und fuhr auf verschiedenen Schiffen der ständig wachsenden israelischen Handelsflotte. Weil sich die Gesundheit seiner Frau verschlechterte, zog das Ehepaar 1958 nach Berlin, wo Max Haller 1960 im Alter von 68 Jahren starb.

Max Haller mit seiner Tochter Dinah, um 1950.
Schenkung von I. Dinah Haller 
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