Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

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Donnerstag,
16. November 1933

Brief von Hans Rosenbauer an Berta Levite

Gegensätzliche Meinungen, aber auch unterschiedliche Lebenswirklichkeiten offenbaren sich in dem zweitseitigen, maschinengetippten Brief: Der Absender, Hans Rosenbauer, war verheirateter Familienvater und arbeitete als Prokurist bei der Westdeutschen Bodenkreditanstalt in Köln. Mit einem Wort: Er war etabliert. Berta Levite (1910–1998), die Adressatin, war ledig und hatte offenbar kurz zuvor ihren Arbeitsplatz verloren. Woher sich die beiden kannten, ob sie gar miteinander verwandt waren, ist unbekannt.

Zu Beginn des Briefes machte Hans der lieben »Bertl« zunächst Vorhaltungen, warum sie seiner wiederholten Einladung, nach Köln zu kommen, bis heute nicht gefolgt sei. Sie ziehe es wohl vor, in Württemberg bei ihrem »Schöppchen süßen Most« zu bleiben, anstatt in die Großstadt zu kommen, witzelte er.

Dabei war sich Hans durchaus bewusst, dass die 23-Jährige keineswegs so unbeweglich war, wie er ihr unterstellte. Sie wollte weder in Süddeutschland bleiben, wo sie 1910 im bayerischen Dinkelsbühl geboren und aufgewachsen war, noch irgendwo sonst in Deutschland. Stattdessen trug sich Berta mit dem Gedanken, nach Palästina zu emigrieren, was Hans ihr auszureden versuchte. Er legte ihr nahe, noch einmal »gründlich« darüber nachzudenken, »denn so ganz einfach scheint mir die Sache dort auch nicht zu sein«. Sein Alternativvorschlag lautete, in die Rheinstadt zu kommen und sich dort nach einer neuen Anstellung umzuschauen.

»Im übrigen weiß ich wirklich nicht, was Du für eine übertriebene Angst hast«, fuhr Hans fort. Die gegenwärtige Situation in Deutschland schätzte er offenbar als weniger gefährlich ein. Er selbst, ein Nichtjude, der mit einer Jüdin verheiratet war, vertraute zu diesem Zeitpunkt (noch) offiziellen Verlautbarungen des »Herrn Reichskanzler Hitler« – oder gab dies zumindest vor. Wer beim »Wiederaufbau Deutschlands« mitarbeite und sich zum Staat bekenne, der habe nichts zu befürchten.

Berta Levite war weitsichtiger. Sie verließ das nationalsozialistische Deutschland, zwar nicht nach Palästina, aber nach Amerika: Im August 1934 bestieg sie in Bremerhaven die »Stuttgart«, ein Passagierdampfschiff, das sie nach New York bringen sollte. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod 1998.

Jörg Waßmer

Kategorie(n): Angestellte | Auswanderung
Brief von Hans Rosenbauer an Berta Levite, Köln-Klettenberg, 16. November 1933
Leo Baeck Institute, Bertha Bertheim Collection, AR 10198
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