Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

< 24. NOVEMBER 1933
30. NOVEMBER 1933 >

Sonntag,
26. November 1933

Konzertprogramm des Jüdischen Lehrhauses und der Nassau-Loge zu Wiesbaden

Bach, Händel, Beethoven – es sind klangvolle Namen, die das Wiesbadener Publikum in das vornehme Hotel Kaiserhof locken sollen. Gastgeber sind das Jüdische Lehrhaus Wiesbaden und die Nassau-Loge des B’nai Brith-Ordens. Den Musikliebhabern sind die auftretenden Künstlerinnen sicherlich gut bekannt: Die beiden Pianistinnen Alice Goldschmidt-Metzger und ihre Tochter Heida Hermanns stammen aus Wiesbaden und begleiten die namhafte Altistin Ruth Kisch-Arndt.

Tatsächlich ist der Abend ein großer Erfolg, und auf den ersten Blick entsteht ein harmonisches Bild: Die hervorragende Pianistin, die als Lehrerin ihrer Tochter den Weg geebnet hat und nun deren Erfolge begleitet, sowie die gefeierte Sängerin, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere glanzvolle Konzerte gibt.

Doch bei näherem Hinsehen bekommt das Bild Risse. In der Tat war Ruth Kisch-Arndt (1898–1975) eine gefragte Konzert- und Oratoriensängerin, die zudem in der 1929 gegründeten Künstlerinnenvereinigung GEDOK Köln für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kunst eintrat. Der Aufstieg des Nationalsozialismus beendet aber nicht nur ihr kulturpolitisches Engagement, sondern markiert auch einen Wendepunkt in ihrer Laufbahn als Sängerin. Bald kann sie nur noch bei Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbunds auftreten. Ihrem Mann, dem Kardiologen Prof. Dr. Bruno Kisch, wird nach und nach jegliche berufliche Betätigung entzogen, so dass als letzter Ausweg nur noch die Emigration bleibt. Im Dezember 1938 geht das Ehepaar Kisch mit seinen drei Kindern in die USA.

Alice Goldschmidt-Metzger (1876–1959) stand zunächst die Heirat mit dem Kaufmann Moritz Goldschmidt im Wege, ihr vielversprechendes Talent als Pianistin zu entwickeln. Als die Not des Ersten Weltkriegs ihren Zuverdienst erfordert, lehnt sie es ab, ihren jüdischen Namen für eine Tournee abzuändern, und beendet damit ganz bewusst ihre Laufbahn. Einen Namen macht sie sich dann doch – als Klavierlehrerin. Unter ihren zahlreichen Schülern zeigt ihre Tochter Heida eine besondere Begabung.

Doch die antisemitische Politik der Nationalsozialisten ab 1933 drängt beide aus dem Musikleben und sie verlassen wie Ruth Kisch-Arndt Deutschland Richtung USA. Dort gelingt es allen drei Frauen nach erheblichen Anfangsschwierigkeiten als Musikpädagoginnen Fuß zu fassen und wieder öffentlich aufzutreten. Auf ihren Konzertprogrammen stehen auch wieder die Komponisten des Wiesbadener Konzerts.

Ulrike Neuwirth

Kategorie(n): Berufsverbot | Künstler und Schriftsteller | Vereine
Programm für ein Konzert im Hotel Kaiserhof in Wiesbaden, veranstaltet vom Jüdischen Lehrhaus und der Nassau-Loge zu Wiesbaden, 26. November 1933
Leo Baeck Institute, Heida Hermanns Collection, AR 10183

Heida Hermanns

Alice Goldschmidt-Metzgers Tochter Heida (1906–1995) debütiert bereits mit 14 Jahren und beginnt nach ihrem Studium an der Hochschule für Musik in Berlin regelmäßig zu konzertieren. Antisemitische Diskriminierung bewegt die Pianistin im Gegensatz zu ihrer Mutter dazu, ihren Namen Ende der 1920er Jahre zu ändern. Als Heida Hermanns gastiert sie weiterhin und arbeitet als Pädagogin am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main. Im April 1933 muss sie ihre Lehrtätigkeit aufgeben, mit Konzerten tritt sie nur noch beim Jüdischen Kulturbund hervor. 1936 reist sie mit ihrem Mann, dem Musikkritiker Artur Holde, auf einem Touristenvisum in die USA ein und kehrt nicht zurück. Alice Goldschmidt-Metzger folgt ihrer Tochter 1938.

Heida Hermanns Name verbindet sich heute mit einem renommierten internationalen Nachwuchsmusikwettbewerb, den sie zu Beginn der 1970er Jahren in ihren neuen Heimat in Westport, Connecticut begründet hat.

Junge Frau mit kurzem dunklem Haar am Klavier. Sie lächelt in die Kamera.
Heida Hermanns, geb. Goldschmidt, am Klavier, ca. 1925
Leo Baeck Institute, Heida Hermanns Collection, AR 10183 
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