Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

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Donnerstag,
7. Dezember 1933

Brief von Julius Obst an Martha Marcus über die Aufstellung des Grabsteins für ihren Mann

Mitte November 1933 wandte sich Martha Marcus an den Bildhauer Julius Obst, um Auskunft über die Kosten und Ausstattung eines Grabmals für ihren knapp ein Jahr zuvor verstorbenen Mann Magnus auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee zu erhalten. Die Witwe wollte nicht, wie traditionell üblich, dass der Grabstein am Jahrestag des Todes aufgestellt wird (das wäre der 22. November gewesen), sondern zwei Wochen später, am 70. Geburtstag des Toten. Der Termin ließ sich jedoch nicht halten und auch eine Aufstellung einige Tage danach musste wegen strengen Frosts verschoben werden, wie Julius Obst der Witwe am 7. Dezember mitteilte. Erst 12 Tage später wurde der schlichte Stein aus hellgrauem Granit mit einer lediglich aus Namen, Geburts- und Todesdatum bestehenden Inschrift errichtet.

Für Martha Marcus war es nicht leicht, alle damit verbundenen Ausgaben zu tragen. Deshalb wandte sie sich an die Friedhofskommission der Jüdischen Gemeinde mit der Bitte, ihr die Wertgebühr nachzulassen und die Kosten für das Fundament herabzusetzen. Als erwerbsunfähige Frau ohne Vermögen wurde sie von der bei ihr wohnenden Tochter Alice versorgt. Diese arbeitete beim Ullstein Verlag, »in dem der Abbau der jüdischen Arbeitskräfte fortgesetzt wird«, wie Martha Marcus in ihrem Anschreiben betonte. »Die Errichtung des bescheidenen Denksteins wäre mir unmöglich, wenn ich nicht vorausgesetzt hätte, dass meinem Gesuch entsprochen würde.« Die Kommission willigte ein.

Anderthalb Jahre später verlor die Tochter von Martha Marcus tatsächlich ihre Stelle. Nach Beschäftigungen bei drei weiteren Firmen entschloss sie sich auszuwandern und folgte ihrem Verlobten im September 1938 nach Kenia. Zuvor hatte sie ihre Mutter in dem jüdischen Blindenheim in Berlin-Steglitz unterbringen können. Martha Marcus starb am 5. September 1942 im Jüdischen Krankenhaus im Alter von 77 Jahren und wurde neben ihrem Mann bestattet. Die Deportation blieb ihr so erspart.

Der 1878 geborene Julius Obst, ein in den 1910er Jahre anerkannter Bildhauer, wurde im Rahmen der Aktion »Arbeitsscheu Reich« Mitte Juni 1938 verhaftet, als »arbeitsscheuer Jude« ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und Anfang August »überführt«. Obwohl sein Todesjahr mit 1939 angegeben wird, bleiben die genauen Umstände seines weiteren Schicksals im Dunkeln.

Aubrey Pomerance

Kategorie(n): Berlin | Künstler und Schriftsteller | Religiöses Leben
Brief des Bildhauers Julius Obst an Martha Marcus mit der Mitteilung über die Verschiebung der Grabmalsaufstellung, Berlin, 7. Dezember 1933
Schenkung von Alice Gordon
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