Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

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30. JANUAR 1933 >

Samstag,
30. Dezember 1933

Auszug aus einem Brief von Gertrud Ludwig an Max Pinkus

»Meine innigsten Wünsche für Sie gehen dahin, daß das Jahr 1934 Ihnen nicht wieder solche Erschütterungen bringen möge wie die abgelaufenen 12 Monate.« Dieser Satz, niedergeschrieben Ende 1933, mag stellvertretend für Schicksal und Hoffnung der Juden in Deutschland nach Ablauf eines Jahres stehen, welches ihr Leben grundsätzlich veränderte und doch nur den Beginn einer mehr als 12-jährigen Katastrophe markierte. Geschrieben wurde er allerdings von einer Nichtjüdin, der im niederschlesischen Liegnitz lebenden Gertrud Ludwig. Ihre Worte galten Max Pinkus, ehemals Direktor einer der größten Textilfabriken der Welt in Neustadt/Oberschlesien, Ehrenbürger, Philanthrop und Sammler von Büchern und Kunsthandwerk, der vier Wochen zuvor 76 alt geworden war. Pinkus und den im Januar 1933 verstorbene Ehemann der Schreiberin, Viktor Ludwig, verband eine lange Freundschaft. Zusammen gaben sie 1922 die erste Bibliografie der Werke des schlesischen Schriftstellers Gerhart Hauptmann heraus.

Gertrud Ludwig weiß von den einschneidenden Veränderungen im Leben der Familie Pinkus. Sie ist zutiefst besorgt um Max Pinkus, dessen Welt in den vorangegangenen 11 Monaten zerstört wurde, und um seine Kinder und Enkelkinder. »Ich hatte nicht im Entferntesten gedacht, daß die Ereignisse so einschneidend für Ihre Familie und auch Ihr Lebenswerk sein würden.« Auch sie kann nicht verstehen, was aus dem Land seit dem 30. Januar geworden ist.

Max Pinkus war im Laufe des Jahres aus Dutzenden von Vereinen ausgeschlossen worden, in denen er nicht nur Mitglied, sondern tatkräftiger Förderer war. Einer seiner Söhne ist vorübergehend ins Ausland gegangen, dem Brief nach zu urteilen, befinden sich die Enkelinnen im tschechoslowakischen Brünn. Nach einer Enteignung der Fabrik wird bereits getrachtet. Mit welchen Gefühlen blickt Max Pinkus in das bevorstehende neue Jahr? Gertrud Ludwig scheint zuversichtlich, dass er die Lage zu bewältigen weiß.

Viereinhalb Monate später besucht sie ihn zusammen mit ihren Kindern. Nach ihrer Rückkehr spricht sie ihm Ende Mai 1934 ihren innigsten Dank aus, äußerst sich aber besorgt über sein Wohlbefinden. Drei Woche später ist Max Pinkus tot. Gertrud Ludwig reist offenbar nicht zu seiner Beerdigung. An seinem Grab stehen aber sein Freund Gerhart Hauptmann und dessen Frau. Es sind angeblich die einzig anwesenden Nichtjuden. Von den Stadtvertretern erscheint keiner, um ihrem Ehrenbürger die letzte Ehre zu erweisen.

Aubrey Pomerance

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Zwei Seiten eines Briefes von Gertrud Ludwig an Max Pinkus, Liegnitz, 30. Dezember 1933
Leo Baeck Institute, Pinkus Family Collection, AR 7030
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