Veröffentlicht von am 18. Januar 2013 3 Kommentare

Namen sind von Bedeutung…

Sie verraten die Hoffnungen, Vorstellungen, Projektionen von Vätern und Müttern, folgen Trends und deuten auf die Herkunft ihrer Träger hin.
Für Juden sind mit der Namensgebung eines Kindes viele Entscheidungen verbunden: Soll der Name die Zugehörigkeit unterstreichen, nur für andere Juden kenntlich sein, oder gerade nicht? Ist er geläufig in der Sprache des Landes, aus dem eine Familie kam oder in das ein Kind geboren wird? Welche Übersetzungen hat er erlebt? An wen soll er erinnern? Kolleginnen und Kollegen sowie Freundinnen und Freunde des Jüdischen Museums Berlin teilen in diesem Blog ihre Gedanken zu diesen und anderen Fragen mit.

Kinderzeichnung der Prophetin Miriam mit Tambourin

Miriam tanzt © Miriam Lubrich

Miriam / Mirjam
Bald wird es auf dem Flur, in dem sich mein Büro befindet, vier Frauen geben, die den gleichen Vornamen tragen wie ich: Mirjam bzw. Miriam. Auch wenn die Etymologie nicht eindeutig geklärt ist, dürfte dennoch jene triumphierende Prophetin mit der Pauke unser aller Namenspatin sein, die die Frauen zum Freudentanz animierte, nachdem die Israeliten aus Ägypten geflohen und das Rote Meer durchquert hatten (2. Mose 14, 20). Dabei gehört die Schwester von Moses und Aron durchaus zu jenen weiblichen Figuren, die – wie etwa die beiden Frauen des ersten Mannes Adam, Lillith und Eva – rebellische Züge haben: Miriam erhebt den Anspruch, dass Gott auch durch sie spreche. Sie wird daraufhin mit Hautausschlag belegt und muss sieben Tage außerhalb des Zeltplatzes harren, bevor sie wieder in der Gemeinschaft der Wüstenreisenden wohnen darf (4. Mose 12, 1-16).

Ist es ein Zufall, dass diese streitbare Frau gleich mehreren Kolleginnen im Jüdischen Museum Berlin ihren Namen lieh?

Kinderunterschrift »Miriam«Eine weitere Kollegin, die ihrer Tochter den Namen gab, den schon ihre verstorbene Großmutter trug, und sie Miriam nannte, weist mich auf die Statistik der beliebtesten Vornamen in Deutschland hin. Miriam oder Mirjam scheint ab etwa 1967 ein geläufiger Vorname im deutschsprachigen Raum geworden zu sein. Er sei aber keinesfalls ein Modename, heißt es hier. Zwei meiner Kolleginnen wurden allerdings geboren, noch bevor der Name in Deutschland die Statistiker interessierte. Die eine erzählt mir, dass ihre Eltern den deutschen Standesbeamten erst überzeugen mussten, sich überhaupt mit ihrer Namenswahl einverstanden zu erklären. Miriam sei damals in den USA aber bereits geläufig gewesen, meint sie. Unterschrift des Namens »Miriam«Die Eltern meiner anderen Kollegin fanden Miriam nicht nur schön – was wir alle bestätigen –,  sondern wollten ihrer Tochter auch einen jüdischen Namen geben.

Nomen est omen – zumal in der jüdischen Tradition. »Im Namen teilt das geistige Wesen des Menschen sich Gott mit«, schreibt Walter Benjamin in Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen. Sein Versuch, die Bedeutung des Namens für die Konstitution der Sprache zu beschreiben, knüpft an das Verbot an, den göttlichen Namen auszusprechen und überträgt diesen auf die Konstitution von Sprache an sich. Unterschrift des Vornamens »Mirjam«Hat »das geistige Wesen«, dass meine Eltern ins Leben riefen, indem sie mir meinen – damals bereits bekannteren – Namen gaben, etwas mit den Wesen der anderen Miriams und Mirjams auf unserem Flur gemein?

Wenn die Statistik keine Antwort bereithält, tun dies häufig populärere Varianten psychologischer Theoriebildung. In der Transaktionsanalyse von Eric Berne ist das Konzept des Skripts von zentraler Bedeutung. Miriam, handgeschriebenEs lässt sich als eine Art Drehbuch oder unbewusstes Programm verstehen, welches die Verhaltenweisen das Verhalten eines Menschen entscheidend prägt. Ob der Name Miriam oder Mirjam wohl ein ähnliches Skript für Jüdinnen wie Nicht-Jüdinnen und all jene bergen mag, deren Ich sich zwischen solchen genauen Bestimmungen bewegt? Wenn dem so wäre und wir uns alle im Jüdischen Museum Berlin versammelten: Wie unsere Pauken und Tänze heute wohl aussähen?

Mirjam Wenzel, Medien

Veröffentlicht unter Im Jüdischen Museum Berlin, Religion
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Kommentiert von Gauguin’sche Exotik | Blogerim בלוגרים am 29. Juli 2013, 17:28 Uhr

[...] sowie Freundinnen und Freunde des Jüdischen Museums Berlin teilen in diesem Blog ihre Gedanken zu diesenund anderen Fragen [...]

Kommentiert von Prof. Dr. Martina Steinkühler am 5. November 2013, 19:21 Uhr

Ich würde das Bild von Mirjam Lubrich gern in dem neuen Konfirmandenmaterial veröffentlichen, das ich gerade für die ´VELKD und den Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erarbeite; es strahlt so wunderbar Freude und Erleichterung aus – eben diese möchte ich, für die Konfis befremdlich, mit Gottesdienst verbinden. Darf ich???? Liebe Grüße, Martina Steinkühler

Kommentiert von Mirjam Wenzel am 8. November 2013, 09:24 Uhr

Liebe Frau Steinkühler,
wie schön, dass Ihnen das Bild gefällt und Sie es gerne verwenden möchten! Von Seiten des Jüdischen Museum Berlin steht einer zweiten Veröffentlichung nichts entgegen. Da es sich um das Bild einer Minderjährigen handelt, ist es allerdings notwendig, dass die Eltern von Miriam Lubrich mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Wir haben Ihre Anfrage daher weitergeleitet.
Mit herzlichen Grüßen
Mirjam Wenzel

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