Veröffentlicht von am 6. März 2013 0 Kommentare

Der zweite Blick

Manch ein Sammlungsstück, das wir im Jüdischen Museum aufbewahren, erschließt sich erst auf den zweiten Blick – wie diese Fotografie einer Männerrunde, aufgenommen in Lissa in Posen im Jahr 1913.

Foto von Walter Frost mit Freunden, 1913

Fotografie von Walter Frost (1893 – 1968) mit Freunden
Lissa, Posen, 1913
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Edith Marcus, geb. Frost

Sie müssen schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, was dort auf dem Tisch liegt: Neben den Spuren trinkfreudiger Geselligkeit ist vorn links eine Ausgabe der Zeitschrift Ost und West zu sehen; weiter rechts steht eine Spendenbüchse des Jüdischen Nationalfonds mit dem Davidstern. Diese Gegenstände machen es möglich, die knapp 9 mal 14 cm kleine Fotografie mit der zionistischen Bewegung in Verbindung zu bringen.

Der Jüdische Nationalfonds, auf Hebräisch »Keren Kajemeth Lejisrael«, war 1901 gegründet worden, um Land in Palästina zu kaufen. Seine Einnahmen setzten sich aus Spenden zusammen; sie wurden unter anderem in einfachen, blau-weißen Blechbüchsen gesammelt, die mit einem Davidstern gekennzeichnet waren. In zionistischen Haushalten, in Vereinen und auf Veranstaltungen waren die »blauen Büchsen« zu finden.

Titelblatt der Zeitschrift Ost und West

Titelzeichnung der Zeitschrift »Ost und West« von Ephraim Moses Lilien © Jüdisches Museum Berlin

Die Zeitschrift Ost und West widmete sich der jüdischen Kunst, Literatur und Wissenschaft. Die Macher der Zeitschrift wollten der jüdischen Kultur neue Impulse geben, indem sie das ost- und westeuropäische Judentum einander näher brachten. Das Titelblatt hatte Ephraim Moses Lilien entworfen. Eine schön gewandete Frau, mit David­sternen geschmückt und von den Dornen des Exils umgeben, hält zwischen jungen Zweigen eine Rose von Jericho in der Hand. Stellt man die trockene Wüstenpflanze ins Wasser, entfaltet sie sich immer wieder neu.

Der Zionismus faszinierte vor allem die junge Generation. Dazu passt, dass die Männerrunde, die sich 1913 wahrscheinlich in einem Wohnzimmer zusammenfand, noch recht ›grün hinter den Ohren‹ war. Wo genau und bei welcher Gelegenheit die Aufnahme entstand, wissen wir leider nicht.

Sollten wir das kleine Foto einmal ausstellen, so würden wir es möglicherweise mit den Gegenständen auf dem Tisch kombinieren: einer Ausgabe der Zeitschrift Ost und West und einer Spendenbüchse des Jüdischen Nationalfonds. Es bedarf jedenfalls einiger Anstrengung, um das Interesse von Museumsbesuchern auf ein solch kleinformatiges Ausstellungsstück und seine Details zu lenken. Oder hätten Sie sich schon auf den ersten Blick in unsere Fotografie ›verguckt‹?

Maren Krüger, Ausstellungen

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