Veröffentlicht von am 20. August 2013 1 Kommentar

Wohin würdest du gehen?

In der Woche vom 21. bis 27. Oktober 2013 finden in der Akademie des Jüdischen Museums Berlin Lesungen, Workshops und ein Publikumstag unter dem Titel »VielSeitig. Eine Buchwoche zu Diversität in Kinder- und Jugendliteratur« in Kooperation mit Kulturkind e.V. statt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Abteilungen haben dafür zahlreiche Bücher gelesen, diskutiert und ausgewählt. Einige dieser Bücher wurden in den vergangenen Wochen hier bereits vorgestellt.
Aufgereihte Buchrücken von Kinder- und JugendbüchernDas Buch von Janne Teller sieht aus wie ein Reisepass – genauso klein, und mit seinen 32 Blatt ist es auch nur wenig dicker. Die Lektüre beginnt mit der Frage: »Wenn bei uns Krieg wäre. Wohin würdest du gehen?« Ich habe mir diese Frage bisher noch nie gestellt. Doch Teller beschreibt in eindringlichen, einfachen Sätzen den Krieg in Deutschland, die Flucht einer Familie über mehrere Länder, das Leben im Flüchtlingslager und das Aufwachsen einer neuen Generation in Ägypten. 

Der Krieg ist heute in drei Jahren. Die Europäische Union ist zusammengebrochen. Deutschland will nicht länger zahlen. Menschen werden gefoltert, verschwinden. Teller erzählt von der zerstörten Heimat Deutschland. Sie spricht den 14-jährigen Protagonisten mit »du« an und meint gleichzeitig dich, dich Lesenden. Sie schreibt über dich. Über deine Sorgen und Ängste. Über deine Eltern, deine Schwester, deine Brüder, deine Freunde. Über dein Leben, das du nicht mehr selbst bestimmen kannst.
Als Lesende kann ich mich dem Gedankenspiel, dem Perspektivenwechsel, nicht entziehen. Es reißt mich mit und erschüttert die Sicherheit, in der wir uns wähnen.

»Auf wohin? Gibt es keine Antwort. Eure Familie ist zu einer Zahl geworden. Fünf! Es gibt kein Land, das weitere fünf Flüchtlinge haben will. Flüchtlinge, die die Sprache nicht beherrschen, die nicht wissen, wie man sich in einer klassischen Kulturgesellschaft benimmt, dass man seinen Nachbarn respektiert, den Gast höher stellt als sich selbst und die Tugend einer Frau achtet.«

Die Flüchtlinge aus Europa sprechen die Sprache nicht, sie vertragen die Hitze schlecht, sie sind respektlos im Umgang mit anderen. Sie haben eine andere Kultur. Sie sind unerwünscht.

Das Buchcover in Format und Farbgebung eines Reisepasses

© Hanser Verlag

Ich lese, als ich das Buch zwischendurch beiseitelege, in einer Zeitung den Artikel über ein Flüchtlingsheim in Berlin: »Nachbarn unerwünscht«. Wie reagieren Menschen, die wir nicht willkommen heißen? Wie würde ich reagieren, wenn ich weiß, unerwünscht zu sein? Was würde ich machen, wenn ich nichts tun kann? Tagelang. Nächtelang. Wenn meine Hoffnung schwindet? Wenn mir mein Leben gestohlen wird?

In dem Buch denkt der Junge, wenn er erst einmal in Sicherheit ist, wird er jede Arbeit machen. Er will anpacken, er will vergessen, er will sich erinnern. Er will ein neues Leben, eine Familie gründen, eine Zukunft haben. Er hat Träume, er glaubt, dass es möglich ist …
Janne Teller hat das Buch 2001 geschrieben, als in ihrer Heimat Dänemark – das Buch spielt im dänischen Original dort – die Einwanderungsgesetze verschärft wurden und der Ton sich gegen Migrant_innen änderte. Zehn Jahre später veröffentlicht der Carl Hanser Verlag ihren Text und verlegt die Geschichte nach Deutschland. Leider hat der Text an Aktualität nichts eingebüßt.

Die Illustratorin Helle Vibeke Jensen zeichnet mit wenigen Strichen Bilder von Krieg, Angst, Zerstörung, Gewalt, Ratlosigkeit. Einzelne Motive wiederholen sich auf der Blattseite, wie eine Tapete. Die Bilder von Ägypten sind anders: Die Bildhintergründe bestehen meist aus verschwommenen Fotos. Man erkennt Menschen, die sitzen, laufen oder Essen verkaufen. Aber der Betrachter kann nicht teilhaben an dieser suggerierten Normalität. Immer wieder wird das Foto durch Zeichen und Zeichnungen im Vordergrund gestört.

Unbedingt ansehen – unbedingt lesen!

Nina Wilkens, Bildung

Janne Teller, Krieg. Stell dir vor, er wäre hier, aus dem Dänischen von Sigrid Engeler, Illustrationen Helle Vibeke Jensen, München: Carl Hanser Verlag 2011, 64 Seiten. (Leseempfehlung ab 12 Jahren.)

P.S.: Ich erzähle die Geschichte nicht zu Ende. Lest sie. Sie hat mich sehr bewegt. So sehr, dass wir sie in Berliner Briefkästen verteilt haben. Teller spricht darüber auf Deutschland Radio Kultur.

Kommentiert von Susanne Opitz am 1. Juni 2014, 21:37 Uhr

Danke Nina,

ich habe das Buch gerade gekauft. Und: Ich hab mich in letzter Zeit tatsächlich manchmal gefragt, was wäre, wenn wir die Flüchtlinge wären. Hab mich aber nie getraut zu Ende zu denken….

Susanne

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