So viel Raum muss sein

Von verborgenen Kulturschaffenden

Plakat mit der Aufschrift »Die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht.« José Saramago, Literatur-Nobelpreisträger 1998

© VdÜ Die Literaturübersetzer,
Design: Christian Hoffmann

Heute ist die Giornata mondiale della traduzione bzw. Międzynarodowy Dzień Tłumacza, Journée mondiale de la traduction, Uluslararası Çeviri Günü, Día Internacional de la Traducción, International Translation Day – also: Internationaler Übersetzertag.

1991 von der Fédération Internationale des Traducteurs (FIT) ausgerufen, soll der Tag die Bedeutung von Übersetzungen für unsere Kultur bewusst machen. Der 30. September ist nämlich der Todestag von Hieronymus (gestorben 420 n. u. Z.), der die Hebräische Bibel ins Lateinische übersetzte. Seit der Antike haben Übersetzungen die jeweilige Zielsprache beeinflusst und in unserer heutigen, international vernetzten Welt sind sie unsere täglichen Begleiter. »Wo immer gesprochen, geschrieben, gelesen, ja selbst gesungen wird, hatten und haben Übersetzer ihre Hand im Spiel, und ihnen verdanken wir es, dass die ganze Welt in der eigenen Sprache aufgehoben ist«, bringt es der Verband der Literaturübersetzer (VdÜ) auf den Punkt.

»Und von wem stammt IHR Shakespeare?«

Screenshot der ePostkarten-Aktion von CEATL zum Internationalen Übersetzertag 2012

Oft denken wir gar nicht darüber nach, durch wen der zur Hand genommene Flaubert eigentlich auf Deutsch zu uns spricht. Noch weniger Gedanken macht man sich vermutlich bei Sachbüchern oder Websites. Das geht mir seit einigen Jahren anders: erstens, weil ich selbst Literatur aus dem Italienischen übersetze, und zweitens, weil ich als Redakteurin, z.B. dieses Museumsblogs, regelmäßig mit Übersetzerinnen ins Englische oder aus dem Englischen zusammenarbeite (vgl. Impressum). Ohne das Engagement unserer verschiedenen Übersetzerinnen und Übersetzer könnten die Website und andere Publikationen des Jüdischen Museums Berlin nicht (fast) durchgängig zweisprachig erscheinen. Ob korrekte Entsprechungen für historische Begriffe oder unterschiedliche Transkriptionsregeln für das Hebräische – Übersetzungen können nur dann gelingen, wenn sich die Übersetzenden mit den Themen der Texte und den Besonderheiten unseres Museums auseinandersetzen.

Übersetzerinnen und Übersetzer, die inhaltlich mitdenken, würden sicher kein Seil für ein Kamel halten, wie ein Video über das berühmte Nadelöhr unterstreicht. Es wurde zusammen mit 26 weiteren Videos für den diesjährigen Wettbewerb »Spot the Translator« eingereicht, den der europäische Dachverband der Übersetzerinnen und Übersetzer CEATL ausgeschrieben hatte. In anderen Videos geht es um die auch für unsere Übersetzerinnen häufig knappen Deadlines oder um die schlechte Bezahlung für einen der ältesten Berufe der Welt. Von den Videos, die auf der Shortlist von CEATL zu finden sind, hat mich der Beitrag der norwegischen Kollegen besonders beeindruckt:

Wer sich die vermeintliche Tirade »Translators are a Waste of Space« eigentlich nicht anhören mag, sollte durchhalten – es lohnt sich. Tatsächlich sind nämlich Lob und Wertschätzung für den gekonnten und kreativen Umgang mit Sprache, den das Video selbst vorführt, angebracht. Denn oft kann eine Übersetzerin nicht einfach eins zu eins ein Wort durch eines in ihrer Sprache ersetzen: Wortspiele oder Wortneuschöpfungen einer Autorin etwa muss sie in ihrer Sprache selbst neu erfinden. Bei gereimten Texten gilt es als erstrebenswert, dass sie sich auch in der Zielsprache reimen – der Übersetzer also zum Dichter wird (vgl. z.B. die Gaggalagu-Zitate auf Deutsch und Englisch). Besondere »pleasures and pitfalls«, also »Freuden und Fallstricke« (zum Glück auch im Deutschen eine Alliteration) halten auch Texte mit literarischen Anspielungen oder sprechenden Namen und insbesondere die Übersetzung von Humor bereit.

Weil aktuellen Meldungen zufolge der Nachwuchs schwindet, möchte ich die Schwierigkeiten und Herausforderungen unserer verborgenen Tätigkeit im Kulturbetrieb nicht weiter skizzieren, sondern zum Abschluss noch das Wichtigste sagen: Übersetzen macht einfach glücklich! Das meint auch Michiel Moormann:

Mirjam Bitter, Medien

PS: Wer diesen Text lieber auf Englisch lesen möchte, kann dies in den Worten von Jill Denton tun.

Veröffentlicht unter Film, Geschichte, Kunst, Literatur, Medien
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Kommentiert von Anonymous am 30. September 2013, 21:49 Uhr

Ein sehr schöner Beitrag! Und toll auch die Wertschätzung, die den Übersetzern der Web-Inhalte des Museums zuteil wird – und dass das Museum Wert auf Qualität bei der Umsetzung der Zweisprachigkeit legt!

Kommentiert von Mirjam Bitter am 2. April 2014, 16:36 Uhr

Die Übersetzerin Cécile Déniard hat die Herausforderung der norwegischen Kollegen angenommen und so gibt es mittlerweile eine französische Übersetzung des Videos »Translators are a Waste of Space«:

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