Veröffentlicht von am 18. Juli 2014 1 Kommentar

Sammeln als »Way of Life«

Ein Gespräch mit René Braginsky

Seit wann sammeln Sie und wie viele Objekte umfasst Ihre Sammlung?

René Braginsky: Das Sammeln von Büchern hat angefangen, nachdem ich bei der Bar-Mitzwah-Feier unseres Sohnes vor mehr als 20 Jahren kein illustriertes Tischgebet gefunden habe und mich mit einer Kopie zufrieden geben musste. Bei seiner Hochzeit haben wir dann ein Tischgebet aus unserer eigenen Sammlung reproduzieren können. Als ich dann langsam auf den Geschmack kam, habe ich allmählich mehr gekauft und nach Möglichkeit in immer besserer Qualität. Angeregt dazu wurde ich durch einen gut befreundeten älteren Sammler. Die Judaica-Sammlung umfasst inzwischen über 700 Stücke, hauptsächlich Bücher, illustrierte Hochzeitsverträge und illustrierte Esther-Rollen.

Ein Raum in dunkelblauer und weißer Farbe gestrichen. Auf dem hellen Holzfußboden sind schräge, blaugehaltene Wände angebracht auf denen Bücher in Glasvitrinen besfestigt sind

Ansicht des ersten Raumes der Wechselausstellung: »Die Erschaffung der Welt. Illustrierte Handschriften aus der Braginsky Collection« © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Martin Adam

Um was geht es Ihnen beim Sammeln der hebräischen Manuskripte? Verfolgen Sie ein bestimmtes Ziel oder eine Mission mit Ihrer Sammlung?

Es geht mir vor allem um eine direkte Verbindung mit der jüdischen Geschichte, meiner Anschauung von jüdischer Geschichte. Auch faszinieren mich immer wieder die Vielfalt der Illustrationen und die regionalen und nationalen Einflüsse auf die Illustrationen. Jüdische Bücher aus Deutschland sind in erster Linie auch deutsche Bücher, so wie jüdische Bücher aus Spanien auch spanische sind und die aus Marokko auch marokkanische. Juden lebten in verschiedenen Welten, und diese Diaspora spiegelt sich in den Buchillustrationen wider. Und die alten Bücher, die so viel Gelehrsamkeit enthalten, erfüllen mich mit Ruhe und auch mit der Zuversicht, dass, was wirklich wichtig ist, auch bleibt. Wenn es so etwas wie eine Mission gibt, dann ist es meine Überzeugung, dass man solche Schätze nicht vor der Welt verbergen, sondern sie mit ihr teilen sollte. Deshalb haben wir unsere Websites (braginskycollection.com und braginskycollection.ch) eingerichtet, haben zwei iPad-Apps (Braginsky Collection und Braginsky Collection Berlin) ins Netz gestellt und stellen einen Teil der Sammlung jetzt in Berlin schon zum fünften Mal aus.
Im Laufe der Jahre haben durch die Ausstellungen und Internetquellen viele zehntausende Weltbürger – jüdische ebenso wie nicht-jüdische – den Genuss der Sammlung mit uns teilen können.

Hat sich der Markt für Sammler von Judaica und hebräischen Handschriften in Ihren Augen in den letzten Jahrzehnten geändert? Sind Sie auf Fälscher oder unlautere Händler getroffen?

Die Bücher sind nicht billiger geworden, zumindest nicht die wirklich guten Bücher. Auffallend ist aber schon, dass für nicht sehr seltene Bücher gegenwärtig eher weniger bezahlt werden muss, für die Unikate hingegen eher sehr viel mehr. Der Judaica-Handel ist ein Teil des Kunsthandels. Das heißt, dass es immer auch weniger zuverlässige Händler geben wird. Ich versuche mich davor zu schützen und arbeite nur mit einer sehr begrenzten Gruppe von Agenten und Ratgebern, die mich kennen und denen ich vertrauen kann. Und im Laufe der vielen Jahre meiner Sammeltätigkeit kann ich allerdings auch gut auf mein Bauchgefühl vertrauen.

Sammeln Sie heute anders als früher?

Vielleicht steht der Zwang, bestimmte Objekte unbedingt besitzen zu wollen, heute nicht mehr so stark im Vordergrund, weil die Sammlung ohnehin bereits so stark angewachsen ist. Dazu soll aber bemerkt werden, dass ich mich als Sammler schon immer eher untypisch verhielt, weil ich immer schon gut damit leben konnte, dass ich bestimme Stücke nicht kaufen muss. Was sich auch geändert hat, ist, dass sich im Laufe der Zeit innerhalb der Sammlung Gruppen gebildet haben, Objektgruppen, wie die Hochzeitsverträge oder die Esther-Rollen, aber zum Beispiel auch Bücher von bestimmten Künstlern oder aus bestimmten Orten. So gesehen ist die Sammlung auch organisch gewachsen.

Teilt Ihre Familie Ihre Sammlerleidenschaft?

Vor allem unser Sohn interessiert sich sehr für die Sammlung. Er schätzt diese wertvollen Zeugnisse der jüdischen Geschichte und des jüdischen intellektuellen Lebens vielleicht sogar mehr als ich und er versteht sie auch noch besser.

Personen stehen in einem gelb gestrichenen Raum vor einer sehr langen Galsvitrinen, die auf der rechten Seite in eine gelbe Ausstellungsfläche eingearbeitet wurde. In der Vitrine hängen verschiedenen Schriftrollen.

Besucher betrachten Estherrollen in der Wechselausstellung: »Die Erschaffung der Welt. Illustrierte Handschriften aus der Braginsky Collection« © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Ernst Fessler

Was sind die Objekte in Ihrer Sammlung, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Das lässt sich schwer sagen, weil jedes Objekt eine eigene Geschichte erzählt. Die älteste Handschrift der Sammlung, im späten dreizehnten Jahrhundert, vielleicht in der Schweiz, geschrieben, ist ein Spitzenstück. Es ist ein halachischer Text und ist noch immer sehr beeindruckend. Auch die aus Deutschland stammende Mischne Tora Handschrift aus dem Jahre 1355, die ich besitze, ist ein sehr wertvolles Buch. Es enthält Textvarianten, die sonst nicht bekannt sind, und es enthält den vollständigen Text dieses juristischen Hauptwerkes von Moses Maimonides, auch bestimmte Stellen über den Messias, die üblicherweise zensiert wurden. Von besonderer Bedeutung ist auch die früheste illustrierte Esther-Rolle aus dem Jahre 1564, geschrieben von einer jüdischen Frau in Venedig. Eine Prachthandschrift aus späterer Zeit, eine Pessach Haggada, wurde zwar von einem Mann geschrieben, aber von einer Frau gemalt, und zwar von Charlotte von Rothschild in Frankfurt am Main im Jahre 1842. Es ist die einzige hebräische Handschrift älterer Zeit, die von einer Frau gemalt wurde.

Wo sehen Sie Ihre Sammlung in 100 Jahren?

Das ist wirklich eine schwierige Frage, die ich immer wieder bekomme. Schlussendlich ist das auch die Entscheidung unseres Sohnes. Ich habe schon öfter betont, dass ich nicht daran interessiert bin, eine Institution zu hinterlassen, etwa ein Museum oder eine Spezialbibliothek. Im Grunde sind wir ja doch nur auf Zeit Besitzer solcher Schätze. Andererseits macht das Sammeln immer noch Spass, und ich werde auch in Zukunft immer wieder neue Stücke kaufen. Das Sammeln ist ja nicht nur Hobby, sondern auch ein »Way of Life«.

Michaela Roßberg und Mirjam Wenzel, Medien

P.S. Eine Vielzahl von beeindruckenden Werken aus der Sammlung von René Braginsky werden noch bis zum 3. August in der Austellung »Die Erschaffung der Welt. Illustrierte Handschriften aus der Braginsky Collection« im Jüdischen Museum Berlin gezeigt.

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