Verwirrende Vermächtnisse

Deborah Wargons Werke für unseren Kunstautomaten holen unter den Teppich Gekehrtes hervor

Portraitaufnahme einer Frau mit rotem Lippenstift und schwarzen langen Locken. Sie sitzt auf einem Balkon schaut direkt in die Kamera.

Porträt von Deborah Wargon © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Gelia Eisert

Ein herzlicher Empfang, Duft nach frisch gekochtem Essen, ein hoher lichtdurchfluteter Raum voller bunter Bücher und Bilder und ein Klavier, auf dem ein Wegweiser nach Australien zeigt – mein erster Kontakt mit Deborah Wargon in ihrem Wohn-Atelier im Prenzlauer Berg passt so gar nicht zu den eher strengen und düsteren Assoziationen, die das Wort »Testamentsvollstreckerin« bei mir auslöst. Diese Selbstbezeichnung gibt sich die 1962 in Melbourne geborene Musikerin, Theaterfrau und Bildende Künstlerin auf dem ›Beipackzettel‹ zu den kleinformatigen Kunstwerken, die sie für den Kunstautomaten in unserer Dauerausstellung geschaffen hat. Sie tragen den Titel »Das Vermächtnis der Friede Traurig«, und Deborah Wargon, die sonst vor allem für ihre Scherenschnitte in ehemaligen Insektenkästen bekannt ist, sagt dazu, dass sie eher traurig seien.

Wenn man mit etwas Glück eines ihrer Werke zieht, erhält man beispielsweise eine kleine menschliche Figur aus Gleisschotter, Draht und Zeitungspapier. Neben dem sprechenden Namen »Friede Traurig« ruft auch das Material traurige Geschichten von Zugtransporten und Drahtzäunen auf, zumal es sich bei dem verwendeten Zeitungspapier um Zeitungen aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Doch nicht nur um die konkrete Zeit des Nationalsozialismus und der Schoa geht es der Künstlerin offenbar, sondern allgemeiner um die Vermächtnisse, das Erbe und die Geschichten, die wir alle mit uns herumtragen.

Ihre Materialwahl begründet sie nämlich so: »Draht ist für mich ein spannendes Material. Es wird ja auch für Käfige verwendet. Man kann damit also andeuten, worin wir alle gefangen sind.« Der am Boden liegende Gleisschotter wiederum habe für sie etwas mit dem Grund zu tun, auf dem wir als Nachkommen von Menschen, die vor uns da waren, alle gehen. »Außerdem gibt es doch sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch das Sprichwort, ›etwas unter den Teppich zu kehren‹.« Der Schotter, der durch unsere Schuhsohlen ins Haus getragen, dann aber unter den Teppich gekehrt wird, steht für etwas, womit wir uns nicht auseinandersetzen wollen.

Eine Figur aus Draht und Schotterstein liegt neben einer grauen Karte

Das Vermächtnis der Friede Traurig
© Deborah Wargon, Foto: Jens Ziehe

Der in die Figuren eingearbeitete Schotterstein bildet demnach auch die Last von Vermächtnissen ab. So zeigen die individuell gestalteten Werke, dass diese Last mal im Kopf, mal im Magen oder Herz, mal im Unterleib sitzen kann. Versehen ist jede Figur mit dem augenzwinkernd aufmunternden Hinweis »It’s never too late to have a happy childhood«. Der mitreißend lebensfroh wirkenden Künstlerin nehme ich sofort ab, dass sie die Hoffnung, auf den verwirrenden Schichten von Geschichte(n) und Vermächtnissen etwas Eigenes, Lebenswertes aufzubauen, tatsächlich trägt.

Mit dem Erwachen der Hoffnung endet auch das Märchen, das die Künstlerin als Begleittext für den Kunstautomaten geschrieben hat und in dem es von Begriffen aus dem Gedächtnisdiskurs nur so wimmelt. Deborah Wargons Ururgroßmutter hieß tatsächlich Friede Traurig, doch wie der Name selbst schon an ein Gleichnis denken lässt, ist die Form des Märchens für sie eine Methode, dem Kunstwerk über die eigene Biografie hinaus Gültigkeit zu verschaffen und es anderen für ihre Deutungen zu öffnen. Beispielsweise für meine Lesart, im Motiv des Gebärens unter anderem eine Metapher für den künstlerischen Schaffensprozess zu sehen:

»Vor langer, langer Zeit kam die Zeit zum Mutterleib und sprach zu ihm, dass nun der rechte Moment zum Entbinden gekommen sei. Und so kam es, dass die Wasser brachen und der Mutterleib das Vermächtnis gebar.«

In der Tat sei es bei ihr so, antwortet die Künstlerin auf Nachfrage, dass sie mit Ideen für Kunstwerke sozusagen immer eine Weile ›schwanger gehe‹, bevor sie sie in die Welt setze. Insgesamt wundert sie sich aber, wenn ihr hier in Deutschland einige Leute sagen, ihre Kunst sei so ›weiblich‹. Schließlich beschäftige sie sich in ihren Scherenschnitten doch mit dem menschlichen Körper insgesamt, sowohl mit weiblichen als auch mit männlichen Formen.

Ein mit draht umwickelter Schotterstein liegt neben einer grauen Karte auf der mit weißer Schrift "Eye of God" steht

Das Vermächtnis der Friede Traurig: Eye of God
© Deborah Wargon, Foto: Jens Ziehe

Mein Blick fällt auf einen Scherenschnitt an der Wand, bei dem zwei Babys noch über die Nabelschnur mit dem Mutterkörper verbunden sind. Deborah Wargon erzählt, dass ihre künstlerische Beschäftigung mit Mutterschaft auch etwas mit ihrer Identität als Jüdin zu tun habe, womit sie sich seit ein paar Jahren verstärkt auseinandersetzt. Schon für die biblischen Stammmütter wie Sara oder Rebekka ist schließlich (die zunächst nicht zustande kommende) Mutterschaft ein wichtiges Thema.

Der Auseinandersetzung mit jüdischer Identität verdankt sich auch das zweite Werk Wargons im Kunstautomaten. Es trägt den Titel »Eye of God« und ist ein mit dickerem und glänzenderem Draht umwickeltes Stück Gleisschotter, das ein bisschen an Modell-Darstellungen von Atomen erinnert. »Ich bin nicht religiös erzogen und glaube auch heute nicht an Gott. Wenn ich die zehn Gebote lese, kommt er mir eher eitel und patriarchal vor und hat etwas von Big Brother. Gleichzeitig finde ich diese mit Gott verbundene Hoffnung im Judentum aber gut und attraktiv. Auch Gott gehört also zu dem Schottergrund, auf dem ich als heutige Jüdin meine Identität aufbaue, nur bleibt er, wie ein für sich abgeschlossenes Atom, für mich letztlich unzugänglich.«

Mirjam Bitter, Medien

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