Interaktive Spurensuche in Spandau – Versuch Nr. 1!

Davidstern, der ein zerbrochenes Synagogenrelief enthält, darunter die Aufschrift »Zur mahnenden Erinnerung«

Gedenktafel für die erste eigene Synagoge der Gemeinde Spandau, die den Novemberpogromen 1938 zum Opfer fiel; Foto: Jüdisches Museum Berlin

Spandau. 16 Jugendliche studieren sorgfältig eine Gedenktafel an einem Hauseingang. Junge, interessierte Menschen mit iPads in der Hand diskutieren lebhaft in den Straßen der Altstadt. Es handelt sich um Schüler*innen einer 9. Klasse der B.-Traven-Oberschule auf Spurensuche nach Orten jüdischen Lebens. Sie testen unser Online-Portal »Topografie jüdischen Lebens in Deutschland«, das erstmals Informationen hierzu bündelt und interaktiv auf einer Karte darstellt (unsere Kollegin Dana Müller berichtete davon bereits hier im Blog).

Im Portal können die Jugendlichen auch eigene Texte, Fotos oder Videos von den entdeckten Orten hochladen. Begeistert testen sie weitere Funktionen, navigieren sich anhand der digitalen Karte durch die jüdischen Orte in der Spandauer Altstadt, klicken Wohnungen an, lesen Texte, betrachten Fotos und stellen unermüdlich Fragen. Orientierung ist für sie kein Thema. So machen sie viele Entdeckungen, z. B. dass die heutige Sparkasse früher ein bekanntes »jüdische Kaufhaus«, das Kaufhaus Sternberg, war. Mit ihrer Begeisterung für den Workshop ziehen sie sogar Passant*innen an. Am Ende bitten sie uns, die Museumspädagoginnen und Projektentwicklerinnen, doch bald wieder so einen Workshop anzubieten.

Sparkassengebäude und »Berliner Gedenktafel« für Julius Sternberg (1879–1971)

Sparkasse in der Spandauer Altstadt, ehemals »Kaufhaus M. K. Sternberg«, und Gedenktafel für Julius Sternberg am Eingang der Sparkasse; Fotos: Jüdisches Museum Berlin

So war es.
Naja – so in etwa hätten wir es sehr gerne gehabt, als wir erstmals ausprobierten, wie wir das Online-Portal erfolgreich mit unserem mobilen Museum on.tour – Das Jüdische Museum Berlin macht Schule (mehr zu on.tour auf unserer Website) verbinden können. In Wirklichkeit waren nicht alle Jugendlichen sonderlich von der Idee entzückt, an einem ihrer wertvollen Projekttage »Versuchskaninchen« zu sein – doch sie machten mit!

Gedenktafel mit Informationen über die Familie Zeller, Havelstraße 20

Ausschnitt einer Gedenktafel für Spandauer Jüd*innen an der Sternbergpromenade; Foto: Jüdisches Museum Berlin

Vor einem Haus in der Havelstr. 20 bleibt ein Grüppchen Schüler*innen stehen. Hier wohnte von 1935–1939 der Spandauer Junge Frederic Zeller mit seiner Familie. In der Wohnung betrieben die Eltern einen Stoffladen, nachdem sie wegen ständiger nationalsozialistischer Boykottmaßnahmen ihr ehemaliges Geschäft in der Breiten Str. 18 aufgeben mussten. Ihr Wohnhaus ist heute ein Kino.

Die Begeisterung über diesen direkten regionalgeschichtlichen Bezug zum Lebensort der Jugendlichen könnte durchaus ein bisschen sprühender sein. Doch zu unserer Freude meinten abschließend einige: »Der Workshop war sehr interaktiv und hat uns viel Freiraum gelassen.« Manche fanden zwar »nichts« gut, oder nur »die Pausen«. Manche hatten aber tatsächlich Spaß daran, die auf der Karte aufploppenden Standorte von Synagogen, ehemaligen Geschäften oder Wohnungen jüdischer Familien in der heutigen Altstadt aufzuspüren und in den Texten, die wir mitgebracht hatten, etwas darüber nachzulesen. Einige waren erstaunt, dass es in Spandau »so viele Synagogen« gab oder dass ihre Lieblingspizzeria früher ein jüdisches Geschäft war. Es gefiel ihnen, direkt vor ihrer Haustür »wahre Geschichte« zu entdecken. Und wie wir es uns erhofft hatten, sahen sie danach »Spandau mit einem anderen Blick«!

Jugendliche sitzen um einen Tisch und beugen sich über Texte und einen Tablet

Schüler der B.-Traven-Oberschule recherchieren in Texten und erstellen per Tablet einen Artikel für das Online-Portal »Topografie jüdischen Lebens in Deutschland«; Foto: Jüdisches Museum Berlin

Und wir? Mit einer Fülle an didaktischen, gestalterischen und technischen Anregungen kehrten wir dankbar ins Museum zurück. Noch war der Workshop zwar stellenweise holprig und auch unser Prototyp geriet bisweilen ins Stocken – aber deswegen testet man ja. Wir wissen nun schon einiges, was wir noch verbessern sollten, und werden weitere Usability-Tests mit zukünftigen Nutzer*innen des Portals durchführen. Als nächstes planen wir einen Test-Workshop mit Student*innen des Moses-Mendelssohn-Zentrums Mitte Mai 2017. Weitere Interessierte wie zum Beispiel Hobbyhistoriker*innen oder Nachfahren jüdischer Exilant*innen, aber auch andere sind herzlich eingeladen, sich an der weiteren Entwicklungsphase des Online-Portals zu beteiligen und Kontakt mit uns aufzunehmen. Dann können wir ab Mai 2018 unser neues Bildungsangebot salonfähig starten.

Anika Nowak-Wetterau möchte gerne noch mehr Schüler*innen für ihre jüdische Regionalgeschichte begeistern und freut sich schon auf weitere Test-Workshops in 2017.
Für Dr. Barbara Rösch ist ihre Arbeit gelungen, wenn die von ihr recherchierten Fakten und Daten zur jüdischen Geschichte heute wahrgenommen und mit dem Ort in Bezug gesetzt werden.

Zum Projekt auf unserer Website

Pingbacks und Trackbacks

Einen Kommentar hinterlassen