Die lange Nacht des Tikkun oder was wir von liebenden Frauen lernen können

Vor Kurzem entdeckten wir beim Stöbern im Netz, dass drei junge Jüdinnen eine Gruppe gegründet haben, die sich »für die Vielfalt an unterschiedlichen Facetten jüdischer Identität und … ein sinnstiftendes jüdisches Leben in Berlin« einsetzen möchte. Sie nennt sich Hamakom (hebräisch: ›der Ort‹) und will unter anderem die Begegnung von Israelis und jüdischen Deutschen fördern. Als erste Veranstaltung führt diese Gruppe nun einen Tikkun lel Schawuot zum Thema »Frauen & Liebe« durch. Der Veranstaltungsname ist Programm: Er knüpft an die Tradition an, in der Nacht zu Schawuot bestimmte biblische Texte und deren Auslegungen zu studieren und zu diskutieren. Diese Wahl zeigt, welche Bedeutung das Fest in diskursiv angelegten jüdischen Selbstverständigungsprozessen hat.

Holzschnitt: Rut und Noomi im Feld

Jakob Steinhardt, Illustration zum Buch Rut, 1955-1959, Holzschnitt
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Josefa Bar-On Steinhardt, Naharyia, Israel

Schawuot beginnt dieses Jahr am Abend des 14. Mai und endet zwei Tage später. Es ist ein Feiertag von ungewöhnlich vielfältiger Bedeutung, der in jeder Epoche neu entdeckt und definiert wurde. Ursprünglich war er dem Beginn der Erntezeit gewidmet, die eine Pilgerreise in den Jerusalemer Tempel umfasste. Dort brachte man Erstlingsfrüchte und zwei Weizenbrote dar. Im Talmud gilt Schawuot als das Fest, an dem das Volk Israel die Tora empfing. Um sich auf diese Gabe vorzubereiten, wird  der Feiertag hier auch als Azeret beschrieben, eine feierliche Versammlung, die vor allem eine Nacht des gemeinsamen Nachdenkens und Diskutierens währt. Das Tikkun lel Schawuot, wie dieses nächtliche Symposium im Hebräischen heißt, bedeutet wörtlich übersetzt: ›die Verbesserung in der Nacht des Wochenfests‹. Es wurde zum ersten Mal im kabbalistischen Sohar-Buch erwähnt und gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung.

Die jüdische Version des gemeinsamen Studierens und Diskutierens unterscheidet sich von ihrem griechischen Pendant, Weiterlesen

Fahne, Tamburin und Ester-Taschen – Purim einmal anders

In unserer Dauerausstellung gibt es einen Ort, der immer wieder neu zu aktuellen Themen bespielt wird: drei prominent platzierte, dickbauchige Vitrinen, die wir im Jargon des Museums auch »Raviolis« nennen.

Die »Raviolis«-Vitrinen in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin, bestückt zu Purim

Die »Ravioli«-Vitrinen mit neuen Objekten zu Purim © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Christiane Bauer

Zu Purim wurden diese Vitrinen im Segment »Tradition und Wandel« nun mit neuen Exponaten gefüllt. Die Neubestückung wirft einen feministischen Blick auf das Fest und richtet das Augenmerk auf die neuesten Entwicklungen, die maßgeblich von jüdischen Frauen in den USA geprägt werden.

Im Fokus der Präsentation stehen die beiden weiblichen Personen der Purim-Geschichte, die während des Gottesdienstes in der Synagoge vorgelesen wird: Ester und Waschti. Letztere fand lange Zeit wenig Beachtung. Sie war die erste Frau des persischen Königs Ahasverus, die wegen ihres Ungehorsams von ihm verstoßen wurde. Daraufhin nahm er die schöne Jüdin Ester zur Frau, die schüchtern und still – so ganz anders als die aufmüpfige Waschti – war. Doch im Laufe der Zeit trat Ester aus ihrer Zurückhaltung, fasste immer mehr Mut und verwandelte sich in die Heldin, die den Mordkomplott an den persischen Juden vereiteln konnte. Weiterlesen

Abschiedsbrief, Tinte auf Papier

Im Archiv des Jüdischen Museums Berlin bewahren wir einen bewegenden Brief auf, den Marianne Joachim am 4. März 1943 an ihre Schwiegereltern schrieb. Noch am selben Tag wurde die junge Frau in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Abschiedsbrief von Marianne Joachim

Abschiedsbrief von Marianne Joachim geb. Prager (1921 – 1943)
Berlin-Plötzensee, 4. März 1943 © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Was war geschehen? Marianne und Heinz Joachim schlossen sich vermutlich 1941 der Widerstandsgruppe um Herbert Baum an. Herbert Baum, ein Jude und Kommunist, scharte seit 1933 Freunde und Gleichgesinnte um sich, um Widerstand gegen die nationalsozialistische Politik zu leisten. Am 18. Mai 1942 versuchte die Gruppe, die antisowjetische Ausstellung »Das Sowjetparadies« im Berliner Lustgarten in Brand zu setzen. Unter den Mitgliedern, die wenig später verhaftet und zum Tode verurteilt wurden, waren auch Marianne und Heinz Joachim.

Aus ihrem Brief erfahren wir, dass es für Marianne Joachim der »schwerste Schicksalsschlag« war zu erfahren, dass ihr Mann bereits am 18. August 1942 – ebenfalls in Berlin-Plötzensee – hingerichtet worden war. Ihre größte Sorge galt ihren Eltern, Jenny und Georg Prager. Sie wurden im März 1943 nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert und kamen dort ums Leben. Mariannes Schwester Ilse konnte mit einem der letzten Kindertransporte nach England entkommen. Heinz Joachims Vater Alfons starb Ende 1944 im KZ Sachsenhausen. Seine Mutter Anna war nicht jüdischer Herkunft und hat die Zeit des Nationalsozialismus – ebenso wie seine Brüder – deswegen überlebt.

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