Veröffentlicht von am 19. März 2014 0 Kommentare

InderKinder

Über den kreativen Umgang mit Zuschreibungen

Buchcover von »InderKinder« mit einem Foto spielender Kinder

Buchcover
© Draupadi Verlag

In der Akademie des Jüdischen Museums stellen Urmila Goel und Nisa Punnamparambil-Wolf morgen das von ihnen herausgegebene Buch InderKinder – Über das Aufwachsen und Leben in Deutschland (Drapaudi Verlag) vor. Es ist die dritte Veranstaltung der Reihe »Neue deutsche Geschichten«, in der wir anhand von Biografien die Geschichte und Gegenwart Deutschlands als Migrationsgesellschaft beleuchten. In der Lesung und Diskussion kommen dieses Mal die Kinder von Migrantinnen und Migranten aus Indien zu Wort, die erst seit der Green-Card-Kampagne im Jahr 2000 auch öffentlich wahrgenommen werden.

Wir haben den beiden Herausgeberinnen Urmila Goel und Nisa Punnamparambil-Wolf vorab drei Fragen gestellt:

Wie kam es zu dem Buchtitel?

Mit dem Buchtitel nehmen wir Bezug auf die ausgrenzende »Kinder statt Inder«-Kampagne aus dem Jahr 2000. Das Wortspiel »InderKinder« geht ironisch damit um, dieser kreative Umgang mit Zuschreibungen war uns wichtig. Mit dem Buch wollen wir zeigen, wie vielfältig Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind und leben, mit der Zuschreibung umgehen, Kind von indischen Migrantinnen und Migranten zu sein.

Das Buch besteht aus zwei Teilen – autobiografischen Erzählungen und Essays. Was für ein Konzept verfolgen Sie damit?   weiterlesen


Hybride Identitäten statt »Überfremdung«

Warum Stuart Halls Tod einen Verlust für unsere Akademieprogramme darstellt

Vor genau einem Monat, am 10. Februar 2014, ist Stuart Hall gestorben. Es ist eine der Todesmeldungen, die tatsächlich das Gefühl eines persönlichen Verlusts aufkommen lassen. Die antirassistischen Schriften dieses bekannten britischen Soziologen und Mitbegründers der Cultural Studies wurden Mitte der 1990er Jahre erstmalig ins Deutsche übersetzt – zu einer Zeit, als man hier gerade damit begann, sich überhaupt mit Rassismus zu befassen.

Demonstranten an einer Stele mit Davidstern, von einem Plakat ist nur die Hälfte zu lesen: »... Ausländerfeindlichkeit ... Mehr Mut wäre gut.«

Mitglieder der Jüdischen Gemeinde halten eine Mahnwache am Deportationsmahnmal Putlitzbrücke
Foto: Michael Kerstgens, Berlin 1992

Sein Zugang eröffnete damals eine neue Welt und stellte ein neues Vokabular zur Verfügung: Bis dahin war in der Bundesrepublik von »Ausländer-« oder »Fremdenfeindlichkeit« die Rede, die zudem als gesellschaftliches Randphänomen abgetan wurde. Medien wie Politikerinnen und Politiker sprachen selbstverständlich von einer »Belastungsgrenze«, die »überschritten« sei angesichts der »Überfremdung« – ein rassistisch fundierter Begriff, der zum Unwort des Jahres 1993 avancierte. Damit wurden die zeitweise alltäglichen Brandanschläge auf Asylbewerberunterkünfte und Wohnungen von Eingewanderten erklärt – ebenso die Hetzjagden, die pogromartigen Ausschreitungen in Rostock, Hoyerswerda und anderswo sowie das Bestehen von No-go-Areas in Städten und Landgemeinden. Konsequenterweise wurde 1993 das Asylrecht so geändert, dass es nach juristischer Einschätzung als »faktisch abgeschafft« gilt. Wer sich damals auf wissenschaftlicher und theoretisch fundierter Grundlage mit Rassismus als Strukturphänomen befassen wollte, musste zu Autorinnen und Autoren aus England, Frankreich, den USA oder Kanada greifen – und immer wieder zu Stuart Hall.  weiterlesen


Letzte Ausfahrt Theresienstadt

oder: die Suche nach dem Transport aus dem Paradies

Sommer 2013: Wir planen eine Themenwoche zu Theresienstadt als Begleitprogramm für die Aufführung des »Defiant Requiem« im März 2014. Der neue, vieldiskutierte Film von Claude Lanzmann beschäftigt sich mit Benjamin Murmelstein, dem letzten »Judenältesten« des Ghettos Theresienstadt. Was lag also näher, als »Den Letzten der Ungerechten«, so bezeichnete Murmelstein sich selbst, im Begleitprogramm zu zeigen?

September 2013: Es gibt noch keinen deutschen Verleih für den Film. Kein Problem, in sechs Monaten sollte das Problem gelöst sein. Im November findet die deutsche Premiere im Kino Arsenal statt.

November 2013: Premiere im Kino Arsenal, mehrere hundert Besucher drängen sich in den Film. Es gibt jedoch noch immer keinen deutschen Verleih. Der Pariser Verleih ist zuversichtlich, das wird sich bald klären.

Filmstill, Mann mit Hut vor einem Haus

Filmausschnitt »Transport aus dem Paradies«
© The National Film Archive Prague

Januar 2014: Es gibt immer noch keinen deutschen Verleih, man hofft auf die Berlinale. Wir müssen vorsichtshalber einen Ersatz für unser Programm finden. Der Leiter des Jüdischen Museums in Hohenems, Hanno Loewy, schlägt vor, folgenden Film zu zeigen: Zbyněk Brynychs »Transport aus dem Paradies« von 1963 – ein satirischer Film der frühen tschechischen Nouvelle Vague, eine der ersten Filmarbeiten überhaupt, die, als Reaktion auf die Holocaust-Prozesse der 1960er Jahre, ohne moralische Eindeutigkeit das Zwielicht der Beziehung zwischen Opfer und Täter unter der Willkür absoluter Herrschaft und Vernichtung ausloten. Hier spielt ein »Judenältester« namens »Murmelstaub« eine groteske Rolle. Eine DEFA Koproduktion und ein würdiger Ersatz für den Lanzmann-Film.  weiterlesen