»Zu dieser Zeit sah ich Gepeinigte vor ihren Peinigern stehn«

… vor 50 Jahren begann der Auschwitz-Prozess

Am 20. Dezember 1963 wurde im Plenarsaal des Frankfurter Römers die bis dato größte und längste bundesdeutsche Gerichtsverhandlung über die Verbrechen in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern eröffnet. Vor Gericht standen 22 ehemalige Angehörige der Lagermannschaft, die zwischen 1941 und 1945 im KZ Auschwitz gearbeitet hatten. Der ranghöchste Angeklagte und letzte Kommandant des Lagers Richard Baer war unmittelbar vor Beginn des Prozesses verstorben; gegen viele andere Personen wurde gar nicht erst Anklage erhoben – nicht zuletzt, weil fast alle Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus, wie etwa Totschlag, bereits als verjährt galten.

Ein Mann in Anzug und Krawatte an einem Schreibtisch

Hans Hofmeyer
© Schindler‐Foto‐Report

Da die bundesdeutsche Gesetzgebung die juristische Grundlage der alliierten Nachkriegsprozesse nicht in bundesdeutsches Recht überführt hatte, musste sich das Verfahren in Frankfurt am Main – ebenso wie die darauf folgenden NS-Prozesse – auf das Reichsstrafgesetzbuch aus dem Jahr 1871 berufen. Dies hatte zur Folge, dass sich die Anklage auf Mord und Beihilfe zum Mord beschränkte und das Gericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters Hans Hofmeyer abschließend beurteilen musste, ob die Angeklagten persönlich an Mordtaten beteiligt waren und damit gegen geltendes Recht verstoßen hatten.  weiterlesen


»The Fourth Wall«

Interview mit Daniel Laufer

Aus unserem Kunstautomaten lassen sich die unterschiedlichsten Kunstwerke ziehen. Eines davon ist eine Postkarte von Daniel Laufer (* 1975 in Hannover).

Das Motiv zeigt einen Filmstill aus seinem Video »The Fourth Wall« (08:13 min). Die Geschichte basiert auf einer chassidischen Parabel, die von zwei Männern erzählt, die je eine Hälfte eines Hauses gestalten sollen. Während der erste sich eifrig an die Arbeit macht, zögert der zweite und findet keine Inspiration. Mit der Gewissheit, kein besseres Ergebnis erzielen zu können als sein Kontrahent, entscheidet er sich, dem Scheitern die Stirn zu bieten: Er malt seine Hälfte mit schwarzem Pech an, das wie ein Spiegel die andere Häuserhälfte reflektiert und so zur vollendeten Lösung wird.

Foto von Postkarte, es sind mehrere Spiegelungen in einem Innenraum zu sehen

Postkarte mit einem Videostill aus dem Film »The Fourth Wall« von Daniel Laufer
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Der Film wurde dieses Jahr auf der 14. Videonale im Kunstmuseum Bonn gezeigt.
Im persönlichen Gespräch gibt Daniel Laufer weitere Details zur Entstehung und zur Aussage des Werkes.

Christiane Bauer: Daniel, Du arbeitest meist mit dem Medium Video. Für den Kunstautomaten hast Du eine Postkarte angefertigt. Warum hast Du Dich für dieses Format entschieden?

Daniel Laufer: Eine Postkarte ist etwas Mobiles, das man mitnehmen kann, hat aber auch etwas Verbindendes, denn sie übermittelt Informationen und Nachrichten. Sie kann also Mitbringsel sein, sagt aber auch etwas aus. Und was mir darüber hinaus gefiel: Man kann sie an die Wand hängen.

An sich ist das Kunstwerk ja ein ganzer Film. Wieso hast Du genau diesen Ausschnitt als Motiv für die Postkarte gewählt?  weiterlesen


Veröffentlicht von am 31. Oktober 2013 0 Kommentare

Bedrohlich und lebenslustig

– warum Lilith unsere Besucherinnen fasziniert

Bilder von Glikl von Hameln

Raumansicht aus unserer Dauerausstellung
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Ich biete regelmäßig Führungen zum Thema »Frauen im Judentum« durch unsere Dauerausstellung an. Dafür interessieren sich meistens Frauengruppen oder Personen, die mit den Grundlagen des Judentums und der jüdischen Geschichte bereits vertraut sind. Ich mag die lebhaften Diskussionen mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Die Gespräche über das Leben von Glikl von Hameln, Dorothea Schlegel und Albertine Mendelssohn-Bartholdy, über Else Lasker-Schüler, über Lilith und Eva sind immer auch Gespräche über die Gleichberechtigung der Frauen, über unsere Gleichberechtigung!
Von Lilith haben viele die unterschiedlichsten Dinge gehört: »Kommt die nicht auch in Goethes Faust vor?«, »Beim Kartenlegen ist Lilith wichtig.«, »Die erste Frau von Adam, vor Eva«. Manche denken bei Lilith an ein bedrohliches Nachtgespenst, andere haben ihrer Tochter den Namen gegeben, denn Lilith steht auch für Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit, ungezügelte Wildheit und lebensfrohe Sinnlichkeit. Ein Lebenskonzept, das dem traditionellen Frauenbild widerspricht, eigentlich ein Gegenkonzept zu Eva. Kein Wunder also, dass der Name Lilith vor allem in feministischen Kreisen bekannt ist (vgl. das feministische Magazin Lilith).  weiterlesen