Veröffentlicht von am 19. April 2013 5 Kommentare

Von Wagner bis zum Wetter

Meine zwei Stunden als lebendiges Ausstellungsstück in der Ausstellung »Die Ganze Wahrheit«

Das war eine wahrlich außergewöhnliche Erfahrung. Die besten Momente waren die, als die Besucher nicht nur mit mir in der Vitrine, sondern untereinander zu reden anfingen. Diese Gespräch führten dann von Wagner bis zum Wetter und kreisten nicht ›nur‹ darum, wie es sich anfühlt, in Deutschland jüdisch – in meinem Fall als Tochter einer amerikanischen Jüdin und eines deutschen, ehemals evangelischen Vaters – aufgewachsen zu sein, und ob es nicht merkwürdig ist, in so einer Glasvitrine zu sitzen.

Eine Frau sitzt auf einer Bank in einem vorne offenen Glaskasten

Signe Rossbach in der Ausstellung »Die Ganze Wahrheit«, 8. April 2013
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Michal Friedlander

Ich musste plötzlich an meinen Abschied aus New York denken, als ich 1998 nach Deutschland zurückkehrte (obwohl ich mir das damals nicht so eingestehen wollte). Mein Chef, ein deutscher Verleger in New York, war gerade vom neugewählten Kanzler zum ersten deutschen Staatsminister für Kultur ernannt worden, und er hatte mir angeboten, im Kanzleramt weiter für ihn zu arbeiten, erst in Bonn, dann in Berlin. Beim Abschiedsumtrunk im Verlag, also, grinste ein Lektor: »Na, in der deutschen Regierung zu arbeiten, das ist ja der perfekte Job für eine brave kleine Jüdin!« Ich dachte darüber nach und sagte: »Genau.«

So kam ich dann auf Umwegen ins Jüdische Museum Berlin, wo ich seit zwölf Jahren arbeite, und – an einem scheinbar ruhigen Montagmittag – letztendlich auch in diese Vitrine. In meinen zwei Stunden als lebendiges Ausstellungsstück ….  weiterlesen


Veröffentlicht von am 9. April 2013 2 Kommentare

In der Vitrine

Eine Museumsvitrine macht im Handumdrehen jeden beliebigen Gegenstand zu Kunst. Nun kann ich herausfinden, was sie aus einem Alltagsmenschen macht. Ich sitze in dem Schaukasten der aktuellen Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten«. Die Besucher gehen vorbei und wir beobachten uns gegenseitig. Viele lesen den Wandtext, werfen mir einen Blick zu und huschen davon.

Eine Frau hinter Vitrinenglas, im Hintergrund Ausstellungsbesucher

Olga Mannheimer als Gast in der Ausstellung zur ›ganzen Wahrheit‹
© Foto: Ernst Fesseler, Jüdisches Museum Berlin

Einige bleiben stehen, in sicherem Abstand. Ich räuspere mich, lächele einladend, deute auf den Button an meiner Bluse »Ask me, I’m Jewish«. Qualifiziert für diese Rolle, so die Rede zur Vernissage, habe mich die Behauptung, ich könne »die ganze Wahrheit« über die Juden verraten. Wird jemand danach fragen? Der Abstand verringert sich allmählich. Ein Mann will wissen, was die Exponatenbeschriftung am Schaukasten besagt – er hat seine Lesebrille nicht dabei. »Spezies: Diasporajüdin, Subspezies: Osteuropajüdin, Variante: Bananenjüdin«. Danke, sagt der Mann und geht rasch davon. »Bananenjüdin? Nie gehört«, sagt eine Frau. So wurden in Polen Juden genannt, erkläre ich, die von den Verwandten aus dem Westen mit Zitrusfrüchten und Bananen versorgt wurden.

Zögerlich kommen weitere Menschen hinzu, die Gruppe vor meinem Kasten wird größer. »Darf man zu einem Sederabend Blumen mitbringen?« »Kann man eine Vorhaut wieder annähen?«  weiterlesen


Frage des Monats:

»Wie hält die Kippa auf dem Kopf?«

Unsere aktuelle Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten« baut auf 30 Fragen auf, die an das Jüdische Museum Berlin oder dessen Mitarbeiter gerichtet wurden. In der Ausstellung haben unsere Besucherinnen und Besucher selbst die Möglichkeit, auf Post-its Fragen oder Kommentare zu hinterlassen. Einige dieser Fragen werden wir hier im Blog beantworten. Die aktuelle Frage des Monats lautet: »Wie hält die Kippa auf dem Kopf?«

Ein pinker Post-it-Zettel beschriftet mit "Wie hält die Kippa auf dem Kopf? - mit einer Haarspange :-)"

»Wie hält die Kippa auf dem Kopf?«
© Foto: Anina Falasca, Jüdisches Museum Berlin

Setzt ein Nicht-Jude eine Kippa auf, rutscht sie ihm in der Regel vom Kopf. Das ist unfair, hat aber, wie wir sehen werden, seine Gründe. Beim Besuch des jüdischen Friedhofs in Prag  werden Männer gebeten, eine Kippa zu tragen. Besuchern, die ohne Kippa reisen, wird ersatzweise ein blaues, scharf gefaltetes, rundes Stück Papier ausgehändigt. Diese wenig robuste Kippa ist dann den Winden der Moldau ausgesetzt und flattert unweigerlich davon. Ähnlich geht es nicht-jüdischen Männern, die in Synagogen an Zeremonien wie Hochzeit oder Bar Mizwa teilnehmen und dafür eine Kippa benötigen. Ihnen wird meist eine starre, jedoch aus seidig-glattem, synthetischem Satin gefertigte Kippa angeboten. Der Gast hat keine Chance.

Was ist dann das Geheimnis einer gut sitzenden Kippa?  weiterlesen