Kunst, Müll und Einwegrealismus

Gespräch mit Andrei Krioukov

Zwei zerquetsche Coladosen, eine mit hebräischer, eine mit arabischer Aufschrift

Künstlerisch bearbeitete Coca-Cola-Dosen
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Andrei Krioukov hat für den Kunstautomaten Coca-Cola-Dosen mit hebräischer und arabischer Aufschrift bearbeitet und zerquetscht. Ich traf ihn und seine Frau Rita in ihrer gemeinsamen Kunstschule in der Immanuelkirchstraße. Dort unterrichtet Andrei internationale Studenten, die sich bei ihm ausbilden und staatlich anerkannt prüfen lassen.

Im persönlichen Gespräch erzählt Andrei von seiner Faszination für das Design der berühmten Dosen und erklärt, was daran Müll und was daran Kunst ist.

Christiane Bauer: Andrei, was fasziniert dich an einer Coca-Cola-Dose?

Andrei Krioukov: Eine Dose ist typisch für unser Leben heute. Überall findet man sie, aber fast niemand bemerkt sie. Für mich ist dabei auch die Diskrepanz zwischen Müll und Kunst spannend: Wenn eine Dose auf der Straße liegt, ist sie einfach nur Müll. Aber wenn ich sie aufhebe und sie genau betrachte und mir überlege, was ich daraus mache, dann wird daraus Kunst.
Ein Künstler aus dem 19. Jahrhundert malte Knoblauch, eine Zwiebel oder einen Krug. Heute ist unser Leben voll mit den Coca-Cola-Dosen.

Der Krug wurde als Alltagsgegenstand in einem Stillleben abgezeichnet. Welche Wertigkeit hat die Dose? Betrachtest du eine Coca-Cola-Dose als Wegwerfartikel oder als modernes Kulturgut?   weiterlesen


Im Augenblick.
Fotografien von Fred Stein

Ab Freitag in der Eric F. Ross Galerie

Fred Stein ist ein Fotograf, dessen Werk und Biografie nicht unberührt lassen. Einige seiner Porträtaufnahmen, wie die von Albert Einstein und Hannah Arendt, sind bekannt – doch Fred Stein selbst geriet in Vergessenheit. Als junger Jurist war er gezwungen, Deutschland bereits 1933 zu verlassen. Zunächst emigrierte er nach Paris und 1941 nach New York. In den Städten der Emigration fand er in der Fotografie seine neue Profession und es entstanden zahlreiche Straßen- und Porträtaufnahmen.

Auf der Suche nach einem passenden Titel für die Ausstellung seines umfassenden Werkes, die ab 22. November bei uns im Museum zu sehen ist, entschieden wir uns für »Im Augenblick«. Dieser Titel unterstreicht die Fähigkeit Fred Steins, im entscheidenden Moment, unmittelbar und ohne aufwendige Vorbereitungen seine Motive einzufangen – und dies alles als Amateur.

Die besondere Beobachtungsgabe Fred Steins fällt beim Betrachten einer unserer vielen Lieblingsfotografien ins Auge:  weiterlesen


»The Fourth Wall«

Interview mit Daniel Laufer

Aus unserem Kunstautomaten lassen sich die unterschiedlichsten Kunstwerke ziehen. Eines davon ist eine Postkarte von Daniel Laufer (* 1975 in Hannover).

Das Motiv zeigt einen Filmstill aus seinem Video »The Fourth Wall« (08:13 min). Die Geschichte basiert auf einer chassidischen Parabel, die von zwei Männern erzählt, die je eine Hälfte eines Hauses gestalten sollen. Während der erste sich eifrig an die Arbeit macht, zögert der zweite und findet keine Inspiration. Mit der Gewissheit, kein besseres Ergebnis erzielen zu können als sein Kontrahent, entscheidet er sich, dem Scheitern die Stirn zu bieten: Er malt seine Hälfte mit schwarzem Pech an, das wie ein Spiegel die andere Häuserhälfte reflektiert und so zur vollendeten Lösung wird.

Foto von Postkarte, es sind mehrere Spiegelungen in einem Innenraum zu sehen

Postkarte mit einem Videostill aus dem Film »The Fourth Wall« von Daniel Laufer
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Der Film wurde dieses Jahr auf der 14. Videonale im Kunstmuseum Bonn gezeigt.
Im persönlichen Gespräch gibt Daniel Laufer weitere Details zur Entstehung und zur Aussage des Werkes.

Christiane Bauer: Daniel, Du arbeitest meist mit dem Medium Video. Für den Kunstautomaten hast Du eine Postkarte angefertigt. Warum hast Du Dich für dieses Format entschieden?

Daniel Laufer: Eine Postkarte ist etwas Mobiles, das man mitnehmen kann, hat aber auch etwas Verbindendes, denn sie übermittelt Informationen und Nachrichten. Sie kann also Mitbringsel sein, sagt aber auch etwas aus. Und was mir darüber hinaus gefiel: Man kann sie an die Wand hängen.

An sich ist das Kunstwerk ja ein ganzer Film. Wieso hast Du genau diesen Ausschnitt als Motiv für die Postkarte gewählt?  weiterlesen