»Kiddusch-Asyl«

Als ich zum ersten Mal hörte, dass die Jüdische Gemeinde Pinneberg einem Muslim »Kirchenasyl« gewährt, musste ich schmunzeln: Der entsprechende Artikel im Online Magazin »Migazin« setzte das Wort »Kirchenasyl« in Anführungszeichen, verwendete ein Bild von der Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße und die enge Koppelung der drei monotheistischen Religionen wirkte etwas gewollt.

Nun aber erhielt ich über einen Freund den Hinweis auf den kurzen Film »Kiddusch-Asyl«, der das Engagement der Pinneberger Gemeinde für den Mann aus dem Sudan thematisiert.

Ich wunderte mich zunächst, warum es nicht Synagogen-Asyl heißt. Der Kiddusch ist ein Segen, der über einen Becher Wein zu Beginn eines Feiertags gesprochen wird, um diesen zu heiligen. Beim Kirchenasyl, erfahre ich aus dem Film, geht es eigentlich um einen sakralen Raum, in dem bedrohten Menschen Schutz gewährt wird. Über einen solchen Raum verfügt auch die Jüdische Gemeinde in Pinneberg. Es stimmt zuversichtlich zu hören, wie der Vorsitzende im Film erklärt, warum sie diesen Raum dafür nutzen, einen Menschen – wenigstens zeitweise – vor Verfolgung zu schützen.

Rosa Fava, Leiterin des Projekts »Vielfalt in Schulen«

 

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Veröffentlicht von am 6. August 2014 0 Kommentare

Automatenkunst

Handarbeit für unseren Kunstautomaten

Ein Mann mit weißen Handschuhen zieht an einem Fach des Kunstautomaten

Unser Kunstautomat wird von Jens Eisenberg (Ausstellungstechnikfirma Leitwerk) bestückt.
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Gelia Eisert

Wer durch unsere Dauerausstellung läuft und eine Etage geschafft hat, der wird unweigerlich auf den ›Kunstautomaten‹ stoßen. Leise scheint der Automat ihm zweisprachig zuzuflüstern: »Kauf mich, buy me«. Diese Aufschriften blinken bunt aus den Fächern des Automaten, mehr ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Neugierig geworden, tritt man näher und liest die Beschriftungen: »Kunst / Art« steht in großen Lettern auf dem Automaten und an seinen Seitenflächen findet sich: »60 x Kunst von jüdischen Künstlern in Berlin«. Jetzt wird der Blick auf die Münzschlitze gelenkt, in die man vier Euro einwerfen soll.

Mit dem passenden Kleingeld in der Tasche und etwas Wagemut kann nun das Experiment starten.  weiterlesen

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Veröffentlicht von am 31. Juli 2014 0 Kommentare

»Absendung wegen Kriegszustandes verboten«

Ein Brief aus dem Archiv berichtet über den Kriegsbeginn 1914

Handschriftlicher Brief

Brief von Leo Roos an seine Familie (1. Seite), Frankfurt am Main, 31. Juli 1914
Schenkung von Walter Roos
© Jüdisches Museum Berlin

»Die Situation ist äußerst ernst; heute nachmittag wurde von Seiner Majestät dem Kaiser der Kriegszustand über Deutschland verhängt«. Diese Zeilen schrieb der 18-jährige Leo Roos heute vor 100 Jahren an seine Eltern und Geschwister im westpfälzischen Dorf Brücken. Doch sie sollten den Brief niemals erhalten, wie ein Vermerk auf dem Briefumschlag dokumentiert: Wegen des Kriegszustandes wurde er nicht zugestellt, sondern ging an den Absender zurück.

Roos hatte das Gefühl, schicksalhafte Stunden zu erleben. Er wohnte zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt, wo er eine Ausbildung in einem Bankhaus absolvierte. In der Großstadt wähnte er sich näher an den weltgeschichtlichen Ereignissen dran als seine Familie in ihrem abgeschiedenen Dorf. Er schilderte die spannungsgeladene Stimmung:  weiterlesen