Veröffentlicht von am 9. April 2013 2 Kommentare

In der Vitrine

Eine Museumsvitrine macht im Handumdrehen jeden beliebigen Gegenstand zu Kunst. Nun kann ich herausfinden, was sie aus einem Alltagsmenschen macht. Ich sitze in dem Schaukasten der aktuellen Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten«. Die Besucher gehen vorbei und wir beobachten uns gegenseitig. Viele lesen den Wandtext, werfen mir einen Blick zu und huschen davon.

Eine Frau hinter Vitrinenglas, im Hintergrund Ausstellungsbesucher

Olga Mannheimer als Gast in der Ausstellung zur ›ganzen Wahrheit‹
© Foto: Ernst Fesseler, Jüdisches Museum Berlin

Einige bleiben stehen, in sicherem Abstand. Ich räuspere mich, lächele einladend, deute auf den Button an meiner Bluse »Ask me, I’m Jewish«. Qualifiziert für diese Rolle, so die Rede zur Vernissage, habe mich die Behauptung, ich könne »die ganze Wahrheit« über die Juden verraten. Wird jemand danach fragen? Der Abstand verringert sich allmählich. Ein Mann will wissen, was die Exponatenbeschriftung am Schaukasten besagt – er hat seine Lesebrille nicht dabei. »Spezies: Diasporajüdin, Subspezies: Osteuropajüdin, Variante: Bananenjüdin«. Danke, sagt der Mann und geht rasch davon. »Bananenjüdin? Nie gehört«, sagt eine Frau. So wurden in Polen Juden genannt, erkläre ich, die von den Verwandten aus dem Westen mit Zitrusfrüchten und Bananen versorgt wurden.

Zögerlich kommen weitere Menschen hinzu, die Gruppe vor meinem Kasten wird größer. »Darf man zu einem Sederabend Blumen mitbringen?« »Kann man eine Vorhaut wieder annähen?«  weiterlesen


Veröffentlicht von am 20. September 2012

Kennst Du das Land?

Soldaten in verschneiter Landschaft

R.B. Kitaj, Kennst Du das Land?, 1962 © R.B. Kitaj Estate

Vor einigen Jahren verbrachte ich den Sommer in Katalonien und spazierte durch das Hafenstädtchen Sant Feliu de Guíxols. Ein besonderer Ort: Verschont von den Bausünden an Spaniens Küsten, mit einem Fischereibetrieb, der nicht nur dekorative Zwecke verfolgt und erfolgreich in einem speziellen Industrie-Zweig: Kork. Hier, wo man nominell in Spanien ist und doch eben ganz woanders, verbrachte R.B. Kitaj mit seiner Frau den Winter 1953/54. Zwanzig Jahre später kaufte er sich dort ein Haus. Was bedeutete ihm dieser störrische Landstrich, der sich immer wieder auflehnte gegen die spanische Übermacht?  weiterlesen


Veröffentlicht von am 15. September 2012

Neue Bräuche zum Neujahr

Mädchen mit Papierschiff am WasserVor einigen Jahren besuchte eine Gastdozentin aus New York die Berliner Synagoge am Fraenkelufer und zeigte uns, wie ihre Gemeinde einen alten Neujahrsbrauch – Taschlich – neu praktiziert.

Üblicherweise versammeln sich Gläubige am jüdischen Neujahrsfest Rosch ha Schana an einem Fluss und streuen Brotkrumen ins Wasser, um sich symbolisch ihrer Vergehen des vergangenen Jahres zu entledigen. In den Landwehrkanal gegenüber der Synagoge entließ die US-Dozentin jedoch nicht Krumen, sondern ein selbstgebasteltes Papierschiffchen, dem sie einen Brief an Gott mitgab. Darin bat sie um Vergebung für ihre Fehler und beteuerte ihre guten Vorsätze. Der Brief enthielt auch einen Dank für die schönen Erlebnisse des letzten Jahres und ihre Wünsche für das kommende Jahr.  weiterlesen

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