Verwirrende Vermächtnisse

Deborah Wargons Werke für unseren Kunstautomaten holen unter den Teppich Gekehrtes hervor

Portraitaufnahme einer Frau mit rotem Lippenstift und schwarzen langen Locken. Sie sitzt auf einem Balkon schaut direkt in die Kamera.

Porträt von Deborah Wargon © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Gelia Eisert

Ein herzlicher Empfang, Duft nach frisch gekochtem Essen, ein hoher lichtdurchfluteter Raum voller bunter Bücher und Bilder und ein Klavier, auf dem ein Wegweiser nach Australien zeigt – mein erster Kontakt mit Deborah Wargon in ihrem Wohn-Atelier im Prenzlauer Berg passt so gar nicht zu den eher strengen und düsteren Assoziationen, die das Wort »Testamentsvollstreckerin« bei mir auslöst. Diese Selbstbezeichnung gibt sich die 1962 in Melbourne geborene Musikerin, Theaterfrau und Bildende Künstlerin auf dem ›Beipackzettel‹ zu den kleinformatigen Kunstwerken, die sie für den Kunstautomaten in unserer Dauerausstellung geschaffen hat. Sie tragen den Titel »Das Vermächtnis der Friede Traurig«, und Deborah Wargon, die sonst vor allem für ihre Scherenschnitte in ehemaligen Insektenkästen bekannt ist, sagt dazu, dass sie eher traurig seien.

Wenn man mit etwas Glück eines ihrer Werke zieht, erhält man beispielsweise eine kleine menschliche Figur aus Gleisschotter, Draht und Zeitungspapier. Neben dem sprechenden Namen »Friede Traurig« ruft auch das Material traurige Geschichten von Zugtransporten und Drahtzäunen auf, zumal es sich bei dem verwendeten Zeitungspapier um Zeitungen aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Doch nicht nur um die konkrete Zeit des Nationalsozialismus und der Schoa geht es der Künstlerin offenbar, sondern allgemeiner um die Vermächtnisse, das Erbe und die Geschichten, die wir alle mit uns herumtragen.  weiterlesen


»Generation ›koscher light‹« – Über den Lebensstil junger russischsprachiger Juden in Berlin

Portraitaufnahme einer Frau mit schwarzer Brille, schwarzer Kleidung und langen braunen Haaren vor einer weißen Wand

Alina Gromova © Judith Metze

Morgen Abend, am 9. September 2014, stellt die Ethnologin Alina Gromova ihr 2013 erschienenes Buch  »Generation ›koscher light‹« in der Akademie des Jüdischen Museums Berlin vor. Wie vielen der Autorinnen und Autoren, deren  »Neue deutsche Geschichten« bislang zur Sprache kamen, haben wir auch ihr vorab drei Fragen gestellt:

Alina, Du hast die Stadt als Ausgangspunkt Deiner Untersuchung von russischsprachigen Juden in Berlin gewählt – aus den Orten, an denen sie wohnen, sich aufhalten, treffen und feiern, arbeitest Du die unterschiedlichen Auffassungen von Identität, Tradition und Religion heraus, die in dieser Gruppe existieren. Wieso hast Du Dich gerade für diese Raum-Perspektive entschieden?

Identität und Tradition sind Begriffe, die oft schwer zu greifen sind, weil sie aus Symbolen, Werten, Wunschprojektionen oder Erinnerungen bestehen. Ein Raum hat dagegen nicht nur eine symbolische, sondern auch eine materielle Seite und ist deshalb viel greifbarer. Für mich sind Räume keine dreidimensionalen Container, die mit Menschen oder Dingen gefüllt werden müssen; vielmehr werden sie durch diese überhaupt erst geschaffen. Die Stadträume sind für mich besonders spannend, weil hier eine große kulturelle und religiöse Vielfalt an einem engen Fleck möglich ist und deshalb an ein und demselben Ort mehrere Räume gleichzeitig entstehen, die von verschiedenen Gruppen konstruiert werden, die sich gegenseitig überlagern und miteinander in Berührung kommen.

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Veröffentlicht von am 31. Juli 2014 0 Kommentare

»Absendung wegen Kriegszustandes verboten«

Ein Brief aus dem Archiv berichtet über den Kriegsbeginn 1914

Handschriftlicher Brief

Brief von Leo Roos an seine Familie (1. Seite), Frankfurt am Main, 31. Juli 1914
Schenkung von Walter Roos
© Jüdisches Museum Berlin

»Die Situation ist äußerst ernst; heute nachmittag wurde von Seiner Majestät dem Kaiser der Kriegszustand über Deutschland verhängt«. Diese Zeilen schrieb der 18-jährige Leo Roos heute vor 100 Jahren an seine Eltern und Geschwister im westpfälzischen Dorf Brücken. Doch sie sollten den Brief niemals erhalten, wie ein Vermerk auf dem Briefumschlag dokumentiert: Wegen des Kriegszustandes wurde er nicht zugestellt, sondern ging an den Absender zurück.

Roos hatte das Gefühl, schicksalhafte Stunden zu erleben. Er wohnte zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt, wo er eine Ausbildung in einem Bankhaus absolvierte. In der Großstadt wähnte er sich näher an den weltgeschichtlichen Ereignissen dran als seine Familie in ihrem abgeschiedenen Dorf. Er schilderte die spannungsgeladene Stimmung:  weiterlesen