Veröffentlicht von am 23. Mai 2016 0 Kommentare

»Jegliche Kunst ist heutzutage unangemessen, die Inhumanität der Welt zu repräsentieren«

Ein Gespräch mit Peter Weibel über Boris Lurie als ultra-realistischen Neo-Avantgardisten und Pornografie als Metapher der kapitalistischen Gesellschaft

Bunte Collage mit gelbem Stern und den Worten »A Jew Is Dead«

Boris Lurie, »A Jew is dead«, 1964; Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Mirjam Bitter, Blogredaktion: Im Begleitprogramm zu unserer Boris Lurie-Retrospektive halten Sie am 30. Mai 2016 bei uns im Museum einen Vortrag zum Thema »Der Holocaust und das Problem der visuellen Repräsentation« (weitere Informationen in unserem Veranstaltungskalender). Ist damit die These verbunden, dass der Holocaust ein zentraler Aspekt in Boris Luries Werk ist?

Porträtfoto, lächelnd mit Hand am Kinn

Peter Weibel
© ONUK

Peter Weibel: Für die Neo-Avantgarden nach dem 2. Weltkrieg waren der Krieg und der Holocaust, Hiroshima und Nagasaki zentrale traumatische Erfahrungen. Nehmen Sie zum Beispiel das Bild »Hiroshima« (1961) von Yves Klein und das Environment »Zeige Deine Wunde« von Joseph Beuys (1974–1975). Viele Künstler antworteten auf die erlebte Inhumanität mit einer Infragestellung des Humanismus und sogar der Kultur: Warum haben Literatur, Malerei, Musik, Philosophie diese Barbarei des 20. Jahrhunderts nicht verhindern können?  weiterlesen


Der tödliche Anschlag auf eine Vision vom Frieden

Erinnerungen an den 4. November 1995

Porträtzeichnung einem Mannes in Anzug und Krawatte

Jitzchak Rabin, gezeichnet von Chaim Topol
CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Heute vor 20 Jahren, am 4. November 1995, wurde der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin nach Ende einer Friedenskundgebung im Zentrum von Tel Aviv ermordet. Mirjam Wenzel war damals vor Ort:

»Es war ein lauwarmer Abend und auf dem Kikar Malchei Jisrael (hebr.: ›Platz der Könige Israels‹, heute Jitzchak Rabin Platz genannt) inmitten von Tel Aviv drängten sich Menschen mit Transparenten und Botschaften wie etwa ›Schalom Achschaw‹ oder ›Peace Now‹, um Jitzchak Rabin und Shimon Peres ihre Unterstützung auszusprechen und für den Frieden zu demonstrieren. Die Anfeindungen der nationalreligiösen Bewegung auf die Regierung waren in den Wochen zuvor immer heftiger geworden und die Medien berichteten von Schildern in der Hand von demonstrierenden Männern, die Rabin in SS-Uniform zeigten. Dass diese Angriffe tödlichen Charakter haben könnten, vermochte sich – zumindest in meinem Umfeld – allerdings niemand vorzustellen. Im Tel Aviver Büro der Friedrich Ebert-Stiftung, in dem ich damals ein Praxissemester absolvierte, betrachtete man den Osloer Friedensvertrag in politischer wie ökonomischer Hinsicht als irreversible Tatsache.

Dementsprechend nahm ich an der Kundgebung auch weniger teil, weil ich meinte, die Regierung unterstützen zu müssen, sondern vor allem um den Auftritt von Aviv Geffen zu erleben.  weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte, Politik
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Veröffentlicht von am 2. Oktober 2015 1 Kommentar

Flucht damals und heute

Eine Netzlese zum Tag des Flüchtlings

Der Holzschnitt stellt fünf Menschen mit Gepäck auf einem Schiff dar.

»Flüchtlinge«, Farbholzschnitt von Jakob Steinhardt, 1946, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie. Dieses und weitere Objekte zum Thema finden Sie in der Online-Suche in unseren Sammlungen

Unter dem Motto »Refugees Welcome!« findet heute, am 2. Oktober 2015, im Rahmen der Interkulturellen Woche der diesjährige Tag des Flüchtlings statt. Wir haben diesen Tag zum Anlass genommen, unsere eigene und fremde Websites und Blogs zum Thema Flucht zu durchforsten. Denn als Mitarbeiterinnen eines jüdischen Museums gehören Fluchtgeschichten für uns und viele unserer Kolleg*innen zum ›Alltagsgeschäft‹: Praktisch alle Familiensammlungen, die unserem Museum geschenkt werden, erzählen Geschichten von Verfolgung und Flucht und machen damit – jenseits von bloßen Zahlenangaben – individuelle Schicksale deutlich. Briefe, Reisedokumente, Fotos und persönliche Erinnerungsstücke berichten von der verzweifelten Suche nach einem Auswanderungsland, gescheiterten und geglückten Emigrationen, dem oftmals schwierigen Leben in einem fremden Land und der Suche nach Familienangehörigen, Freunden und ehemaligen Nachbarn, die über die ganze Welt verstreut sind. Diese Geschichten erzählen wir in unserer Dauerausstellung und sie waren und sind Thema verschiedener Sonderausstellungen. Im Moment können Sie in unserer aktuellen Kabinettausstellung »Im fremden Land« zum Beispiel Publikationen sehen, die in jüdischen Displaced Persons Camps entstanden sind. Dort warteten Jüdinnen und Juden auf eine Ausreise nach Palästina bzw. Israel, in die USA und andere Länder, wo sie nach der Schoa auf einen Neuanfang hofften.

Wir machen Geschichten von Flucht und Vertreibung aber auch jenseits von Ausstellungen online sichtbar, etwa anhand ausgewählter Objekte:  weiterlesen