Veröffentlicht von am 13. Mai 2014 0 Kommentare

Von der Theorie zur Praxis des Tora-Schreibens

Ein Interview mit Rabbiner Reuven Yaacobov

Miriam Goldmann: Was muss man tun, um ein Tora-Schreiber, ein Sofer, zu werden?

Reuven Yaacobov: Ein Sofer muss zuerst ein paar Jahre in einer Jeschiwa, einer orthodoxen Schule, lernen. Dort zeigt sich, ob der Mann religiös genug für diese Aufgabe ist. Dann fängt er an zu lernen, wie man eine Tora schreibt. Als erstes erlernt er die Theorie. Es gibt Gesetze, die darüber befinden, wer die fünf Bücher Mose, die Sefer Tora schreiben darf. Zum Beispiel darf eine Frau keine Tora schreiben, sondern nur ein Mann. Weiterhin muss diese Person ein orthodoxer Jude sein und ein orthodoxes Leben führen. Außerdem gibt es Gesetze, die bestimmen auf welchem Untergrund und auf welche Art man eine Sefer Tora schreiben soll.


Hier können Sie Rabbiner Reuven Yaacobov im Interview und bei seiner Arbeit sehen.

Nachdem die Theorie erlernt wurde, fängt der Sofer an, die Buchstaben zu lernen, die man beim Schreiben der Tora verwendet. Es gibt eine besondere Art und Weise, wie man jeden Buchstaben schreibt. Nach dem Erlernen der richtigen Schreibweise, schreibt der Sofer zuerst eine Megillat Esther (hebr.: Esther-Rolle), weil sie die leichteste von allen heiligen Schriften ist. Nachdem er die Megilla geschrieben hat, verfasst er die Schriften für Mesusot und Tefillim. Wenn er eine besonders schöne Handschrift erworben hat, fängt er an, eine Sefer Tora zu schreiben. Denn nach dem jüdischen Gesetz muss eine Sefer Tora mit der schönsten Schrift und auf die beste und schönste Art und Weise geschrieben werden.

Mit welchen Schrifttypen schreiben Sie?  weiterlesen


Veröffentlicht von am 1. April 2014 1 Kommentar

Am Anfang war … die Schrift

Interview mit Cilly Kugelmann zur Ausstellung »Die Erschaffung der Welt. Illustrierte Handschriften aus der Braginsky Collection«

Mirjam Wenzel: Mit der kommenden Ausstellung zeigt das Jüdische Museum Berlin zum ersten Mal herausragende Beispiele der jahrhundertealten jüdischen Schriftkultur. Welche Bedeutung hat Schrift in der jüdischen Tradition?

Zwei Frauen an einem Tisch betrachten ein ihnen vorliegendes Papier

Cilly Kugelmann und Mirjam Wenzel im Gespräch über die kommende Ausstellung
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Katrin Möller

Cilly Kugelmann: In frühen rabbinischen Textsammlungen, die biblische Texte interpretieren, den Midraschim, ist davon die Rede, dass die Tora bereits vor der Erschaffung der Welt vorhanden war. Einige Rabbiner sehen die Tora sogar als Handbuch der Schöpfung, das Gott bei seinem Werk zu Rate gezogen habe. Diese Auslegungen zeigen, welche außerordentliche Bedeutung dem überlieferten Schrifttum im Judentum zukommt.
Mit dem Verlust der geografischen Heimat Israel wurden Tempelwallfahrten und Opferdienst zugunsten eines Gebetsgottesdienstes aufgegeben, der ortsungebunden ist und überall stattfinden kann. Dabei werden die überlieferten Texte selbst zum wichtigsten und zentralen Moment des Ritus. Das Studium und die Deutung der biblischen Schriften bildet bis heute den Mittelpunkt des geistigen jüdischen Lebens.

Warum wird die Sammlung illustrierter Handschriften von René Braginsky am Jüdischen Museum Berlin unter dem Titel »Die Erschaffung der Welt« gezeigt?   weiterlesen


»The Fourth Wall«

Interview mit Daniel Laufer

Aus unserem Kunstautomaten lassen sich die unterschiedlichsten Kunstwerke ziehen. Eines davon ist eine Postkarte von Daniel Laufer (* 1975 in Hannover).

Das Motiv zeigt einen Filmstill aus seinem Video »The Fourth Wall« (08:13 min). Die Geschichte basiert auf einer chassidischen Parabel, die von zwei Männern erzählt, die je eine Hälfte eines Hauses gestalten sollen. Während der erste sich eifrig an die Arbeit macht, zögert der zweite und findet keine Inspiration. Mit der Gewissheit, kein besseres Ergebnis erzielen zu können als sein Kontrahent, entscheidet er sich, dem Scheitern die Stirn zu bieten: Er malt seine Hälfte mit schwarzem Pech an, das wie ein Spiegel die andere Häuserhälfte reflektiert und so zur vollendeten Lösung wird.

Foto von Postkarte, es sind mehrere Spiegelungen in einem Innenraum zu sehen

Postkarte mit einem Videostill aus dem Film »The Fourth Wall« von Daniel Laufer
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Der Film wurde dieses Jahr auf der 14. Videonale im Kunstmuseum Bonn gezeigt.
Im persönlichen Gespräch gibt Daniel Laufer weitere Details zur Entstehung und zur Aussage des Werkes.

Christiane Bauer: Daniel, Du arbeitest meist mit dem Medium Video. Für den Kunstautomaten hast Du eine Postkarte angefertigt. Warum hast Du Dich für dieses Format entschieden?

Daniel Laufer: Eine Postkarte ist etwas Mobiles, das man mitnehmen kann, hat aber auch etwas Verbindendes, denn sie übermittelt Informationen und Nachrichten. Sie kann also Mitbringsel sein, sagt aber auch etwas aus. Und was mir darüber hinaus gefiel: Man kann sie an die Wand hängen.

An sich ist das Kunstwerk ja ein ganzer Film. Wieso hast Du genau diesen Ausschnitt als Motiv für die Postkarte gewählt?  weiterlesen