Veröffentlicht von am 9. April 2013 2 Kommentare

In der Vitrine

Eine Museumsvitrine macht im Handumdrehen jeden beliebigen Gegenstand zu Kunst. Nun kann ich herausfinden, was sie aus einem Alltagsmenschen macht. Ich sitze in dem Schaukasten der aktuellen Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten«. Die Besucher gehen vorbei und wir beobachten uns gegenseitig. Viele lesen den Wandtext, werfen mir einen Blick zu und huschen davon.

Eine Frau hinter Vitrinenglas, im Hintergrund Ausstellungsbesucher

Olga Mannheimer als Gast in der Ausstellung zur ›ganzen Wahrheit‹
© Foto: Ernst Fesseler, Jüdisches Museum Berlin

Einige bleiben stehen, in sicherem Abstand. Ich räuspere mich, lächele einladend, deute auf den Button an meiner Bluse »Ask me, I’m Jewish«. Qualifiziert für diese Rolle, so die Rede zur Vernissage, habe mich die Behauptung, ich könne »die ganze Wahrheit« über die Juden verraten. Wird jemand danach fragen? Der Abstand verringert sich allmählich. Ein Mann will wissen, was die Exponatenbeschriftung am Schaukasten besagt – er hat seine Lesebrille nicht dabei. »Spezies: Diasporajüdin, Subspezies: Osteuropajüdin, Variante: Bananenjüdin«. Danke, sagt der Mann und geht rasch davon. »Bananenjüdin? Nie gehört«, sagt eine Frau. So wurden in Polen Juden genannt, erkläre ich, die von den Verwandten aus dem Westen mit Zitrusfrüchten und Bananen versorgt wurden.

Zögerlich kommen weitere Menschen hinzu, die Gruppe vor meinem Kasten wird größer. »Darf man zu einem Sederabend Blumen mitbringen?« »Kann man eine Vorhaut wieder annähen?«  weiterlesen


Strapazen einer Wahrheitssucherin (Teil zwei)

Durch eine Vitrine sieht man eine andere Vitrine, die mit Essen gefüllt ist

Aufbau der Vitrinen für die Ausstellung »Die ganze Wahrheit«
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Michal Friedlander

Die Ausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten« wird nächste Woche eröffnet. Das Kuratorinnenteam tritt ein paar Schritte zurück, um die schönen Schaukästen zu bewundern, und wir beglückwünschen uns reihum zu dem gelungenen Ergebnis unserer Arbeit.

Schön wär’s. Folgen Sie mir durch meinen Nachmittag:

13:45    Nachdem wir in der Kantine unsere Essenstabletts weggebracht haben, Gedränge an der Eistruhe. Ich weiche zum Süßigkeitenständer aus. Abwägungen; Beratung mit den Kolleginnen. M&Ms, Toblerone und Ritter Sport. Verpackungen aufgerissen, noch ehe wir den Raum verlassen.

Eine Vitrine in magenta, daneben eine Leiter und zwei Menschen

Aufbau der Vitrinen für die Ausstellung »Die ganze Wahrheit«
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Michal Friedlander

14:00    Schaue die 13-seitige Liste mit Fragen durch, die Museumsbesucher zu Juden, zum Judentum und zum Jüdischen Museum Berlin gestellt haben. Vieles wiederholt sich. Die Liste muss für die Ausstellung ausgemistet werden. Hier ein paar Auszüge:

Warum gibt es so viele jüdische Museen, und wer zahlt das alles?
Sind Juden normal?
Haben Juden Hörner?
Warum glauben Juden, dass sie was Besonderes seien?
Warum leben nicht alle Juden in Israel?
Warum haben die Juden sich nicht gegen die Nazis gewehrt?
…?

Zeit für die nächste Zuckerdosis.  weiterlesen


Strapazen einer Wahrheitssucherin

Die Ausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten« wird nächste Woche eröffnet. Das Kuratorinnenteam tritt ein paar Schritte zurück, um die schönen Schaukästen zu bewundern, und wir beglückwünschen uns reihum zu dem gelungenen Ergebnis unserer Arbeit.

Schön wär’s. Folgen Sie mir durch meinen heutigen Vormittag:

8:45    Ankunft im Büro. Stopfe meine Schubladen mit den gesunden Snacks voll, die ich gekauft habe: Bananen, Äpfel und Bio-Knusperwaffeln.

Der rothaarige Smash-Me Bernie liegt in der Transportkiste

Madoff-Actionfigur »Smash-Me Bernie« in der Transportkiste, Hersteller: Modelworks
© Foto: Michal Friedlander, Jüdisches Museum Berlin

8:50    Gehe hinüber zu den Ausstellungsräumen, um mir die Schaukästen anzusehen, die heute Vormittag in ihre endgültige Position gebracht werden müssen.

9:00    Ausstellungsräume gespenstisch leer. Projektmanager erklärt fröhlich, die Autobahn von Dresden nach Berlin sei zugeschneit. Zwar sind einige Vitrinen durchgekommen, nicht jedoch ihre Beine. Er sage Bescheid, wenn Beine da.

9:10    Zurück im Büro. Höchste Zeit, die Ausstellungstexte für die Herstellung freizugeben. Komme gut voran. Eine Kollegin streckt den Kopf herein, erblickt die Muster in meiner Hand. Richtet ihr Smartphone auf die Textteile, die auf farbigem Hintergrund gedruckt sind. »Genau wie ich befürchtet habe«, sagte sie, »die englischen Texte sind für Besucher mit einer Rot-Grün-Sehschwäche unsichtbar.« »Woher weißt Du das?«  weiterlesen