Der Libeskind-Bau

Architektur erzählt deutsch-jüdische Geschichte

Ein Zick-Zack-Bau aus Titanzink, unterirdische Achsen, schiefe Wände und unklimatisierte Betonschächte: Mit seinem Entwurf »Between the Lines« wollte der US-amerikanische Architekt Daniel Libeskind nicht einfach ein Museumsgebäude gestalten, sondern deutsch-jüdische Geschichte erzählen. Noch vor der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin im Herbst 2001 besichtigten knapp 350.000 Menschen den leeren Museumsbau, der immer noch zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland fasziniert. Heute befinden sich im Libeskind-Bau unsere Dauerausstellung sowie im Untergeschoss das Rafael Roth Learning Center. Das Gebäude lässt viele Interpretationen zu: Manche erinnert es an einen zerbrochenen Davidstern, andere an einen Blitz; bei vielen hinterlässt es ein Gefühl der Verunsicherung oder Desorientierung.

Gebäudeplan mit Markierung des Libeskindbaus
Ort

Libeskind-Bau


Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin

»Between the Lines«: Daniel Libeskind und sein Entwurf

Mit seinem Entwurf »Between the Lines« (Zwischen den Linien) hatte der Architekt Daniel Libeskind 1989 den Wettbewerb für den »Erweiterungsbau des Berlin Museums mit Abteilung Jüdisches Museum« gewonnen. Es war sein erster Entwurf, der tatsächlich baulich umgesetzt wurde.

Äußerlich ist der Libeskind-Bau eigenständig, vom Eingangsbereich im benachbarten barocken Altbau gelangen Besucher*innen nur durch eine unterirdische Verbindung in die Dauerausstellung. Den Grundriss entwickelte Daniel Libeskind aus zwei Linien: der sichtbaren Zick-Zack-Linie des Gebäudes und einer unsichtbaren geraden Linie. An den Kreuzungspunkten liegen die »Voids«, Leerräume, die das Gebäude vom Erdgeschoss bis zum Dach durchziehen. Die sich kreuzenden und schräg verlaufenden Fenster wirken unsystematisch und lassen von außen keine Geschossgliederung erkennen.

Libeskind selbst nennt für seinen Entwurf vier Inspirationsquellen: Für die Verbindung zwischen jüdischer Tradition und deutscher Kultur vor der Schoa stehen jüdische und nicht-jüdische Berliner Persönlichkeiten wie Paul Celan, Max Liebermann, Heinrich von Kleist, Rahel Varnhagen oder Friedrich Hegel. Aus deren Adressen entstand ein Liniennetz, aus dem Libeskind die Struktur des Gebäudes und der Fenster entwickelte. Weitere Anregungen erhielt der Architekt aus der unvollendeten Oper Moses und Aron des Komponisten Arnold Schönberg, aus dem Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945) sowie aus Walter Benjamins Essay Einbahnstraße.

Arnold Schönberg: Moses und Aron

Vom unvollendeten dritten Akt der Zwölfton-Oper gibt es nur eine Szene. Darin wird Aron von seinem Bruder Moses vorgeworfen, den göttlichen Gedanken durch Bilder und Wunder verfälscht zu haben.

Mehr bei Wikipedia

Gedenkbuch des Bundesarchivs

Seit Dezember 2007 gibt es eine Onlineversion des Gedenkbuchs des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945)

Zum Gedenkbuch auf der Website des Bundesarchivs

Walter Benjamin: Einbahnstraße

Diese Kurzprosa des Philosophen und Kulturkritikers Walter Benjamin, der 1892 in Charlottenburg geboren wurde und sich 1940 im spanischen Grenzort Portbou aus Angst vor seiner Auslieferung an die Deutschen das Leben nahm, können Sie online nachlesen.

Zum Text auf der Website des Projekts Gutenberg-DE
Mehr über Walter Benjamin bei Wikipedia

Memory Void mit der Installation Schalechet von Menashe Kadishman; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Die »Voids«

»Voids« durchziehen vertikal das Gebäude. Die Betonschächte sind unklimatisiert, weitgehend ohne künstliche Beleuchtung und können nur zum Teil betreten werden. In den oberen Ausstellungsgeschossen sind sie deutlich erkennbar durch die Void-Brücken markiert, deren Wände schwarz gestrichen sind. Einer der fünf Leerräume beherbergt die Installation Schalechet (Gefallenes Laub) des israelischen Künstlers Menashe Kadishman (weitere Informationen zur Installation Schalechet auf unserer Website).

Mit den »Voids« thematisiert Daniel Libeskind die physische Leere, die durch die Vertreibung, Zerstörung und Vernichtung jüdischen Lebens in der Schoa entstanden ist und die nicht nachträglich wieder gefüllt werden kann. Mit architektonischen Mitteln versucht Libeskind, diesen Verlust sicht- und fühlbar zu machen.

Die Achse des Exils und die Achse des Holocaust im Untergeschoss des Libeskind-Baus; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Thomas Bruns

Die Achsen im Untergeschoss

Im Untergeschoss des Libeskind-Baus kreuzen sich drei Achsen, die symbolisch für die unterschiedliche Entwicklung jüdischer Lebensgeschichten in Deutschland stehen: die Achse des Exils, die Achse des Holocaust und die Achse der Kontinuität, die in einer steilen Treppe mündet. Über 82 Stufen gelangen die Besucher*innen zum Eingang der Dauerausstellung im 2. Obergeschoss, weitere acht Stufen enden vor einer weißen Wand.

Entlang der Achsen zeigen wir Objekte, die Geschichten von Jüd*innen erzählen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden oder emigrieren mussten. Am Kreuzungspunkt der drei Achsen befindet sich das Rafael Roth Learning Center (mehr Informationen zum Rafael Roth Learning Center auf unserer Website).

Der »Holocaust-Turm«

Die Achse des Holocaust endet im »Voided Void« (entleerte Leere), auch Holocaust-Turm genannt, einem isolierten Gebäudesplitter, der nur unterirdisch mit dem Libeskind-Bau verbunden ist. Tageslicht dringt ausschließlich durch einen schmalen Schlitz in den unbeheizten Betonschacht, Außengeräusche sind nur gedämpft zu hören. Bei vielen Besucher*innen löst der sogenannte Holocaust-Turm ein Gefühl der Beklemmung aus.

Der Garten des Exils; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Der Garten des Exils

Die Achse des Exils führt in den Garten des Exils, der außerhalb des Libeskind-Baus liegt. 49 quadratisch angeordnete Stelen stehen auf einer schiefen Ebene. Daraus wachsen Ölweiden als Symbol der Hoffnung. 48 Stelen sind mit Erde aus Berlin gefüllt, die 49. Stele in der Mitte enthält Erde aus Jerusalem.

Der Garten des Exils erzeugt bei den Besucher*innen aufgrund der Schräglage ein Gefühl des Schwindels und der Desorientierung, die einzige Vegetation befindet sich in unerreichbarer Höhe. Mit dieser räumlichen Erfahrung wollte Daniel Libeskind auf die mangelnde Orientierung und Haltlosigkeit verweisen, die Emigrant*innen empfanden, die aus Deutschland vertrieben wurden.

Literaturhinweise zum Entwurf von Daniel Libeskind

  • Dorner, Elke, Daniel Libeskind. Jüdisches Museum Berlin, Berlin 1999.
  • Jüdisches Museum Berlin. Architekt Daniel Libeskind mit einem Fotoessay von Hélène Binet, Amsterdam/Dresden 1999.
  • Daniel Libeskind, Zwischen den Linien. Der Museumsbau soll jüdische Geschichte erschließen und sichtbar machen, in: Spezial der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung: Jüdisches Museum Berlin. Sonderpublikation zur Eröffnung (2001), S. 66–72.
  • Pieper, Katrin, »Between the Lines«. Architektonische Geschichtsreflexionen des Jüdischen Museums Berlin, in: Christina Jostkleigreve u.a. (Hg.): Geschichtsbilder. Konstruktionen – Reflexionen – Transformationen, Köln u.a. 2005, S. 371–385.
  • Willemeit, Thomas, »Oh Wort, du Wort, das mir fehlt!«. Musik und Architektur bei Daniel Libeskind, in: Archithese 28 (1998) Nr. 5, S. 18–24.
Gebäudeplan mit Markierung des Libeskindbaus
Ort

Libeskind-Bau


Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin

Unsere Gebäude (6) Barock und Daniel Libeskind Alle anzeigen

Barock und Daniel Libeskind

Die Architektur des Jüdischen Museums Berlin ist stark von Daniel Libeskind geprägt: Von ihm stammt nicht nur der Entwurf des Museumsgebäudes, auch die W. Michael Blumenthal Akademie und den Glashof hat der US-amerikanische Architekt gestaltet. Zum Gebäudeensemble gehören aber auch ein Barockpalais sowie eine denkmalgeschütze Gartenanlage aus den 1980er-Jahren.

Der Libeskind-Bau

Ein Zick-Zack-Bau aus Titanzink, unterirdische Achsen, schiefe Wände: Daniel Libeskind wollte mit seinem Entwurf »Between the Lines« nicht nur ein Museum bauen, sondern deutsch-jüdische Geschichte erzählen.

Der Altbau

Das ehemalige Kollegiengebäude ist das letzte erhaltene Barockgebäude in der historischen Friedrichstadt. Der ehemalige Sitz der königlichen Justizverwaltung ist heute Eingangsbereich zum Museum mit Ausstellungsflächen im Obergeschoss.

Die W. Michael Blumenthal Akademie

Nach dem Entwurf »Zwischenräume« von Daniel Libeskind wurde eine frühere Blumengroßmarkthalle umgebaut. Mit drei Kuben knüpft die Formensprache an die übrige Museumsarchitektur an.

Der Glashof

Der Glashof enstand nach dem Entwurf »Sukka« (hebräisch für Laubhütte) von Daniel Libeskind und überdacht mit einer Konstruktion aus Glas und Stahl den Innenhof des barocken Altbaus.

Der Garten der Diaspora

Der Garten der Diaspora liegt im Inneren der W. Michael Blumenthal Akademie. Auf vier scheinbar schwebenden Plateaus wachsen Pflanzen mit einem Bezug zu jüdischem Leben oder einer eigenen Geschichte der Zerstreuung.

Unsere Museumsgärten

Hinter dem Altbau und rund um den Libeskind-Bau ergänzen zwei Gartenanlagen das Gebäudeensemble und bieten unseren Besucher*innen einen Ort für Ruhepausen vor und nach dem Museumsbesuch.

»Schalechet« von Menashe Kadishman

Kunst-Installation

Weiterlesen

Daniel Libeskind (Architekt)

Mehr zum Thema ...

Architektur

Mehr zum Thema ...

Geschichte des Jüdischen Museums Berlin

Alles über ...

Weiterlesen