statisches Bild der interaktiven Figur »Changeling«

Vielfalt in Kunst und Kultur – Objektarbeit und Ausstellungsgestaltung

Fortbildungen in der Reihe »Klischees reflektieren – Individuen stärken« im 2. Schulhalbjahr 2012/13

Vielfalt in Kunst und Kultur war das Motto des zweiten Halbjahrs und des Moduls zur kulturellen Bildung. Anders als im ersten Halbjahr verknüpften wir die Fortbildung unmittelbar mit der Praxis und setzten ein gemeinsames Projekt um: Die Schüler_innen der Partnerschulen erarbeiteten eine Ausstellung und präsentierten sie im Museum der Öffentlichkeit.

Das Jüdische Museum Berlin gab mit dem Modul »Objektarbeit und Vitrinengestaltung« museumsspezifische Kompetenzen im Umgang mit Exponaten, Präsentation und Ausstellungsgestaltung weiter und erweitert so das Repertoire der Pädagog_innen an künstlerischen und kreativen Lernmethoden.

Selbstpräsentation, individualisierendes Lernen und Medienkompetenz

Ein Ziel dabei ist, die Arbeit mit Objekten und Ausstellungen zu unterstützen, die ohnehin zum Schulalltag gehört: Nahezu jede Schule stellt z.B. Werke aus dem Kunstunterricht oder Zeugnisse von sportlichen Erfolgen aus und vermittelt damit ein Bild von sich selbst. Eine attraktive Präsentation der Ausstellungsstücke kann die Identifikation mit der Schule stärken und einnehmend auf Besucher_innen wirken. Im Unterricht nutzen Lehrer_innen ebenfalls häufig Objekte wie Modelle, Plakate oder Fundstücke, um daran Fragen zu entwickeln und Lernprozesse in Gang zu setzen. Viele schulische Projekte präsentieren abschließend ihre Ergebnisse in einer Ausstellung. Mit methodischen Tipps aus der Museumsarbeit können wir diese Form der Unterrichtsgestaltung unterstützen und anregen. Künstlerisches Schaffen wird so in den Unterrichtsalltag integriert.

Eine Schule, die ein besonderes Augenmerk auf Diversität legt und unterschiedlichen Sichtweisen, Selbstpräsentationen und Ausdruckformen Raum gibt, tut gut daran, künstlerische, kreative und individualisierende Unterrichtsmethoden zu stärken. So werden Freiräume geschaffen, die weniger stark durch bewusste oder unbewusste Standards und Normalitätsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft vorstrukturiert sind.

Diese Methoden sollten nicht nur in die fächerübergreifende Projektarbeit oder in Fächer, die ohnehin der kulturellen Bildung gewidmet sind wie Kunst, Musik oder Darstellendes Spiel, sondern in alle Fächer integriert werden. Über die Arbeit an einem Ausstellungsthema können Schüler_innen sowohl einen individuellen Zugang zum Thema, als auch eine eigene ästhetische Ausdrucksform finden. Auch für Selbstdarstellung und Profilierung der Schule können Ausstellungen geeignet sein.

Ausstellungen sind nicht zuletzt ein Medium, das Wissen und Bilder über Menschen und über kulturelle, soziale oder religiöse Gruppen vermittelt. Durch die Auswahl und das Arrangement von Exponaten vermitteln Ausstellungsmacher_innen subjektive Aussagen. Dies gilt für die Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin genauso wie beispielsweise für eine Ausstellung über die Bürgerrechtsbewegung in den USA oder über das interkulturelle Zusammenleben im Kiez. Eine Ausstellung »lesen« zu können gehört daher zu den grundlegenden Kompetenzen, die Schüler_innen erwerben sollen. Jugendliche, die eine Ausstellung machen und ihren Arbeitsprozess reflektieren, erfahren selbst, wie sie Aussagen prägnant darstellen , bestimmte Eindrücke hervorrufen und so auf ihre Betrachter_innen einwirken können.

ZeitDinge: Thema, Durchführung und Umsetzung

Als Thema für die gemeinsame Ausstellung wählten wir den sehr offenen Begriff »Zeit«, der sowohl in theoretischen Kontexten wie auch im Alltag viele verschiedene Bedeutungen hat. Zeit kann zudem auch interkulturell betrachtet werden, weil verschiedene Epochen und Regionen unterschiedliche Vorstellungen von Zeit hervorgebracht haben, die auch miteinander interagieren.

Als Beispiel für die Einführungsveranstaltung wählten wir das Thema »Zeit in der Religion« und stellten Konzepte von Zeit vor, die in religiösen Schriften des Judentums überliefert werden. Die beiden Partnerschulen, die sich am Ausstellungsprojekt beteiligten, wählten dann Themen, die ihrem eigenen Kontext näher stehen und bei denen sich die Ausstellungsgestaltung gut in schulinterne Arbeitsprozesse integrieren ließ: 100 Jahre Schulstandort Lütticher Straße (Ernst Schering Schule) und 50 Jahre Großsiedlung Falkenhagener Feld (B. Traven Oberschule).

Die Lehrer_innen befassten sich in einer ganztätigen Fortbildung zunächst selbst damit, wie Museen mit Objekten arbeiten, die eine Geschichte erzählen und so Wissen über ein Thema vermitteln können. Wir betrachteten die Gestaltung ausgewählter Vitrinen in der Dauerausstellung des Museums und stellten die Fragen: Was macht ein gutes Objekt aus? Welche Überlegungen liegen einer Vitrinengestaltung zugrunde? Welche Facetten hat das Thema Zeit?

In der Umsetzungsphase besuchten wir die beteiligten Schülergruppen in den Klassenzimmern, um die Ideenentwicklung zu stützen und persönliche Kontakte aufzubauen. Wir führten mehrere Workshops mit Schüler_innen im Museum durch, bei denen die Jugendlichen die Gestaltung von Vitrinen ausprobieren und dabei auch das Jüdische Museum Berlin kennenlernen konnten. Die Lehrer_innen erarbeiteten an den Schulen mit ihren Schülergruppen ein Gesamtkonzept, einzelne Ausstellungsstationen und die Objektauswahl. Beim tatsächlichen Ausstellungsaufbau änderten sich dann noch manche Arrangements.

Parallel dazu planten wir die Eröffnung der Ausstellung und bereiteten den öffentlichen Auftritt zweier Schüler_innen vor. Eine Gruppe aus dem Lernbereich Musik übte drei Musikstücke ein, um den festlichen Rahmen zu gestalten. Auch die Ausstellung selbst eröffnete weitere Möglichkeiten zur Schülerbeteiligung: So führten die jungen Kurator_innen ihre Mitschüler_innen durch die Ausstellung. Einige Gruppen besuchten im Anschluss daran auch die restlichen Ausstellungen des Museums.

Erfahrungen

Die beiden Partnerschulen beobachteten auf unterschiedlichen Ebenen viele positive Effekte der intensiven Zusammenarbeit: Viele Schülergruppen besuchten bei der Ausstellungsvorbereitung das Museum, einige auch mehrfach, und bauten so die Distanz zur Einrichtung ab. Viele Schüler_innen waren sehr stolz, eigene Arbeitsergebnisse einem großen Publikum zu präsentieren und dafür von vielen Seiten Anerkennung zu erhalten. Durch den öffentlichen Rahmen wurde ihre Arbeit aufgewertet, was im schulischen Alltag oft fehlt. Dies gilt auch für die beteiligten Lehrer_innen und die Schulen insgesamt, die nach innen und außen große Aufmerksamkeit erfahren haben.

Das Fotoprojekt »Wo wohnst du?« der »Lerngruppen für Neuzugänge ohne Deutschkenntnisse« der B. Traven Oberschule war mit Blick auf das Arbeitsfeld »Vielfalt in Schulen« ein großer Erfolg. Die Schüler_innen dieser Lerngruppen waren zum Teil erst wenige Wochen in Deutschland und  konnten dennoch gleichberechtigt mitwirken und teilhaben, weil Objektarbeit und Fotografie sich ohne große Deutschkenntnisse umsetzen ließen. Gleichzeitig wählten sie mit ihrem Thema eines, das Fragen und Probleme der Migrationsgesellschaft im Kern berührt: Leben im eintönigen Umfeld ihres Wohnheims.

Für die Lehrer_innen und Pädagog_innen stellte das Ausstellungsprojekt eine zeitliche und organisatorische Herausforderung dar. Wegen der positiven Erfahrungen und nachwirkenden Effekte sahen sie dies jedoch insgesamt als gerechtfertigt an. Die Lehrkräfte werden ihr Projektwissen an die Kolleg_innen weitergeben, indem sie einen methodischen Leitfaden entwickeln oder erneut eine Schülerausstellung durchführen. Zurzeit überlegen wir gemeinsam, ob sich der Abschluss von »Vielfalt in Schulen« nächsten Sommer mit einem ähnlichen kreativen Projekt begehen lässt.

Auch wir im Museum wurden durch die Entfaltung kreativer Ideen der Schüler_innen und ihrer Lehrkräfte stark gefordert. Ursprünglich waren wir von einer Präsentation ausgegangen, die sich auf Vitrinen beschränkte. Die Lehrer_innen und Schüler_innen beider Partnerschulen griffen aber auf vielfältige Formate zurück, z.B. Installation im Raum, Zeitzeugeninterviews, Fotografie, Multimediapräsentation. Es wurde deutlich, dass eine Ausstellungsvorbereitung einen langen Vorlauf braucht, um mehr Kolleg_innen und Schüler_innen einbeziehen zu können und beispielsweise auch die Öffentlichkeitsarbeit an Jugendliche abzugeben. Und wir haben gelernt, dass eine Schüler_innenausstellung im Museum auf großes Interesse stößt, wie ein Bericht auf dem Internetportal Qiez oder auch ein Artikel in der B.Z. beschreiben. Schließlich brauchen Museen angemessene Räume und die organisatorische Infrastruktur für die Arbeit mit Schüler_innen.

Hier finden Sie den von Projektmitarbeiterin Ulrike Wagner in der Zeitschrift »Politisches Lernen« publizierten Artikel über die Schülerausstellung.

Glossar:
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Rosa Fava
Tel.: +49 (0)30 259 93 464
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»Vielfalt in Schulen« ist ein Projekt des Jüdischen Museums Berlin in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), gefördert durch die Stiftung Mercator.

Erwachsenengruppe werden durch das Museum geführt
Wecker, Muschel und weiterer Krimskrams
Foto: drei Mädchen auf  dem Weg in die Ausstellung »ZeitDinge«

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