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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. Oktober 1999

Das Buch »Invisible Wall« berührte die Leser. Eine dicke Mappe voller Briefe

Von W. Michael Blumenthal


Ich kann mich an kein besonderes Ereignis erinnern, das der Anlass gewesen sein könnte, mich mit deutsch-jüdischer Geschichte zu befassen. Noch heute weiß ich nicht, wie es dazu kam.

Bis vor einigen Jahren hatte ich nur wenig Interesse an diesem Thema und wusste kaum etwas darüber. Das deutsche Kapitel galt für mich als abgeschlossen. Deutschland war einfach nur mein Geburtsland, das ich als 13-jähriges Kind mit mehr schlechten als guten Erinnerungen verlassen hatte. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben.

Amerika war meine neue Heimat. Darauf war ich stolz und bin es auch heute noch. Alle meine Energien haben sich auf dieses Land konzentriert. Hier konnte ich studieren, meine Familie gründen und meine Talente entfalten, als Akademiker, in der Industrie und zweimal in der Politik in Washington.

Und doch muss die Problematik des deutschen Judentums mit seinem schrecklichen Ende in mir rumort haben, wenn auch nur im Unterbewusstsein. Die Generationen meiner einst höchst assimilierten deutsch-patriotischen Eltern und Großeltern hatten eine besondere Denkweise, die ich zwar kannte aber doch nie richtig verstand. Es war eine merkwürdige Mischung aus Stolz auf die deutsche Kultur und aus Nostalgie einerseits und einem angeborenen oder ihnen auferlegten Gefühl des "anders sein", gemischt mit etwas Ängstlichkeit, Vorsicht und Pessimismus. Ein gewisser, nie ausgesprochener Stolz auf ihre besondere deutsch-jüdische Herkunft und Kultur war aber im Hintergrund immer spürbar.

Meine Eltern konnten es mir nie erklären. Als ich in den 60er Jahren Botschafter wurde und später Finanzminister, kommentierte mein Vater das kopfschüttelnd: "In Deutschland hättest Du das als Jude nie geschafft"! Meine weiteren Fragen tat er achselzuckend ab mit: » ... das war eben so... das muss man erlebt haben«. Auch die Fragen nach dem »Wie«, »Was« und »Wieso« blieben unbeantwortet, und mehr und mehr führte eine Frage zur anderen, bis sie mir keine Ruhe mehr ließen. Zum Beispiel: Wie konnte man so ein Leben hinnehmen und sich doch wohlfühlen? Wie hat man überhaupt in früheren Zeiten in Deutschland als Jude gelebt? Woher kam das Gefühl des »anders sein«? Warum blieb der psychologische oder tatsächliche Abstand zwischen Juden und Nichtjuden unüberbrückbar? Wie stand es mit dem deutschen Antisemitismus? War er anders als in anderen Teilen Europas? Hatte Goldhagen Recht, dass es ein besonders mörderischer war? Und wenn nicht, wie konnte ausgerechnet dort - in einem Land, das so stolz auf seine hohe Kultur war - die Shoa entfacht werden?

Mir kam der Gedanke, dass die Geschichte meiner Vorfahren einen gewissen Einblick in diese Fragen geben könnte. So begann ich zu lesen und zu recherchieren, und daraus ergab sich 1998 schließlich mein Buch »The Invisible Wall«. Vor fast einem Jahr erschien es auch in deutscher Übersetzung beim Hanser Verlag in München.

Ich bin immer noch überrascht darüber, wie stark die Auswirkungen des Buches auf mich selbst sind, und wie stark und vielseitig die Leser darauf reagiert haben, wie unterschiedlich ihre Reaktionen in Deutschland und in Amerika waren, und wie überraschend tief das Buch so viele berührt hat.

Für den Autor ist so eine Arbeit in sich natürlich ein bereicherndes intellektuelles Abenteuer. Noch wichtiger ist meine nun vertiefte Einsicht in die Lebenserfahrungen der gesamten Menschengruppe deutscher Juden, aus der ich stamme, und mein neuerwecktes Interesse an ihrem Schicksal. Ich verstehe und bewundere nun wie nie zuvor die Energiequellen dieser kleinen Minderheit, ihre eindrucksvollen Errungenschaften, ihre Fähigkeit, Leiden zu ertragen und zu überwinden, und ihren im langen Kampf um Akzeptanz geschärften Willen, sich zu behaupten und zu beweisen. Mir ist auch klarer geworden, wie die Widersprüche in ihrem Selbstbild und in ihrem Verhältnis zu einer unberechenbaren Umwelt entstanden sind.

Ich habe aus der zugleich glorreichen wie auch tragischen Geschichte der deutschen Juden bedeutungsvolle Lehren gezogen. Erstens, wie wichtig die amerikanische Tradition der multikulturellen Toleranz ist, und wie stolz wir hier auf die Fortschritte der letzten Jahrzehnte im Kampf gegen Rassismus und die Überreste eines institutionellen Antisemitismus sein können. Zweitens, dass auch nichtjüdische Deutsche aus der Geschichte ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger - die ebenso ein Teil ihrer Geschichte ist - viel zu lernen haben, nämlich wie notwendig Toleranz gegenüber religiösen und anderen Minderheiten in einer globalen Welt ist, wie gefährlich tiefsitzende Vorurteile sind, und wie kostspielig die Folgen der Intoleranz nicht nur für die Opfer sein können.

The Invisible Wall hat unter amerikanischen Lesern einen erstaunlichen Anklang gefunden und eine rege Debatte ausgelöst. Durch meine Vorträge und Diskussionen mit Lesern in vielen Teilen des Landes ist mir klar geworden, wie sehr die Fragen, mit denen sich das Buch beschäftigt, immer noch viele Menschen bewegen. Übrigens nicht nur ehemals deutsche Juden meiner Generation, sondern auch ihre Kinder und Enkelkinder und viele andere. Eine dicke Mappe mit Briefen an mich und mit aufschlussreichen persönlichen Reaktionen bezeugt das.

Das trifft auch auf die deutsche Leserschaft zu. Dort ist das Interesse an deutsch-jüdischer Geschichte besonders groß. Jüngere Deutsche können das tragisch verfehlte deutsch-jüdische Verhältnis einfach nicht verstehen und viele sind immer noch beschämt und betrübt darüber. Viele Fragen sind dieselben. Ebenso interessant sind aber auch die unterschiedlichen Reaktionen.Die hiesigen Leserbriefe spiegeln einige immer wiederkehrende Reaktionen wider. "Das Buch beschäftigt sich mit Problemen, die mir ein Leben lang zu schaffen gemacht haben", ist der typische Kommentar einiger Leser. Viele zeigen sich dankbar, Einzelheiten aus der deutsch-jüdischen Vergangenheit gelernt zu haben, die ihnen unbekannt waren und die ihnen, wie auch mir, neue Perspektiven eröffneten. »Wie konnte man nur so blind sein«, schreiben viele. Andere Leser wiederum wollen mir ihre eigene, besondere Familiengeschichte in Deutschland, auf der Flucht und in der Emigration erzählen. Offensichtlich sind es Lebenserfahrungen, die sie immer noch tief bewegen.

Oft schreiben Leser, dass sie es lange nicht fertig brachten, deutschen Boden wieder zu betreten, es nun aber getan haben und es begrüßen, dass deutsch-jüdische Geschichte wieder erforscht und erzählt wird.

Ein kleiner Teil jedoch kann das immer noch nicht tun. »Sie irren sich, wenn sie glauben, dass viele Deutsche nichts vom Morden wussten«, ist auch eine gelegentlich wiederkehrende Reaktion auf mein Buch. Die Friedhofsschändungen vor kurzem und Ausschreitungen der Rechtsradikalen werden erwähnt - als Beweis dafür, dass die "Unsichtbare Mauer" noch immer besteht. Das ist jedoch die Minderheit. Der größere Teil der Leser ist der Meinung, dass es nach mehr als einem halben Jahrhundert an der Zeit ist, sich mit der Zukunft zu befassen. Sie glauben, dass sich Deutschland positiv entwickelt habe und begrüßen meine Entscheidung, die Leitung des Jüdischen Museums in Berlin zu übernehmen, und spätere Generationen darin über die Geschichte des deutschen Judentums mit allen Höhen und Tiefen zu unterrichten.

Die Reaktionen deutscher Leser sind zum Teil die gleichen. Auch dort gesteht eine Mehrzahl, dass sie zu wenig über deutsch-jüdische Geschichte wussten, und dass ihnen das Buch einen neuen Einblick verschafft hat. Eine typische Reaktion ist: »Vieles habe ich nicht gewusst. Ich werde es aber nie verstehen, wie das alles möglich war«. Auch hier kritisieren einige, dass ich zu sanft in meinen Urteilen war. »Ich danke Ihnen für Ihre Worte«, kommentieren besonders oft jüngere Deutsche, »... aber das muss man doch gewusst haben. Ich finde, Sie sind zu versöhnlich!«

In der heutigen Bundesrepublik ist man besonders an den wertvollen Beiträgen der Juden zum deutschen Leben interessiert und oft wird davon gesprochen, wie viel Unersetzliches verloren gegangen ist, und dass Deutschland immer noch darunter leidet. Oft höre ich auch von tiefen Gefühlen der Schuld und der Scham. Natürlich habe ich aber auch einige Briefe bekommen, in denen Leser versuchen, das Schlimme zu entschuldigen und die Meinung vertreten, es wäre an der Zeit einen Schlussstrich zu ziehen. Nur zweimal bekam ich klar antisemitische Zuschriften. Einmal anonym aus Deutschland. Das zweite Mal mit Namen - aus den USA.

Ich freue mich, dass mein Buch für so viele Leser wichtig war. Wenn es zum Nachdenken animiert und Leser daraus etwas lernen können, bin ich mehr als reichlich belohnt. Für mich war allein die Selbsterkenntnis und das, was die Arbeit mir persönlich eröffnet hat, schon Lohn genug.

Vor zwei Jahren nahm ich den Vorschlag des Landes Berlin an, die Leitung des Berliner Jüdischen Museum zu übernehmen. Die Einladung ist eng mit meinem Buch verbunden. Diese Aufgabe bringt mich nun fast jeden Monat für mindestens eine Woche nach Deutschland, und es ist erstaunlich, wie groß das Interesse an diesem Museum dort in den verschiedensten Kreisen ist. Der Bund und das Land Berlin fördern und unterstützen uns finanziell. Auch von der deutschen Wirtschaft werden wir mitgetragen, und die breite Öffentlichkeit verfolgt unsere Vorbereitungen zu Eröffnung im nächsten Jahr bis in die kleinsten Einzelheiten.

Dort geht meine Arbeit nun weiter. Den jungen Deutschen, die von ihrer Schuld sprechen, sage ich, dass sie persönlich nicht für das schuldig sein können, was in früheren Generationen geschah. Doch sollten sie Lehren aus der Vergangenheit ziehen - aus dem Guten wie dem Bösen der deutsch-jüdischen Geschichte. Dafür haben sie eine nationale Verantwortung. Das darf nicht vergessen werden. Da gibt es keinen Schlussstrich. Und nationale Verantwortung - auch noch in hundert Jahren - ist etwas anderes als Schuld.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
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