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Berliner Morgenpost vom 30. November 1999

Ein Lächeln aus unbeschwerten Kindertagen

Von Jola Merten


Das Jüdische Museum soll in einem Jahr eröffnet werden. Die Macher stehen vor der Frage, was sie von der Geschichte der deutschen Juden erzählen wollen - und mit welchen Exponaten

Boer, Helena Maria, geboren am 21. Februar 1923 in Rotterdam, steht da in Maschinenschrift geschrieben. Daneben das Passfoto eines jungen schwarzhaarigen Mädchens mit großen dunklen Augen - auf der Rückseite ein schon verblasster Fingerabdruck. Der Ausweis gehört Susanne Herrmann. Vom holländischen Untergrund 1941 gefälscht, rettete er das Leben der jungen Berlinerin. Die heute 78-Jährige, die in Israel lebt, übergab diesen Ausweis und die wenigen Erinnerungsstücke, die ihr geblieben sind, dem Berliner Jüdischen Museum. Gisela Freydank, Archivarin des Museums, sammelt solche Dokumente jüdischer Familiengeschichten für die Dauerausstellung des Museums, die im Oktober 2000 eröffnet werden soll.

Da ist eine von Falten zerfurchte Heiratsurkunde der Eltern Susannes, die sich inzwischen Schoschana nennt, ausgestellt in Berlin-Tempelhof am 9. Februar 1920 für Karl Ludwig Herrmann und Amalie Margarete Pincus. Da ist eine eingerissene Urkunde der Approbation als Apotheker des Vaters vom 4. April 1910. Und viele vergilbte Fotografien aus den 20er Jahren - Erinnerung an glücklich unbeschwerte Kindertage in Berlin: Die dreijährige Susanne Herrmann spielend auf der Planschwiese in Tempelhof oder posierend mit Zuckertüte am ersten Schultag. 1933 war dies alles vorbei - da flohen die Eltern mit ihr erst nach Holland, wo der Vater starb - die ständige Angst, entdeckt und doch noch deportiert zu werden, verkraftete er nicht. "Wir hatten die wenigen Habseligkeiten auf dem Dachboden unserer Amsterdamer Wohnung versteckt. Nach dem Krieg fand ich sie dort wieder", berichtet Frau Herrmann. Mutter und Tochter wanderten nach Palästina aus.

Archivarin Gisela Freydank hatte schon zu den Zeiten, als das Jüdische Museum noch als jüdische Abteilung des Berlin-Museums ein eher klägliches Dasein fristete, versucht, oft auf eigene Faust, Dokumente jüdischer Familiengeschichten zu sammeln. Damals nur von Berlinern, inzwischen deutschlandweit. Ihre Chefs, Michael Blumenthal und Tom Freudenheim , seien aufgrund ihrer Biographien, sie emigrierten mit den Eltern in den 30ern, für ihre eigene Arbeit hochsensibilisiert, spürt die Archivarin. "Uns geht es ja nicht nur um die Berühmten, wie die Einsteins, Rathenaus oder Liebermanns. Gerade auch die persönlichen Dinge der Unbekannten berühren. Eine Sisyphusarbeit: Über Aufrufe in jüdischen Zeitungen und über das Emigrantenreferat des Berliner Senats und anderer deutscher Städte kommen die Kontakte zustande. "Die ehemals Verfolgten fassen nur ganz allmählich Vertrauen.

Anfangs schicken sie nur Kopien, sind erstaunt, dass uns zum Beispiel auch die Tanzstundenkarte interessiert", erzählt Gisela Freydank. Auf den ersten Blick erscheine es oft irrational, was die Menschen in die Immigration mitnahmen. Doch all diese Dokumente erzählen Geschichten. Etwa 300 Familien oder Einzelpersonen mit ihren Nachlässen betreut Gisela Freydank inzwischen. Von dem Frankfurter Herbert Simson erhielt sie den bisher umfangreichsten Nachlass, seine Familie war 1938 nach Chile ausgewandert und konnte noch die gesamte Habe mitnehmen.

Über die jüngste Gabe an das Museum ist die Archivarin besonders glücklich: wuchtige Alben mit Fotografien aus dem Heim Brüningslinden bei Kladow für jüdische Kinder und Jugendliche, die den Holocaust überlebt hatten. Wolfgang Heim, der als Britischer Soldat 1946 nach Deutschland zurückkam und die Kinder betreute, hatte sie gemacht.

"Seine Hinweise sind so wertvoll, weil die Situation in den Displaced-Persons-Lagern bisher kaum erforscht wurde", sagt Frau Freydank. Ihr Team forscht nun, wer ist wer.

Auch die Suche nach allgemeinen Exponaten läuft auf Hochtouren. "Normalerweise beginnt man mit den Exponaten. Wir machen es umgekehrt. Fragen uns, was und wie wollen wir von der Geschichte der deutschen Juden erzählen, mit welchen Exponaten können wir sie verdeutlichen. Den Teil von 1848 bis 1919 haben wir schon konzipiert. Jetzt stellen wir Exponatlisten auf. Es wird sondiert, was gibt es weltweit in anderen Museen, was bräuchten wir als kurzzeitige oder als Dauerleihgabe", erklärt der stellvertretende Museumsdirektor Tom L. Freudenheim. Vom Israeli-Museum aus Tel Aviv zum Beispiel kommen als Dauerleihgaben 10 Porträts. "Kurzfristige Leihgaben sind das größte Problem. Da muss überlegt werden, durch welche Exponate sie ersetzt werden sollen", erläutert Freudenheim. Schwierigkeiten, wertvolle Leihgaben temporär zu erhalten, sieht Freudenheim nicht, doch

derzeit sei man erst im Stadium des Überlegens. Zu den bereits vorhandenen Exponaten, die aus der früheren Jüdischen Abteilung des Berlin-Museums übernommen wurden, zählen unter anderem 350 Kultgeräte, darunter ein kostbarer Tora-Vorhang, der einst von Moses und Fanny Mendelssohn gestiftet wurde. Eine Kunstsammlung mit 50 Gemälden und 2000 grafischen Blättern, darunter Werke von Lesser Ury, Ludwig Meidner und Felix Nussbaum. Und die Palästina-Sammlung mit topografischen Drucken und Landkarten des Heiligen Landes sowie Ansichten von Jerusalem vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart, die zu den bedeutendsten in Europa zählt.

Obwohl das Jüdische Museum noch leer steht, zog die eigenwillige Architektur von Daniel Libeskind schon über 50 000 Besucher an. Wenn es im Oktober 2000 eröffnet wird, werden auch Schoschana Herrmann und Wolfgang Heim kommen. Sie wollen dabei sein, wenn ein Stück ihres jüdischen Schicksals der Öffentlichkeit präsentiert wird.

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Katharina Schmidt-Narischkin
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