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Frankfurter Rundschau vom 5. Mai 2000

Der große Handschlag. Das Archiv des New Yorker Leo-Baeck-Institutes kommt ins Jüdische Museum Berlin

Von Martina Meister


73ste Straße, Upper-East-Side in New York. Die schmale Villa mit der Hausnummer 129 liegt eingequetscht zwischen den anderen Stadthäusern der Jahrhundertwende. Bögen und Säulen, Fassadenstuck und Mansardenfenster erzählen die Geschichte vom amerikanischen Traum und vom Wunder des Wohlstands, aber sie reden auch davon, dass selbst die schönste »success story« die Sehnsucht nach Europa niemals ganz zu stillen vermag. Die Architektur musste herhalten, Tradition und Geschichte herbei zu zitieren. Für den Rest hatten die Menschen zu sorgen. Sonntags um halb zwei hielt Eliza Guggenheimer hier »Salon« und empfing ein ausgewähltes Publikum zum Essen. Caruso kam, Rachmaninoff und auch Prokofjew sollen ihre Gäste gewesen sein.

Mittlerweile knarren die Dielen, die Treppe ächzt unter der Last der zahlreichen Besucher, und es riecht nach viel Papier und nach noch mehr Staub. Die Geschichte aber, die man im Leo-Baeck-Institut atmen kann, reicht weit über das Baujahr des Hauses hinaus. Bis ins Mittelalter geht sie zurück und weist dann, Jahrhunderte später, eine Zäsur aus der Zeit auf, als die Nazis sie gewaltsam beenden und jedes Zeugnis von ihr auslöschen wollten: Dort im fernen New York, in dem so europäisch wirkenden Stadthaus in der 73sten Straße, hat die deutsch-jüdische Geschichte ihr Exil gefunden.

Zu einem Zeitpunkt war das, als die Rede von ihr noch keine Konjunktur hatte. Die verbliebenen Zeugnisse zu bewahren, war nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch mehr als eine trotzige Reaktion der wenigen, die den Wahnsinn überlebt hatten. Als die großen Köpfe der deutsch-jüdischen Kulturszene wie Gershom Scholem, Max Grunewald und Robert Weltsch ihre Idee für das Institut gemeinsam mit Martin Buber an dessen Kaffeetisch in Jerusalem entwickelten, lag das Ziel eines solchen Instituts auf der Hand: Nur sie, die Überlebenden, konnten das Gedächtnis an deutsches Judentum für nachkommende Generationen bewahren. Es war ihre »kulturelle Verpflichtung«. Rabbi Leo Baeck gab seinen Namen.

1955, Hannah Arendt war mittlerweile dazugestoßen, wurde das Institut mit Sitz in Jerusalem, London und New York gegründet. Die New Yorker Filiale war anfangs am Broadway untergebracht, in der ehemaligen Wohnung von Leonard Bernstein, wo sich Dokumente deutschen Judentums in den Schubladen stapelten, in denen Bernstein zuvor seine Hemden aufbewahrt hatte. Fünf Jahre später zog man in das Haus in der Upper-East-Side, das ein Emigrant dem Institut großzügig geschenkt hatte, weil es ihm gelungen war, sein Frankfurter Bankgeschäft an die Wall Street hinüber zu retten. Seither werden dort für das Archiv deutsch-jüdischer Geschichte Nachlässe jüdischer Emigranten gesammelt.

Der Fundus ist längst einzigartig auf der Welt: von mittelalterlichen Zeugnissen über ein Kompendium »der göttlichen und allgemeinen Rechte« der Juden aus dem Jahr 1741 bis hin zu handgeschriebenen Briefen Heinrich Heines, Felix Mendelssohn-Bartholdys und Sigmund Freuds reicht das Spektrum. Gezählt aber hat sie schon lange niemand mehr. Eine Million Dokumente etwa befinden sich im Archiv, schätzt Frank Mecklenburg vom Leo-Baeck-Institut. Man darf sich die Regalstrecke eines ganzen Kilometers vorstellen und vermag dabei dennoch nicht, die Bedeutung dieser historischen Schatzkammer zu ermessen.

Als Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums, unlängst verkündete, das New Yorker Archiv werde »in Originalen und in Kopien«, in jedem Fall aber »komplett« in den Libeskindbau nach Berlin kommen, hat die deutsche Presse die News zwar brav verbreitet, aber niemand schien die symbolische Bedeutung dieser »Rückkehr« zu ermessen. Mecklenburg, selbst ein Berliner Historiker, der seit Jahren im Leo-Baeck-Institut arbeitet, spricht von einem »großem Handschlag«. Noch vor dem Mauerfall hatte man in New York mit dem Gedanken gespielt, eine Zweigstelle in Berlin zu gründen. Nach mehr als 40 Jahren nach der Gründung habe es keinen Grund zur Zurückhaltung mehr gegeben. »Keinen Grund«, sagt Mecklenburg, »für die Enkelkinder der Opfer etwas gegen die Enkelkinder der Täter zu haben.« Ein Großteil der Forscher, die das Material des Archivs studieren, kommt ohnehin aus Deutschland. Doch erst mit der Fertigstellung des Jüdischen Museums in Berlin hat man einen idealen Partner für eine Kooperation gefunden.

Furchtbares und Fruchtbares

Ideal, weil man im Unterschied zu zahlreichen deutsch-jüdischen Institutionen, die den Holocaust ins Zentrum stellen, eine wesentliche Gemeinsamkeit hat: die deutsch-jüdische Geschichte eben nicht darauf zu beschränken, dass etwas, sondern vielmehr zu zeigen, was eigentlich verloren ging. Das Bonmot von Bundeskanzler Schröder, der bei der Einweihung des Jüdischen Museums dafür plädierte, neben dem Furchtbaren auch an das Fruchtbare zu erinnern, gilt von je her bei Leo-Baeck. »Wir dokumentieren und bewahren Zeugnisse dessen, was zerstört wurde«, sagt Diane Spielmann, die seit 24 Jahren das New Yorker Archiv betreut. Angesprochen auf das Vorhaben, Teile der Originale Berlin zu überlassen, erstarrt ihr freundliches Gesicht. Auf diese Entscheidung, sagt sie, habe sie keinen Einfluss, »it's beyond my control«.

Zum »großen Handschlag« sind längst nicht alle Mitarbeiter des Instituts bereit. Spielmann spricht von einem Vertrauensbruch gegenüber denjenigen, die den Horror überlebt, etwas aus Deutschland gerettet und dem Archiv überlassen haben. »Meine Eltern«, sagt sie fast harsch, »sind Überlebende.« Sie würden nicht wollen, das ihr Vermächtnis nach Deutschland zurückkehrt. Aber wer sich wie Spielmanns Eltern mit leeren Händen gerettet hat, kann ohnehin nichts geben - außer seiner Geschichte. Wenn die Tochter sie erzählt, die Geschichte ihres Vaters, eines Aschkenase aus Berlin, und die der Mutter aus dem orthodoxen Halberstadt, wirft sie plötzlich deutsche Worte in ihr Englisch ein. Veraltete Worte wie »Wiegeschale« oder solche, die ein ganzes Leben bestimmen können: »Überbleibsel«.

Diane Spielmann wuchs auf als »Überbleibsel«. Das, wovon die Eltern erzählten, gibt es nicht mehr. Was an Erinnerung blieb, wurde in ihrer Wohnung in der Bronx mit Walzer-Klängen hinaufbeschworen. Für die Initiatoren der Kooperation zwischen New York und Berlin geht es nicht darum, an der alten Geschichte bruchlos weiterzuschreiben, sondern ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ein einzigartiges Archiv wie das des New Yorker Leo-Baeck-Instituts in Deutschland zugänglich zu machen, hieße nicht nur, das antisemitische Zerstörungsprojekt Lügen zu strafen, sondern würde zugleich auch den Bedürfnissen einer jüdischen Gemeinde Rechnung tragen, die wie keine andere unter dem Druck von Selbstfindung steht.

Denn zum langen und längst nicht vollendeten Ringen jüdischgläubiger Deutscher um so etwas wie »Normalität« kam die explosionsartige Zuwanderung aus dem Osten hinzu. Schließlich verfügt die jüdische Gemeinde Deutschlands heute zwar über die größte Wachstumsrate in Europa, verdankt diesen Erfolg aber allein der Tatsache, dass 53000 ihrer 74000 Mitglieder in den letzten Jahren aus dem Osten zugewandert sind. Sich zu vergegenwärtigen, was in Deutschland zerstört wurde, und das Archiv deutsch-jüdischer Geschichte aus dem Exil zurückzuholen, kann bei der Neubestimmung deutsch-jüdischer Identität nur nützlich sein. Von größtem Nutzen aber wird eine zukünftige Zweigstelle des Leo-Baeck-Instituts im Berliner Jüdischen Museum den Wissenschaftlern sein.

Im lichtdurchfluteten Lesesaal des New Yorker Instituts sitzen zwei von ihnen. Johannes Schwarz, Doktorand des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum, arbeitet über die Anfänge der jüdischen Presse in Deutschland, Gudrun Maierhof über die Rolle der Frauen in der jüdischen Selbsthilfe von 1933. Das Material, das sie für ihre Forschungen im Archiv finden, ist für beide von unschätzbarem Wert. Jahrelang müsse man suchen, und plötzlich »schwimmt man in Material«, sagt Maierhof, die über dem Nachlass der letzten Vorsitzenden des jüdischen Frauenbundes sitzt. Doch weil der Forschungsaufenthalt in New York teuer und das Material nur in Ausnahmen kopiert werden kann, müssen Doktoranden den Ehrgeiz entwickeln, so viel als möglich abzutippen. In Berlin forschen zu können, das klingt für sie zu schön, um wahr zu sein. Noch vermag niemand zu sagen, wann es soweit ist oder was in Originalen nach Berlin kommt, welche Dokumente nur kopiert werden, vor allem: wie das Projekt finanziert werden wird. Sicher ist nur, dass sich die Arbeitsatmosphäre entscheidend verändern wird. Denn in New York ist die Aura der Gründergeneration noch zu spüren.

Arthur Rath etwa wird in Berlin nicht im Lesessal vorbeischauen, um zu sehen, woran gearbeitet wird. Er, der als Kind aus Auschwitz »weggelaufen« ist, wie er es formuliert, wird nicht genau nachfragen, wird keine Hinweise geben oder eigene Erfahrungen einbringen. Wie er, der seit seiner Rente ehrenamtlich Nachlässe ordnet, arbeiten etliche Überlebende als »volunteers« im Leo-Baeck-Institut. Die Witwe Oscar-Maria Grafs kümmert sich um die Fotosammlung, von der 30000 Fotos bereits registriert, 10000 digitalisiert sind. Über den Memoiren, der stolzen Sammlung von 1050 jüdischen Lebensschilderungen, die zwischen 1790 und 1945 geschrieben wurden, sitzt Mira Visson, die als Zehnjährige vor der Revolution 1917 aus Russland floh, nach Skandinavien ging, in Frankreich aufwuchs und von dort 1941 erneut fliehen musste. Sie erzählt von der Flucht, von den 93 Jahren der eigenen Lebensgeschichte und den Memoiren der anderen, sie erzählt, bis ihr Handy klingelt.

Es ist diese Konjunktion von Zeiten und Biografien, die für die Aura des Hauses sorgt. Gesorgt haben wird, denn im Juli wird das Leo-Baeck-Institut, das längst aus allen Nähten platzt, ins Center of Jewish History ziehen. Noch kommen Menschen angereist, kommen auch Familien, die suchen, was schließlich zu finden nur schmerzt. Am langen Lesetisch, auf dessen Holz schon so viele angstfeuchte Hände gelegen haben, sitzt an diesem New Yorker Frühlingstag ein Ehepaar aus Frankreich. Sie sind gekommen, um die Spur seines Vaters aufzunehmen, die mit einer Postkarte vom 10. Februar 1940 abriss.

Erst jetzt, 60 Jahre später, hat Henri Garbarsky, der als Elfjähriger aus Stettin geflohen ist, den Mut, sie wieder aufzunehmen. Sein Finger liegt auf der Zeile im Gedenkbuch: »Lublin, Bernhard Garbarsk, 17.2.40« ist dort zu lesen. »Sie haben das Ypsilon vergessen«, sagt der Sohn, der niemals nach Stettin zurückgekehrt ist. Einmal, erzählt seine Frau, war die Reise schon geplant. Doch kurz vorher hat sich die Erinnerung zu ihrem Recht verholfen. Der Mediziner erlitt einen Schlaganfall und verlor die Sprache. Sein Deutsch kam als erstes wieder zurück. In ein, zwei Jahren hätte Henri Garbarsky nicht bis nach New York fahren müssen, um die Spur seines Vaters aufzunehmen. Aber nach Berlin reisen? Ja. Sagt seine Frau Anne, wenn das Holocaustmahnmal steht. Vielleicht.

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Katharina Schmidt-Narischkin
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