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Leipziger Volkszeitung vom 5. Mai 2000

Eine Lücke klafft in Charlottes Theaterbuch

Von Reinhard Zweigler


Charlotte Becker, vor 99 Jahren in Leipzig geboren, überließ Fotos, Dokumente und ihr Theaterbüchlein dem Jüdischen Museum in Berlin, dessen Ausstellung 2001 öffnet.

Krachend fällt die riesige Eisentür ins Schloss. Das Auge hat Mühe, sich im Halbdunkel zurecht zu finden. Spärliches Licht tritt von oben ein. Der Blick in die Höhe lässt schaudern. Der kleine Mensch eingeschlossen in betonbewehrter kalter Einsamkeit. Der Holocaust-Turm im Ensemble von Daniel Libeskinds Jüdischem Museum in Berlin-Kreuzberg ist einer der eindrucksvollsten Orte in einem ungewöhnlichen Bauwerk. Der Architekt verlieh dem Museum, das 1998 fertig gestellt wurde, die Form eines zerbrochenen David-Sterns. Der Deutsch-Amerikaner Libeskind nennt sein Werk »Between the Lines« (Zwischen den Linien). Immer wieder stößt man auf Geraden, die abbrechen, sich fortsetzen.

»Wir wollen Geschichte erzählen, indem wir Geschichten erzählen«, erklärt Tom Freudenheim, stellvertretender Direktor des Hauses. Noch fehlt dem Haus eine Ausstellung. Die soll künftig Fragmente jüdischen Lebens zusammenführen, das in Berlin und ganz Deutschland einst eine große Rolle spielte.

Unter den Exponaten könnte das Theater-Büchlein von Charlotte Becker sein. Am 31. Januar 1901 in Leipzig als Charlotte Frank geboren, wohnhaft Prendelstraße 3. Die Eintragungen beginnen mit einem Besuch in der Leipziger Oper 1915. Es gab »Martha« von Flotow. Es folgt Lortzings »Undine« am 15. Juni 1915, akkurat mit Bleistift in Sütterlin-Schrift eingetragen.

Später heiratete sie den jüdischen Handschuhfabrikanten Arthur Becker in Chemnitz. Das Unternehmen hatte 1933 über 800 Mitarbeiter. Doch am 50-jährigen Firmenjubiläum am 1. Juli 1933 konnten die Beckers nicht mehr teilnehmen. Sie emigrierten nach Holland und später in die USA. Die Belegschaft schickte Jubiläums-Glückwünsche an ihren »sehr verehrten Chef«, der »hervorgerufen durch die derzeitigen Verhältnisse an diesem Ehrentage« nicht in Chemnitz weilen konnte. Die Firma wurde 1938 von einem Nazi übernommen. Nach der Wende strebten die Erben ein Restitutionsverfahren an.

In Charlottes rotem Buch klafft eine Zeitlücke: Am 10. Januar 1933 brechen nach einem Besuch im Chemnitzer Theater die Eintragungen ab. Den nächsten Eintrag gibt es erst 1946, Shakespeares »Sturm« in New York.

Charlotte Becker, inzwischen 99, lebt in Kalifornien und schickte dem Berliner Museum umfangreiche Familiendokumente, Fotos, persönliche Erinnerungsstücke und Unterlagen zur Firmengeschichte.

An Dingen des alltäglichen Lebens will das Museum die Geschichte von jüdischen Deutschen erzählen. Viele Emigranten, die vom Museum um die Überlassung solcher Erinnerungen gebeten wurden, gestanden, Tränen in den Augen gehabt zu haben, als sie die Stücke nach Berlin schickten. Eine längst vergangene, schreckliche Geschichte hatte sie wieder eingeholt. In den Archiven stapeln sich mittlerweile Briefe, Fotoalben, Tischkarten, Geschirr, Koffer, Hutschachteln, Nippes.

Auch für Vize-Museums-Chef Tom L. Freudenheim, in Berlin geboren und als Kind 1938 mit seinen Eltern in die USA emigriert, ist die Arbeit im Museum verbunden mit der Rückkehr zu den Wurzeln seiner Familie. Großvater Leopold Freudenheim war aus Ostpreußen in die damalige Reichshauptstadt gekommen. Er handelte mit Furnieren, mit denen seinerzeit der Reichstag ausgestattet wurde. Deutsche Eiche war knapp in jenen deutschtümelnden Jahren des ersten Baubooms in Berlin.

Kein jüdisches Leben mehr? Leopold Freudenheim liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. Wenn Enkel Tom, erfolgreicher Museums-Macher aus den USA, von dieser Stätte zurückkehrt, ist er traurig. Keine neuen Gräber, niemand geht da. Will heißen, kein jüdisches Leben in der Stadt, die einmal von Juden mit geprägt wurde. Etwas optimistischer fügt Freudenheim hinzu, dass die erste Hochzeit im wieder errichteten Hotel Adlon eine jüdische war.

Der Vater von Tom Freudenheim, erfolgreicher Kunsthändler, kaufte schon Ende der zwanziger Jahre Ausstellungsstücke und Kunstwerke für die Jüdische Abteilung des damaligen Völkerkunde-Museums in Berlin. An der Erstgründung eines Jüdischen Museums in der Stadt am 26. Januar 1933 hatte er entscheidenden Anteil. Nur vier Tage später zogen SA-Horden mit Fackeln durch das Brandenburger Tor und ließen den Holocaust folgen.

Ab kommendem Jahr soll die Ausstellung im Haus an der Kreuzberger Lindenstraße gezeigt werden. Doch selbst ohne Exponate zog das Gebäude seit der 1998er Eröffnung fast 200 000 Besucher an.

Ein unterirdischer Gang führt vom benachbarten barocken Kollegienhaus, das frühere preußische Kammergericht, in den Libeskind-Bau. Leere, unzugängliche Räume schneiden in gerader Linie durch den gewaltigen Kubus des zertrümmerten David-Sterns. Um von einem Raum in den anderen zu gelangen, müssen Besucher über die rund 60 Brücken gehen, die sich in den Leerraum öffnen.

Der Boden, mit schwarzem Schiefer bedeckt, ist uneben, ansteigend oder abstürzend. Und eine Treppe endet an einer Giebelwand des mit glänzendem Metall beschlagenen Hauses. Das Ende von Geschichte? Oder die Fortsetzung?

»Ich bin der Überzeugung, dass dieses Projekt die Architektur mit Fragen verbindet, die heute von Bedeutung für die ganze Menschheit sind«, erklärt Architekt Libeskind. Er habe versucht, »eine neue Architektur zu schaffen für eine Zeit, die ein gewandeltes Verständnis der Geschichte reflektiert, eine neue Auffassung des Museums und eine neue Umsetzung des Verhältnisses von Inhalt und architektonischem Raum. Daher ist dieses Museum nicht nur eine Antwort auf eine bestimmte Bauaufgabe, sondern ein Sinnbild der Hoffnung.«

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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