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Berliner Zeitung vom 11. September 2001

Der Teddybär von Peter. Die Spender von Exponaten besuchten am Montag die Ausstellung im Jüdischen Museum.

Von Susanne Lenz


Der braune Stoffbär sitzt in einer Vitrine im Untergeschoss. Sein Fell ist abgegriffen, die Pfoten sind an zwei Stellen mit schwarzem Garn gestopft. Das Spielzeug hat einmal dem kleinen Peter Rosenbaum aus Berlin gehört. An seinem zehnten Geburtstag ist er zusammen mit seiner Mutter in Auschwitz vergast worden. Sein Vater Kurt Rosenbaum hat das KZ überlebt. Seine spätere Frau Barbara hat er in einem Krankenhaus im bayerischen Chamm kennen gelernt. »Ich habe ihn gesund gepflegt«, sagt Barbara Rosenbaum, eine ältere Frau, die vor der Vitrine stehen geblieben ist. Wie hunderte Spender war sie am Montag der Einladung des Jüdischen Museums an die Stifter von Exponaten gefolgt, sich die Ausstellung anzusehen.

Den Teddybären seines Sohnes hat Kurt Rosenbaum in Berlin wieder gefunden. Er war 1956 in die Stadt zurückgekommen, um seine Arbeit im Bezirksamt Kreuzberg wieder aufzunehmen, die er 1933 als Jude hatte aufgeben müssen. Die Großeltern seiner Frau hatten das Spielzeug aufbewahrt. Sie waren keine Juden und hatten den Krieg überlebt. Später spielte die Tochter, die er mit seiner Frau Barbara bekam, mit dem Bären. »Sie hängt noch jetzt an ihm«, sagt Barbara Rosenbaum. »Es ist ja auch ein Andenken an ihren Bruder, den sie nie kennen gelernt hat.« Deshalb hat die 79 Jahre alte Barbara Rosenbaum den Teddybären dem Museum nicht geschenkt, sondern nur als Dauerleihgabe überlassen. In zwei Jahren bekommt die Familie ihn wieder zurück.

Die Spender laufen durch die langen Flure des Libeskind-Baus und suchen nach Fotos, Dokumenten, Koffern oder Leuchtern, die sie dem Museum überlassen haben. Man hört sie Englisch und Hebräisch sprechen. Fast alle können aber auch noch Deutsch, die Sprache, mit der viele von ihnen aufgewachsen sind. Manche erinnern sich bis auf die Hausnummer genau an die Adresse ihres Hauses in Berlin oder einer anderen Stadt in Deutschland, die sie während der Nazizeit mit ihren Eltern oder allein noch rechtzeitig verlassen konnten.

Heinz-Rolf Unger ist aus Neuseeland angereist. Er hat dem Museum Gebetskleider überlassen und Postkarten, die sein Vater als Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg seiner Familie schrieb. Aus einem Zeitungsartikel habe er von dem Jüdischen Museum und dessen Bedarf an Ausstellungsstücken erfahren. Unger kommt aus Berlin. »Schönhauser Allee« sagt er plötzlich. Im Jahr 1937, als Achtjähriger hat er die Stadt mit seinen Eltern verlassen. »Sie waren klug.« Seine Frau lächelt, als sie ihren Mann in der fremden Sprache reden hört.

»Sehen Sie sich diesen Jungen dort an«, sagt ein weißhaariger Mann. Er hat in einer Vitrine einen alten deutschen Pass entdeckt, gestempelt mit einem großen roten J für Jude. Der dunkelhaarige Junge aus dem Passbild ist er selbst, Seev Jacob. Als eine Museumsmitarbeiterin das bemerkt, reicht sie ihm die Hand. Seev Jacob erzählt. Einen Tag vor der Pogromnacht im Jahr 1938, mit 21 Jahren, hat er Deutschland Richtung Palästina verlassen. Seine Eltern begingen 1940 Selbstmord, das hat er aber erst nach dem Krieg erfahren. Heute lebt er in Israel in einem Kibbuz, den er mitgegründet hat. Den alten deutschen Pass, auf dem Seev Jacob noch den Namen Willi trägt, habe er all die Jahre aufgehoben. Seine Kinder interessierten sich nicht für diese alten Geschichten. »Aber hier in diesem Museum wird er vielleicht noch hundert Jahre aufbewahrt.«

Ein älteres Paar beugt sich zu einer Vitrine hinab, um besser lesen zu können, Emanuel und Bella Spira aus Israel. Beide stammen aus Berlin, aber sie suchen in der Ausstellung nichts Bestimmtes. Das Museum haben sie schon besucht, als es noch leer stand. Ihnen gefällt das Gebäude. Zu der Ausstellung hätten sie gerne beigetragen. »Aber was hätten wir spenden sollen«, sagt Emanuel Spira. Als er 1939 nach Jahren der Flucht in Palästina angekommen sei, seien seine Hände leer gewesen.

»Hier wird mein Pass vielleicht noch hundert Jahre aufbewahrt.« Seev Jacob aus Israel vor einer Stoffbahn mit Judensternen im Jüdischen Museum. Er verließ Deutschland 1938 und musste den Stern nie tragen.

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