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Bild am Sonntag vom 27. Januar 2002

In der Politik ist es wie beim Striptease

Von Helmut Böger


Hier ganz in der Nähe am Olivaer Platz in Berlin ist er aufgewachsen, hier hatte seine Mutter bis 1939 ein Damenoberbekleidungsgeschäft. Hier sitzt Michael Blumenthal zwei Generationen später ganz entspannt im noblen grauen Maßanzug, eine kleine US-Flagge am Revers, in seinem Lieblingsrestaurant »Ponte-Vecchio« an der Spielhagen-Straße und bestellt Flusskrebssalat, Nudeln mit Pfifferlingen und St. Petersfisch in Basilikumsoße.

»Pfifferlinge gibt es bei mir zu Hause in den USA nur ganz selten«, sagt der Direktor des Jüdischen Museums und ehemalige Finanzminister der Vereinigten Staaten, der als Manager ein Millionendollarvermögen gemacht hat. Den Hinweis, als Jude dürfe er Flusskrebse eigentlich nicht essen, weil Schalentiere nicht koscher sind, wischt Blumenthal beiseite: »Ach was, ich habe mich nie an die jüdischen Speisegesetze gehalten. Ich esse, was mir schmeckt.«

Geboren wurde Michael Blumenthal in Oranienburg, seine Großeltern hatten dort eine Privatbank, die 1930 während der Weltwirtschaftskrise pleite ging. »Bis dahin war mein Vater hauptberuflich Sohn wohlhabender Eltern. Nach dem Konkurs eröffnete meine Mutter das Geschäft am Olivaer Platz«, erinnert er sich. Blumenthal war sieben, als Hitler Reichskanzler wurde. »Meine erste Erinnerung war der Fackelzug der SA. Das war sehr beeindruckend, aber auch irgendwie Furcht einflößend. Das werde ich niemals vergessen.« Sein Vater war während des Ersten Weltkrieges Soldat im 2. Garderegiment zu Fuß, erhielt wegen Tapferkeit das Eiserne Kreuz. »Lange Zeit dachten meine Eltern«, erinnert sich Blumenthal, »so schlimm werde es nicht kommen, und der Spuk werde schnell vorbei sein.«

Wie schlimm es kam, erfuhr der kleine Michael schon bald. Hitlerjungen hänselten ihn. »Es tat schon weh«, so sagt er heute, »wenn so ein Kerl ungeniert sang , Wenn das Judenblut vom Messer spritzt...;« - Blumenthal singt das Lied gar nicht mal leise vor - »und man nicht zuschlagen durfte. Ich hätte mich gern mit den Hitlerjungen geprügelt. Doch meine Eltern waren sehr ängstlich.«

Nach der »Reichskristallnacht«, wie Michael Blumenthal die Pogrome vom 9. November 1938 nennt, wurde sein Vater festgenommen und kam für zwei Monate ins KZ Buchenwald. Nur unter der Bedingung, Deutschland zu verlassen, kam er raus. Noch heute schmerzt Blumenthal der Abschied von Berlin: »Ich sehe noch die vielen Leute, die in unsere Wohnung kamen, um für möglichst wenig Geld unsere Sachen zu kaufen. Scheußlich. Ich nehme es niemandem ab, der die Zeit erlebt hat und behauptet, er habe von der Judenverfolgung nichts gespürt.«

Damals war es für Juden nicht schwer, Hitler-Deutschland zu verlassen, aber es war schwierig, von einem anderem Staat aufgenommen zu werden. Nur nach Schanghai konnten Deutsche mit einem J für Juden im Pass ohne Probleme einreisen. 18 000 Emigranten aus Deutschland fanden dort eine oft jämmerliche neue Heimat. »In Schanghai habe ich Chinesisch gelernt, so für den Hausgebrauch«, lächelt Blumenthal unter seinem dekorativen Schnauzbart hindurch. »Ich konnte einkaufen, schimpfen und auf Chinesisch mit den Mädchen flirten. Heimweh nach Deutschland habe ich nie gehabt.«

Mehr als acht Jahre dauerte das Exil in Schanghai. Der Kontakt nach Europa war dünn. Trotz aller selbst erlebter Verfolgung, kaum jemand war bereit zu glauben, dass im deutschen Machtbereich ein Völkermord stattfand. Blumenthal: »Erst Mitte 1944 haben wir uns dem Radio von einem russischen Sender erstmals vom Holocaust in Europa erfahren. Wir haben das für sowjetische Propaganda gehalten, konnten oder wollten es einfach nicht glauben, dass die Deutschen Menschen wegen ihrer Rasse vergast haben.« Blumenthal hat Onkel und Tante sowie eine Cousine im Völkermord der Nazis verloren. »Ich spreche nicht die Deutschen kollektiv schuldig am Holocaust. Aber sie haben sich schuldig gemacht, weil sie wegegesehen und stillgehalten haben. Hätten sie Widerstand geleistet, dann hätten die Nazis nicht so weit gehen können.«

1947 bekam Blumenthal sein Visum für die USA. Dort musste er hart arbeiten, um sein Wirtschaftsstudium zu finanzieren. Er war unter anderem Fahrstuhlführer, Ticket-Abreißer, Krankenpfleger, Kellner und Beleuchter in einer Striptease-Show. »Da habe ich was fürs Leben gelernt, was mir später in der Politik sehr geholfen hat«, bekennt er. »In der Politik ist es wie beim Striptease: Es kommt auf die richtige Beleuchtung an, man muss die Wirklichkeit manipulieren.«

In Princeton, einer der drei Elite-Universitäten der USA, promovierte Blumenthal mit einem Thema über betriebliche Mitbestimmung. Was dann folgt war eine Tellerwäscher-Millionär-Story wie im Film: Michael Blumenthal wurde Manager verschiedener bedeutender US-Firmen und machte ein Vermögen, »obwohl ich eigentlich immer nur die Welt ein bisschen verbessern wollte.«

1961 holte ihn US-Präsident John F. Kennedy in den Staatsdienst, zwei Jahre später wurde Blumenthal Sonderbeauftragter des Weißen Hauses für Handelsfragen. 1967 verließ er die Administration und wurde Chef des Autozuliefergiganten Bendix.

Schlagzeilen machte Blumenthal, der sich öffentlich gegen die Zahlung von Bestechungsgeldern wandte: »Lieber einen Auftrag verlieren«, so der bekennende Weltverbesserer, »als die Korruption unterstützen.«

So einer war nach dem Herzen von US-Präsident Jimmy Carter. Er berief Blumenthal zum Finanzminister. »Klar, dass ich den Job gemacht habe«, erläutert Blumenthal, »weil ich dem Land dienen konnte, obwohl ich nur ein Zehntel meines Gehalts in der Wirtschaft bekommen habe.» Drei Jahre lang war Blumenthal Minister, dann ging er - was in den USA durchaus üblich ist - wieder in die Wirtschaft, diesmal zum Computerkonzern Burroughs. Dort schied er 1990 aus.

Vor vier Jahren wurde Michael W. Blumenthal Direktor des damals noch im Aufbau begriffenen Jüdischen Museums in Berlin, ehrenamtlich. »Ich bin nicht mal ein One-Dollar-Man. Das macht mich unabhängig.«

Er hat sich die Zeit so, dass er etwa eine Woche im Monat in Berlin als Museumsdirektor arbeitet, drei Wochen verbringt er in den USA bei Frau Barbara und Sohn Michael (16), der später einmal Computerspiele entwickeln will.

Das Museum, das im September 2001 eröffnet worden ist, soll nach Blumenthals Worten zeigen, »dass die jüdische Geschichte ein Teil der deutschen Geschichte ist, dass die Juden nicht nur Opfer waren, sondern über viele Jahrhunderte akzeptierte Bürger mit vielen Höhen und Tiefen. Es erzählt eben nicht nur die Geschichte der Juden, sondern auch die der Deutschen. Dieser Geschichte sollten sich deutsche Juden und nicht-jüdische Deutsche stellen und sie nicht verdrängen.«

Gibt es eigentlich in den USA Antisemitismus? Blumenthal denkt nach, schüttelt langsam den Kopf, er tut sich schwer mit der Antwort: »In New York ist es heute fast besser, Jude zu sein. Aber die USA sind groß. In ländlichen Gebieten gibt es sicher auch noch Antisemitismus.«

Und in Deutschland heute? »In Deutschland gibt es nur deshalb keinen Antisemitismus«, urteilt Blumenthal, »weil wir so wenige

sind, etwa 100 000. Hier erschüttert mich mehr die Intoleranz gegenüber Ausländern aus Afrika oder Vietnam. Aber«, fügt er

selbstkritisch hinzu »seit dem 11. September guck ich mir auch arabisch aussehende Männer an, wenn die vor mir in ein Flugzeug

einchecken.«

Es gibt mehr als drei Millionen Muslime in Deutschland. Was hält der Direktor des Jüdischen Museums vom Bau eines moslemischen

Museums? Blumenthal: »Das ist eine großartige Idee. Ein solches Museum könnte viele Vorurteile abbauen. Alles, was dazu dient, dass Menschen einander besser verstehen, findet meine volle Unterstützung.«

Beim Grappa kommen wir auf die deutsche Wirtschaft zu sprechen. Da müssen den Ministern Eichel und Müller die Ohren geklungen haben. »Ich will ja nicht ungebeten Ratschläge erteilen«, sagt der ehemalige US-Minister und tut es dann doch, »aber die Probleme der deutschen Wirtschaft sind ihre Starrheit und mangelnde Flexibilität. Ein Wust von Gesetzen und Verordnungen behindert jeden Jungunternehmer, Jobs zu schaffen. Die hohe Arbeitslosigkeit ist so zu erklären. Dazu kommt das erstarrte deutsche Hochschulsystem, das junge Forscher geradezu ins Ausland treibt. Egal mit wem man spricht, ob von der CDU oder SPD, alle sehen das genauso, doch niemand unternimmt ernsthaft etwas dagegen. Das bedrückt mich.«

Letzte Frage: Haben Sie einen Traum, Mr. Blumenthal? Der 76-Jährige antwortet schnell: »Mein Traum ist, dass ich noch einmal so viele Jahre vor mir habe, wie ich hinter mir habe.«

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
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