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Der Tagesspiegel vom 23. März 2002

Im Labyrinth von Libeskind. Stadtleben.

Seit einem halben Jahr ist das Jüdische Museum geöffnet. Vor allem junge Menschen kommen, um das Innenleben des Baus zu erkunden. Die positiven Reaktionen des Publikums haben die Erwartungen der Ausstellungsmacher noch übertroffen

Von Stephan Wiehler


Bei der grauhaarigen Dame piept es, als sie durch die Sicherheitsschleuse tritt. Sie ist zwei Köpfe kleiner als der massige Security-Mann, der den Weg versperrt, aber sie leistet entschlossen Widerstand. »Ich ziehe mich doch hier nicht aus«, empört sie sich über seine Aufforderung, den Mantel zur Durchleuchtung abzugeben. Einige Schritte weiter an der Garderobe wird sie ihn klaglos ablegen. Aber hier geht es nicht um den Mantel. Hier geht es ums Prinzip.

Nicht jeder Besucher des Jüdischen Museums zeigt Verständnis für die Sicherheitskontrolle am Eingang. Dabei eröffnet sie die einmalige Erfahrung, den allerorten überwachten Gegenwartsalltag von Juden in Deutschland einmal am eigenen Leib nachzuempfinden. Bisher allerdings ist die Installation aus Röntgengerät, Metalldetektor und uniformierten Abtastern kein Bestandteil des Ausstellungskonzepts. Rätselhafterweise, denn schließlich soll die Begegnung der Besucher mit »zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte« möglichst interaktiv sein.

Seit einem halben Jahr erwartet den Besucher des Museums in der Lindenstraße in Kreuzberg ein sinnliches Erlebnis, das für manchen schon mit einer Verwirrung der Sinne beginnt, sobald er in das Untergeschoss des 66,5 Millionen Euro teuren Zickzackbaus von Daniel Libeskind hinabsteigt. Das architektonische Labyrinth, das die drei Achsen »Kontinuität«, »Exil« und »Holocaust« bilden, erschwert die Orientierung.

»Viele stehen hier und wissen nicht wohin«, sagt Christiane von Sichart, die am ersten Kreuzgang bereitsteht, um es ihnen zu sagen. Die 27-jährige mit dem auffälligen rot-gelben Halstuch arbeitet als so genannter Host im Besucherservice, drei Mal in der Woche, sechs Stunden lang. Sie ist seit der Eröffnung dabei. Den Neubau habe sie schon im Leerzustand bewundert, erzählt die Englisch- und Geschichtsstudentin, die sich im Sommer vergangenen Jahres um die Stelle beworben hat. Nach anstrengendem Casting und mehrtägiger Schulung mit Kommunikationstraining gehörte sie zu den ersten von knapp 200 Hosts, die das Museum beschäftigt.

Mit ihren Kollegen, die sich während einer Schicht auf 24 Positionen im Museum verteilen, ist sie über Kopfhörer und Mikrofon verbunden. »Anfangs standen wir sechs Stunden am selben Ort, aber sechs Stunden am Holocaust-Turm ist wirklich zu anstrengend«, erzählt Christiane. »Inzwischen wechseln wir im Stundentakt reihum.«

Der Turm, das ist einer jener »Voids«, einer der Leerräume, die den Besuchern zur meditativen Einkehr in der gedrängten Schau einladen. Er befindet sich am Ende der Holocaust-Achse, an deren Wänden die Namen der bekanntesten Vernichtungslager geschrieben stehen und der Leidensweg einzelner Opfer anhand von Dokumenten und Objekten nachgezeichnet ist. Hinter einer schwarzen Metalltür betreten die Besucher einen düsteren Betonschacht, dessen nackte Wände spitz zusammenlaufen. Die trostlose Bedrängnis geht manchen Gästen tiefer unter die Haut als ihnen gut tut. »Hier haben wir die meisten Kreislauf-Beschwerden«, erzählt Christiane von Sichart. Nach einem halben Jahr Laufzeit und inzwischen rund 400 000 Besuchern haben die Ausstellungsmacher vorgesorgt. Für schwächelnde Besucher stehen zwei Stühle bereit, und in einem Wandschränkchen gleich darüber finden die Hosts Mineralwasser und Traubenzucker für die medizinische Erstversorgung.

Körperliches Unbehagen auszulösen, das gehört zum Konzept des Architekten Daniel Libeskind. Auf seinem Kurs durch die mehr als 3000 Quadratmeter große Ausstellung bewegt sich der Besucher wie auf schwankendem Boden. Die Achsengänge im Untergeschoss sind geneigt. Zur Hauptausstellung in die oberen Stockwerke führt ein 90-stufiger Treppenaufstieg - natürlich gibt es auch die weniger authentische Fahrstuhl-Variante. Und die Gänge durch die gesamte Schau sind leicht abschüssig.

Für die Wahrnehmung dieser architektonischen Feinheiten bleibt jedoch Besuchern wie den Schülern einer 10. Realschulklasse aus Wolfenbüttel, die an diesem Morgen mit ihrem Religionslehrer zur Exkursion gekommen sind, kaum Zeit. Auf ihrem Programm stehen mehrere Themenführungen, die das Haus angemeldeten Gruppen anbietet. Die Schüler im Alter von 15 und 16 Jahren sollen heute etwas über jüdisches Leben und Traditionen erfahren. Ihre Führerin ist Sandra Anusiewicz, eine von 50 so genannten Guides, die Besuchergruppen durchs Haus geleiten. Für ihre Einführung in jüdische Lebensweise bleibt der 27-jährigen Studentin der Judaistik und Islamwissenschaft genau eine Stunde. Dann will die nächste Gruppe etwas über Juden im Kaiserreich erfahren.

Mit 14 Schülern im Schlepptau eilt Sandra Anusiewicz durch die Achse der Kontinuität und die Treppe hinauf in die Ausstellung. Ein Blick auf die Original-Thora aus dem 14. Jahrhundert, ein kurzer Exkurs über die konsonantische Schriftsprache Hebräisch, und weiter geht es zur Glasvitrine mit dem Geschirr für koscheres Speisen, gekennzeichnet für »Milchiges« und »Fleischiges«.

Die Schüler erfahren, was koscher bedeutet, wie man richtig schächtet und was am Sabbat verboten ist, »pflügen, ernten und Feuer machen«. Sex allerdings sei erlaubt, erzählt Führerin Sandra, die weiß, wofür sich Schüler in diesem Alter interessieren: Es wird gekichert. Und vor der antiken Beschneidungsbank mit aufgesticktem Preußenadler erinnert sich der muslimische Mitschüler Milot an eine seiner unangenehmsten Kindheitserfahrungen: »Bei uns wird das viel später gemacht als bei den jüdischen Kindern. « Als er erzählt, dass er erst mit 13 Jahren beschnitten wurde, kichert keiner mehr.

Sandra Anusiewicz muss sich beeilen. Die nächste Gruppe wartet schon am Eingang. Mit schnellen Schritten geht es in die Abteilung Kaiserreich, doch diesmal ist es mit der Aufmerksamkeit der Zuhörer nicht weit her. Schon Sandras erste Frage überfordert die 16-Jährigen. Die Schüler sollen schätzen, wie hoch der Anteil der Juden an der deutschen Bevölkerung war, die Antworten schwanken zwischen 30 und 50 Prozent. Beim Begriff Assimilation müssen die Schüler ebenso passen wie beim Begriff Zionismus. Nach einer weiteren Stunde ist Sandra Anusiewicz geschafft. »Es ist erstaunlich, wie wenig Jugendliche heute über das Thema wissen«, findet die 27-Jährige, die selbst Jüdin ist und in Dresden aufgewachsen ist. Und sie erzählt von jenem Schüler, der während einer ihrer Führungen beim Wort Holocaust nachgefragt habe: »Holo-was?«

Die Fülle der Museumsschau übersteigt indes nicht nur das Aufnahmevermögen der jungen Gäste. Zweieinhalb Stunden bleibt der Durchschnittsbesucher in der Ausstellung. Doch wer die ganze Sammlung mit antiken Kostbarkeiten, Filmausschnitten und Plakaten, begehbaren Installationen und interaktiven Spielereien nur annähernd vollständig erfassen will, braucht gut und gerne die doppelte Zeit. Bei einer Befragung gaben rund 22 Prozent der Besucher an, sich »überfordert« gefühlt zu haben, 45 Prozent empfanden die Ausstellung als »überladen«. Inzwischen wurde die Schau deshalb gelichtet, Leihgaben an ihre Besitzer zurückgeschickt, das Konzept überarbeitet.

Das Jüdische Museum legt großen Wert auf die Meinung der Besucher. Mehrmals in der Woche stehen Mitarbeiterinnen der
»Besucherforschung und Evaluation« im Foyer und befragen die Gäste beim Verlassen des Museums mit vorbereiteten Fragebögen nach ihren Eindrücken. Nach über 400 Interviews kennt die Kulturpädagogin Christiane Birkart zwar noch nicht den Durchschnittsbesucher des Jüdischen Museums, doch gewisse Trends lassen sich bereits ablesen.

In den ersten sechs Monaten seit seiner Eröffnung hat das Jüdische Museum über 410 000 Besucher angezogen und könnte damit in der Jahresbilanz dem Pergamonmuseum den Rang als publikumsstärkstes Museum der Stadt durchaus ablaufen. Das Konzept des »erzählenden Museums«, das Projektmanager Ken Gorbey mit dutzenden Wissenschaftlern und Technikern entwickelte, geht auf und übertrifft alle Erwartungen. 99 Prozent der Besucher beurteilten ihren Gesamteindruck mit »sehr gut« und »gut«. »Wir sind sehr überrascht von der positiven Resonanz«, sagt Besucherforscherin Birkart, »denn wir hatten mit etwa 85 Prozent gerechnet. » Und es ist ein junges Publikum, das der Libeskind-Bau anzieht. Ausgerechnet die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen, die in anderen Museen als schwächste Altersgruppe gilt, ist hier am stärksten vertreten.

Für die Publikumsforscherin ist die positive Bilanz des ersten Halbjahres dennoch kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. »Viele denken immer noch, es sei ein Holocaust-Museum. Dass es hier um Leben geht, müssen wir noch viel stärker nach außen tragen«, sagt Christiane Birkart. Mit einem jährlichen Etat von 12 Millionen Euro Bundesmitteln und weiteren Millionen aus dem Stiftungsfonds der privaten Sponsoren sollte das jedoch auch noch gelingen.

Fotos: Thilo Rückeis
Datenbank TSP
Dokumentennummer: 2002032320625

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