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Berliner Morgenpost vom 10. April 2002

Klicken Sie auf Einstein. Fundgrube für Forscher: Die Berliner Zweigstelle des Leo-Baeck-Archivs

Von Uwe Sauerwein


Klicken Sie auf Einstein. Fundgrube für Forscher: Die Berliner Zweigstelle des Leo-Baeck-Archivs

Von Uwe Sauerwein

Korrespondenzen, Manuskripte, persönliche Papiere wie Pässe, Schulzeugnisse oder Geburtsurkunden: Dokumente, die vom Alltag jüdischer Menschen erzählten, die sich meist als Deutsche fühlten. Mit seiner Bibliothek und vor allem mit seinen Archiven bietet das New Yorker Leo-Baeck-Institut (LBI) die umfassendeste Dokumentation über jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum.

Auf der Basis von Nachlässen von Emigranten 1955 gegründet, hat das Institut neben den beiden Dependancen in Jerusalem und London seit einem Jahr auch eine Zweigstelle im Jüdischen Museum in Berlin: in jener Stadt, in der vor dem Holocaust ein Drittel aller deutschen Juden lebte.

Erstmals seit Eröffnung dieser Zweigstelle veranstaltet das Leo-Baeck-Institut heute ein Symposion. Die Liste der Vortragenden enthält klangvolle Namen: Museumsdirektor Michael W. Blumenthal, Ismar Schorsch, der Präsident des New Yorker LBI, »Zeit«-Herausgeber Josef Joffe, Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft sowie Fritz Stern, der Träger Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, , und der Historiker David Clay Large.

Unter dem Motto »Epoche der Zweideutigkeit« geht es um die jüdische Beteiligung an der Kultur der Weimarer Republik. Wobei natürlich auch die »deutsch-jüdischen Symbiose« eine Rolle spielt. Der viel diskutierte Begriff geht auf den Berliner Rabbiner Leo Baeck zurück. Von den Nazis als oberster Repräsentant der deutschen Juden eingesetzt, überlebte Baeck Theresienstadt und war in den fünfziger Jahren der erste Präsident des nach ihm benannten New Yorker Instituts. Dass die Archivbestände - wenn auch nur als Mikrofilme - je wieder nach Deutschland gelangen würden, konnte sich damals niemand vorstellen.

Heute ist das Interesse gerade hierzulande am größten. »Es geht nicht nur um die Geschichte der Juden, es geht um deutsche Geschichte«, betont Frank Mecklenburg. Der Chef-Archivar, seit 20 Jahren in New York tätig, ist für das Symposion in seine Geburtsstadt zurück gekommen. In der Berliner Zweigstelle wacht der Kanadier Aubrey Pomerance über den Lesesaal, in dem mehr als 1300 Mikrofilme zugänglich sind. »In diesem Jahr werden wohl noch 400 Filme hinzukommen, zumal das LBI New York ständig weiter Nachlässe erwirbt.«

Stolz verweist der Berliner Archivleiter auf die Sammlung deutsch-jüdischer Zeitschriften aus den Jahren 1765 bis 1938. Oder auf das elektronische Fotoalbum, in dem mehr als 30 000 Aufnahmen digitalisiert sind, woraus sich viele Fotoalben von Prominenten ergeben. »Klicken Sie auf Einstein, und sie erhalten sofort 450 Fotos«, sagt Pomerance. 1300 verschiedenen Lebensläufe findet man zudem den größten Bestand an deutsch-jüdischen Memoiren.

Fast die gesamten Bestände des Leo-Baeck-Archivs sollen in den kommenden Jahren als Reproduktion oder im Original zugänglich sein. Eine Fundgrube für die Forschung. »So manche Idee für eine Dissertation oder eine Seminararbeit entsteht bei uns im Lesesaal«, meint Aubrey Pomerance.

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg. Archivlesesaal: Mo. - Do., 10 - 16 Uhr. Anmeldung unter archivlbi[at]jmberlin.de

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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