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Berliner Zeitung vom 6. Juni 2002

Ein Bild der Leere. Das Jüdische Museum Berlin zeigt Robert Longos »Freud-Zyklus« Wand an Wand mit Kinderzeichnungen.

Von Ingeborg Ruthe


Ella ist 12 Jahre alt, Marvin neun. Sie beide und ihre Freunde sorgen im Jüdischen Museum für etwas, das man nicht erwartet an diesem mahnmalsartigen Ort, wo man schon beim Betreten instinktiv die Stimme senkt. Das Überraschende, Ungewöhnliche besteht aus lustig fliegenden Häusern, auf Dächern wachsenden Bäumen oder einem »Fliegenden Löwen«. Ella und Marvin haben ihn gemalt. Seine Flügel sind weiß, wie die Wolken am Sommerhimmel oder die von Pegasus, dem fliegenden Dichterpferd. Der seltsame Löwe hängt in der vor wenigen Tagen eröffneten Sonderausstellung, zusammen mit 21 Gemälden von Kinderhand. Die farbenfrohen Arbeiten entstanden in einem Workshop des Jüdischen Museums und des Kreuzberger Jugendzentrums »Schlesische 27«: Kinder malten ihre »Traumwelten«. »In unseren Träumen und beim Malen sind wir frei, die Grenzen des Alltäglichen zu überschreiten und neue Welten entstehen zu lassen... « lautete die Maxime der Malaktion. Nun hängen die kunterbunten Kinderträume Wand an Wand mit dem »Freud-Zyklus« des Amerikaners Robert Longo - ein fröhlicher und zunächst erleichternder Kontrast zu dessen großen, traumatisch schwarzen Zeichnungen.

Das Jüdische Museum eröffnete seine neue Reihe »Zeitgenössische Kunst«, die sich mit der jüdischen Geschichte, Kultur und Identität befasst, nicht von ungefähr mit Longos viel beachteter Arbeit aus den Jahren 1999 bis 2001. Für diesen Zyklus befragte der 1953 in Brooklyn, New York, geborene Künstler immer wieder die Mitte der neunziger Jahre entdeckten Fotografien des Wieners Edmund Engelmann. Sie zeigen das Interieur der Freud-Wohnung in der von der Gestapo umstellten Wiener Berggasse 19 »an einem regnerischen Vormittag im Mai 1938«, wie der Fotograf notierte. Engelmann konnte weder Lampen noch Blitzlicht einsetzen, wollte er sich nicht verdächtig machen und den Besitzer der Wohnung nicht gefährden. Deshalb sind die Bilder so schwarz, darum heben sich die Umrisse der Wohnungsgegenstände gar so gespenstisch heraus. Nur wenig später, am 4. Juni, ging der Begründer der Psychoanalyse mit seiner Tochter Anna ins Londoner Exil. Zuvor hatte er die »Reichsfluchtsteuer« und die »Judenvermögensabgabe« geleistet. Vier Monate danach schrieb er an Margaret Stonborough-Wittgenstein: »Alle unsere Sachen sind unversehrt angekommen, die Stücke meiner Sammlung haben mehr Platz und machen viel mehr Eindruck als in Wien. Freilich ist die Sammlung jetzt todt; es kommt nichts mehr dazu, und ebenso todt ist der Eigentümer... «

Robert Longo hat Engelmanns Fotografien Detail für Detail in eigene Bilder übersetzt: Man sieht die Hakenkreuzfahne in einem Schaufenster neben dem Hauseingang, das Guckloch an der Wohnungstür, das metallene Schild »Prof. Dr. Freud 3-4«, das einen Hinweis auf die knapp bemessenen Sprechzeiten gibt, eine mit Metallstäben verbarrikadierte Eingangstür, die Ornamentdecke auf der Couch und asiatische Porzellanfiguren der Freud-Sammlung. Was indes auf den düsteren Fotos noch ganz intim ist, entfaltet auf Longos schwarzen Blättern surreale Wirkung.

Die historischen Aufnahmen bilden nur den Ausgangspunkt, Longos Interpretation verändert das Dokumentarische, das hinter der beklemmenden, gut hundertfachen Vergrößerung auf dem tafelbildgroßen Papier verschwindet. Nur leicht fixierte er das Granulat der Zeichenkohle, um damit einen samtigen Effekt und zugleich jene erschreckend stereoskopische Bildtiefe zu erreichen, die sich dem Betrachter jedoch durch die Glasrahmung wieder entzieht. Auf diese Weise will Longo an die Gefühle und Assoziationen seiner Betrachter appellieren, erzwingt er das Nachdenken über Verdrängtes. Dieses Vorgehen verrät den Konzeptkünstler. Und doch ist Robert Longo gerade damit ein Historienmaler unserer Zeit. Freuds seltsam geformter Sessel vor dem Schreibtisch bietet einen albtraumhaften Anblick; er wird gleichsam zum Körper, dessen Arme den eigenen Rumpf in die Zange nehmen. Mit der geometrischen Eleganz der Wiener Werkstätten hat dieses Möbelstück nichts gemein, Freuds Tochter Anna hatte es entworfen, und ein befreundeter Architekt ließ das monströse Sitzmöbel bei einem Tischler bauen. Aber dieser nicht vorhandene Sessel-Körper, der sich mit herrischer Geste Platz schafft, bietet zugleich ein bestürzendes Bild: Es ist ein Monument der Leere. Schon Daniel Libeskind hat diese gewaltige Leere mit der Architektur des Jüdischen Museums Berlin zum Ausdruck gebracht. Auch Spurensucher wie Christian Boltanski oder Jochen Gerz beschwören sie in ihren Installationen. Vor Longos Freud-Zyklus wird einem bewusst, dass seine Arbeit die Zusammenfassung einer ausgelöschten Zeit sein will, ein Gleichnis für den Holocaust: Vier Schwestern Freuds starben in Konzentrationslagern, ein Schicksal, das über die Hälfte der Bewohner des Hauses in der Wiener Berggasse 19 teilten.

Die neue Reihe // Das Jüdische Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, zeigt eine zeitgenössische Ausstellungsreihe. Robert Longos »Freud-Zyklus« und die Kinderzeichnungen »Traumwelten« bilden den Auftakt. Außerdem sind Werke der Schenkung Fishman zu sehen, darunter ein Selbstporträt von Felix Nussbaum, 1935 sowie Grafiken Ludwig Meidners und Lea Grundigs.

Öffnungszeiten tgl. 10-20 Uhr, Mo bis 22 Uhr, Eintritt frei.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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