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Berliner Morgenpost vom 6. November 2002

Die vielen Spuren des Michael Blumenthal

Von Franziska von Mutius


Direktor des Jüdischen Museums verleiht erstmals Preis für Toleranz

Michael Blumenthal könnte viele Geschichten erzählen. Von seiner Zeit als Wirtschaftsprofessor an der Elite-Uni in Princeton, wo er lernte und lehrte, dass Privilegien nicht zum Geldvermehren gedacht sind, sondern für den Einsatz im Land. Oder von seinen Berufungen in das Außenministerium unter US-Präsident John F. Kennedy und später als Finanzminister ins Kabinett von Jimmy Carter. Blumenthal könnte berichten, wie er als Industriemanager (»Bendix Corp.«) den Umsatz verdoppelte, gleichzeitig als Förderer ethischer Ziele und ethnischer Minderheiten gefeiert wurde, was ihm den Titel »Gewissen des amerikanischen Unternehmertums« einbrachte.

Doch der Mann, der seit 1997 Direktor des Jüdischen Museums in Berlin ist, wird beim Gespräch in seinem Büro an der Lindenstraße eine andere Geschichte erzählen. Die eines siebenjährigen jüdischen Jungen, dessen Seele weinte, als die schreienden Ungerechtigkeiten in seiner Heimat Deutschland begannen, als die Nazis ans Ruder kamen. 1926 in Oranienburg geboren, zog Michael Blumenthal als Dreijähriger mit seiner Familie nach Berlin. In der Reichspogromnacht 1938 wurde sein Vater Ewald nach Buchenwald verschleppt, sechs Wochen interniert und misshandelt. Nach seiner Freilassung flüchtete die Familie 1939 nach Shanghai und überlebte dort den Krieg. 1947 wanderte Michael Blumenthal in die USA ein und wurde 1952 Amerikaner.

Wenn er, wie neulich in Berlin, einen Menschen »Juden raus« rufen hört, übermannt ihn Traurigkeit, verstärkt sich seine Motivation, noch intensiver für das friedliche Zusammenleben verschiedener kultureller und religiöser Gruppen zu kämpfen, als er es ohnehin schon tut. »,Juden raus´ bedeutet, es gibt Deutsche und Juden. Aber alle sind deutsch. Manche davon sind Juden, andere Christen oder Moslems. Manche beten zu den Sternen. Keiner würde jemals sagen: Sternzeichenanbeter raus.«
Die Erlebnisse in der Nazizeit, »in der ich gesellschaftlich ein Nichts war«, führten dazu, dass Michael Blumenthal »beweisen wollte, dass ich etwas Wertvolles leisten kann«. Hinzu kam die Erfahrung in Princeton. »Das Motto dort lautete: Princeton im Dienste der Nation. Also, wer das Privileg hat, an einer Elite-Uni zu studieren, sollte etwas für sein Land tun.«

In seiner Heimat Amerika, in der er zweimal heiratete und insgesamt vier Kinder großzog, hat Michael Blumenthal viele Spuren hinterlassen. Als Wirtschaftsboss, Politiker und Kämpfer für den Frieden. Nach seiner Pensionierung, »mit 63-einhalb«, wandte sich Blumenthal wieder der Geschichte der deutschen Juden zu. Im November 1997 übernahm er im Ehrenamt die Leitung des 2001 eröffneten Jüdischen Museums. Seither pendelt er. »Ich komme alle zwei Monate für 10 bis 14 Tage nach Berlin.« Schließlich leben Ehefrau Barbara und der jüngste Spross, Michael, in den USA. Am 14. November zeichnet das Jüdische Museum die Unternehmer Berthold Beitz und Heinrich von Pierer mit dem erstmals verliehenen Preis für Verständigung und Toleranz aus.

Michael Blumenthal, selbst Träger diverser Preise und des Bundesverdienstkreuzes, wäre selbst der beste Kandidat für die von ihm ins Leben gerufene Auszeichnung. mut

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