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Berliner Zeitung vom 16./17. November 2002

Aus allen Rahmen gekippt. Kulturfesttage mit Pavel Feinsteins Bildern im Jüdischen Museum Berlin

Von Ingeborg Ruthe


Der Betrachter sollte sich nicht abmühen, Pavel Feinsteins Malerei schon auf den ersten Blick stilistisch einordnen zu wollen. Sie ist realistisch, aber Realismus ist es nicht. Sie ist surreal, aber Surrealismus ist es auch nicht. Sie erinnert in ihrem lockeren, modellierenden Pinselstrich, der sich in der Bildfläche entfaltenden Räumlichkeit und dem Eigenwert der dargestellten Gegenstände und Körper an Cézanne. Sie lässt aber wegen der virtuosen Lasurtechnik auch an Alte Meister denken. Altmeisterlich jedoch sind diese im Bildraum balancierenden bläulichen und grünlichen Halbakte von Männern mit Judenbärten und Judenhüten und Frauen mit Turbanen nicht. Was seit diesem Wochenende in vier Sälen des Jüdischen Museums ausgebreitet ist, widersetzt sich jeder kunstgeschichtlichen Schublade. Hier spielt ein Maler, der das traditionelle Vokabular beherrscht, die alten Geschichten und Motive aber ironisch hinterfragt, mit den Erwartungen des Betrachters. Es heißt, der seit 1980 in Berlin lebende jüdische Maler Feinstein, 1960 in Moskau geboren, ausgebildet an der Puschkin-Schule, später an der Kunstakademie Duschanbe im damals noch sowjetischen Tadschikistan und schließlich an der Hochschule der Künste Berlin, ignoriere zeitgenössische Tendenzen. Wer nun zu sehen glaubt, Feinstein male seine Halbakte, Landschaften und Stillleben wie in vormodernen Zeiten, irrt schon wieder. Diese Bilder sind nicht traditionell, sie sind lediglich aus der Zeit gefallen. Die schweren Teller und Gefäße, die aufgeschnittenen Früchte und mit weißen Tüchern umhüllten Fische mögen an Stillleben des 17. und 18. Jahrhunderts erinnern. Doch die Ordnung ist anders, es befremden zu viele Details. Die Dinge scheinen aus dem Bild zu kippen und die Augen der Fische sind nicht starr, wie in traditionellen "nature morte"-Motiven. Sie blicken den Betrachter wach an - Augen von Opfertieren, die sehen, was auf sie zukommt. Feinstein drapiert dieses "Kommende" um die Fische herum als opulente Drohung: Tatwerkzeuge wie Hämmer und Messer. Sämtliche Motive bauen sich auf vor düsterem Hintergrund. Figürliche Szenen mit Titeln wie "Jakob ringt mit dem Engel", "Chassid I", "Jakob und Leah" oder "Der Tanz um das Goldene Kalb" beziehen sich aufs Alte Testament. Etliche Szenen spielen sich am Wasser ab, allerlei Getier leistet den nur mit Lendentüchern bedeckten Figuren Gesellschaft. Paradiesisch aber ist das Ganze nicht. Was sich da auf Bibel und Kabbala bezieht, kommt eher burlesk-theatralisch daher. Feinstein spielt mit den Stereotypen vom "Judenbild". Seine Motive, die sich neuerdings auch auf Goyas "Capriccios" beziehen, sind komisch, zugleich beklemmend. Offensichtlich geht es um mehrere Sinnebenen, ganz unten die jüdischer Tradition und Geschichte und obenauf die heutigen Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen.

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