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Berliner Zeitung vom 26. März 2003

Die Loevys. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum verfolgt die Spuren einer jüdischen Berliner Bronzegießerfamilie

Von Volker Müller


Das Fazit gleich an den Anfang: Das Jüdische Museum Berlin zeigt mit seiner Sonderausstellung über die Geschichte der Bronzegießerfirma Loevy etwas Außerordentliches. Kein Literat oder Filmszenarist hätte sinnfälliger und schlüssiger eine solche Familiensaga erzählen können, die die viel beschworene "jüdisch-deutsche Symbiose" als eine tragisch illusionäre Legende vorführt.

Dem Filmdokumentaristen Armin D. Steuer ist es zu danken, dass die Schicksale der Loevys dem Vergessen entrissen wurden. Er hatte schon 1999, als die Ständige Ausstellung im Jüdischen Museum konzeptionell noch in den Sternen stand, die Idee, sich der Familie Loevy zuzuwenden. Der Kurator Michael Dorrmann hat dies nun besorgt, der Designer Jan Fiebelkorn-Drasen sie im Altbau des Jüdischen Museums in Libeskind scher Zickzackarchitektur eindrucksvoll inszeniert.

Erzählt wird die Geschichte einer Familie, deren Mitglieder auf unterschiedlichen Wegen versuchen, als jüdische Deutsche gleichberechtigt unter Deutschen zu leben. Alles beginnt 1855 in der Großen Hamburger Straße, wo der aus den preußischen Ostgebieten ins expandierende Berlin gekommene Samuel Abraham Loevy seine erste kleine Bronzegießerei gründet. Sie wird sich in Partnerschaft mit den angesehensten Architekten durch ihre Bau-Accessoires erfolgreich entwickeln und der Familie noch im Kaiserreich den Aufstieg ins Großbürgertum sichern. Eine attraktive Privatsammlung aus Türbeschlägen und Fensterknäufen, von klassizistischen Formen bis zum berühmten "Gropius-Drücker", veranschaulicht in der Ausstellung den Beitrag der Familie Loevy zur Bau- und Kulturgeschichte.

Die Loevys waren königstreu und patriotisch gesinnt. In der zweiten Generation standen für die Initialen im Firmennamen S. A. Loevy bereits die bewusst gewählten deutschen Vornamen der beiden Söhne Siegfried und Albert, die sich sehr unterschiedlich zu ihrem Judentum verhielten: Siegfried, der künstlerisch ambitionierte Kopf der Firma, heiratete eine nichtjüdische Frau, erzog seine Kinder christlich und bewog sie, durch eine formale Adoption den deutschen Namen Gloeden anzunehmen. Albert, der kaufmännische Kopf der Firma, entschied sich hingegen für die Rückbesinnung auf das Judentum.

Ein Vorgang in den Jahren 1915/16 sollte die Loevys auf besondere Weise mit der deutschen Geschichte verhaken: Ihre Firma hatte den Auftrag, für das Reichstagsgebäude die Weihe-Inschrift "Dem deutschen Volke" zu gießen. Dieses Ereignis wird zum konzeptionellen, Titel gebenden Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung. Sie geht der Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit dessen nach, was als wunderbar "harmonisches" deutsch-jüdisches Symbol erscheinen könnte.

Die Ausstellung sowie kenntnisreiche Aufsätze im Begleitband (von Helmuth Braun/Michael Dorrmann sowie von Michael Cullen) rufen in Erinnerung, dass das Reichstagsgebäude seit seiner Einweihung 1894 vergebens auf die ursprünglich vom Baumeister Paul Wallot gedachte Widmung hatte warten müssen. Wenn sie 1915 von der kaiserlichen Regierung verfügt wurde, dann geschah das als Gunstbezeigung an die Soldaten auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, denen der Hurrapatriotismus abhanden gekommen war.Als die Hoflieferanten Loevy den Auftrag erhielten, die Reichstagswidmung zu fertigen, waren die Hoffnungen, dass der Kaiser "keine Parteien mehr", sondern "nur noch Deutsche" kennen und also auch den Juden ein gleichberechtigtes Dasein sichern würde, bereits zunichte: Im Herbst 1916, wenige Wochen, bevor Loevy-Mitarbeiter die Bronzelettern anschraubten, hatte in allen Heeresgliederungen die berüchtigte "Judenzählung" stattgefunden, die den statistischen Nachweis für den Anwurf leisten sollte, die jüdische n Soldaten seien durch Defätismus und feiges Verharren in der Etappe schuld an den militärischen Misserfolgen Deutschlands.

Die Schau verfolgt die Geschichte der Loevys weiter durch die Weimarer Zeit, bis zur "Arisierung" und schließlichen Vernichtung ihrer Firma, zur Verfolgung und Ermordung mehrerer Familienmitglieder im Nationalsozialismus. Das ist stets verbunden mit der Frage nach dem Gebrauch und Missbrauch von "Volkes Namen". Paraphrasen der Reichstagswidmung begleiten diese authentische Familiensaga: von der Begründung der Nazi-Henkersprüche über die nachgebildete zerschossene Inschrift vom Mai 1945 bis zu Hans Haackes aktuellem Gegenkunstwerk für die Berliner Republik in einem der Höfe des Reichstags: "Der Bevölkerung" - provokante Anfrage, wie viel Fremdes das heutige "deutsche Volk" aufzunehmen bereit ist.

Besonders denkwürdig an der Loevy-Geschichte ist - in der dritten Generation - das Schicksal des Architekten Erich Loevy alias Gloeden, eines Sohnes von Siegfried Loevy. Der "perfekte Assimilant", wie er sich selbst nannte, wurde zur Organisation Todt einberufen, hatte eine Naziuniform zu tragen, arbeitete im besetzten Polen an kriegswichtigen Gebäuden und erfuhr so ziemlich frühzeitig, was "mit meinen Stammesgenossen" geschah. "Bis ich nicht mehr an mich halten konnte und es . aus mir hinausschrie: Sag , was hast denn Du eigentlich Dein ganzes Leben hindurch für Deine ureigene jüdische Sache getan?" So liest man es betroffen in einem nachgelassenen Manuskript aus den Jahren 1942/43. Es gibt Auskunft darüber, wie Gloeden nun seinen Weg der Assimilation für sich als "Sackgasse" erkennt und zu zionistischen Konzepten gelangt. Er findet schockierend bittere - prophetische? - Worte über die abgewiesene Liebe der Juden zur deutschen Heimat: "Die Deutschen . glauben, gut ohne die Juden auskommen zu können, weit besser sogar, als mit ihnen. Das gibt dem Ablehnenden schon an sich die starke Stellung der hoffnungslos umworbenen Geliebten, während sich das Judentum in der meist komisch wirkenden Stellung des verschmähten Liebhabers befindet, eine Stellung, die über das Komische hinaus nicht selten einen tragischen Beigeschmack hat." Gloeden und seine Frau gewähren Verfolgten Unterschlupf, ihr Einsatz für General Lindemann, einen der Verschwörer des 20. Juli 1944, bringt beide Eheleute vor Freislers Volksgerichtshof und unter das Fallbeil.

Es ist der im September 2001 eröffneten ständigen Ausstellung im Jüdischen Museum zu Recht der Vorwurf gemacht worden, ihre Beschreibung von zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte sei zu harmonisierend ausgefallen, mache die Verwerfungen und Brüche, auch die innerjüdischen Konflikte im Prozess von Akkulturation und Assimilation zu wenig kenntlich. Ausstellungen wie diese begleichen solche Defizite. Man wünschte, dass Aufschlüsse von dieser Qualität als ständige "Themeninseln" Eingang in die Hauptausstellung fänden.

Eine deutsch-jüdische Familiensaga // Sonderausstellung "Dem deutschen Volke. Die Geschichte der Berliner Bronzegießer Loevy" im Jüdischen Museum Berlin, Altbau, bis 15. 6. tgl. 10-20, Mo bis 22 Uhr. Eintritt frei.
Führungen, auch in Kombination mit der Besichtigung des Reichstagsgebäudes, können telefonisch gebucht werden. Tel. 030-25 99 33 05, Fax: 030-25 99 34 09.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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