_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Berliner Morgenpost vom 26. Mai 2003

John Elsas' wilde Bilder
Ausstellung

Von Christiane Meixner


»Mein ganzes Leben war ein Fehler - da wurd' ich Maler und Erzähler.« Natürlich war das Leben von John Elsas kein Fehlschlag. Als jüdischer Bankier führte er die Familientradition in Frankfurt am Main erfolgreich fort, als Rentner begann er 1925 zu zeichnen. Erst für seine Enkel - und dann so enthusiastisch für sich selbst, dass er in den letzten zehn Jahren seines Lebens rund 25 000 Blätter nach stets demselben Prinzip fertigte: Jedes seiner gezeichneten, geklebten und collagierten Motive wurde von einem Reim begleitet.

»Meine Bilder werden immer wilder« heißt die schöne Wanderausstellung, die nach St. Gallen und Frankfurt nun im Jüdischen Museum angekommen ist. Sie zeigt den Bruchteil eines ganz ungewöhnlichen Werks, das in Berlin zuletzt Ende der Zwanzigerjahre in Herwarth Waldens legendärer Galerie »Der Sturm« zu sehen war und das während der Nazizeit auf abenteuerlichem Weg in die Schweiz gelangte: Elsas Tochter Irma hatte die Zeichnungen gerade noch in Kisten packen und an einen Verwandten schicken können, bevor sie am 18. August 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde.

Dass das Werk des späten Künstlers erst jetzt wiederentdeckt wird, gründet wohl nicht zuletzt in der Eigenart jenes Enkels, der die Holzkisten über Jahrzehnte verschlossen hielt. 1999 überließ er dieses Erbe einer Schweizer Stiftung für naive Kunst und art brut, die den Nachlass seither ordnet. Ein Erbe, das Elsas vor allem mit seinen für Kinder gedachten Blättern in die Nähe von »Struwwelpeter«-Erfinder Heinrich Hoffmann rückt. Die besten Verse unter seinen tanzenden, reitenden oder fahrenden Gesellen erinnern an Christian Morgenstern, andere klingen ein bisschen sehr dem Reim geschuldet.

Doch die eigentliche Leistung von Elsas liegt in der Montage seiner Figuren. Papier, gemusterte Stoffe, echte Haare und sogar Geldscheine sind Zutaten seiner fragmentarischen Wesen, in denen sich zeitgenössische Kunstströmungen spiegeln: Collage, Dada, Surrealismus, Abstraktion. So verwundert es nicht, wenn Kritiker wie Benno Reifenberg oder Max Osborn sich für John Elsas begeisterten.

Dessen zweite Karriere endete abrupt mit dem Aufstieg der Nazis. Elsas starb 1935 und erlebte das Morden nicht mehr mit. Aber er sah es kommen. »Die Leute in die Fremde gehen, sie können hier nicht mehr bestehen«, schrieb er 1935 auf eines seiner zunehmend politischen Blätter. In der Ausstellung sind sie das Schlusskapitel.

Jüdisches Museum, Lindenstraße 9-14, Kreuzberg. Tel.: 25 99 33 00. Bis 17.8., tgl. 10-20, Mo. 10-22 Uhr. 5/ erm. 2,50 Euro.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

In Kontakt bleiben über