_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Berliner Zeitung vom 30. August 2003

Dankbar, aber nicht glücklich
Die Geschichten hinter der Geschichte: das Leben jüdischer Flüchtlinge in einer Multimedia-Schau

Von Abini Zöllner


Ein Monat Weltreise lag hinter ihnen. Dann hatten die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich ihr Ziel erreicht. Aber waren sie auch angekommen?

Shanghai - der Name bedeutet: am Meer - war eine Stadt mit Wolkenkratzern und Rikschakulis, mit Willkürjustiz und Opiumhöhlen, mit viel Hitze und Armut, eine Stadt ohne Wasserspülung und richtiges Essen, ohne Gesetze und Arbeit. Es herrschten Bestechung und Großkriminalität, Terrorismus und Waffengeschäfte, Drogenkartelle und Prostitution, aber keine richtigen Regierungen. Shanghai, die kultivierteste, aber auch dekadenteste Stadt Asiens, war ein Abenteuer.

18 000 Flüchtlinge suchten hier von 1938 an vor den Nazis Zuflucht. Denn größer als die Furcht vor dem Ungewissen war die Gewissheit, dem Furchtbaren entkommen zu müssen. Die südchinesische Stadt galt als dreckiges Vitalitätslabor, als Sumpf zerbrochener Existenzen, als heilloses Sündenbabel. Aber die Stadt war mehr als ein »Exil letzter Wahl«, als das sie heute verschlagwortet wird. Sie war die Rettung.

Auf der ganzen Welt gab es nur diesen Ort, der die Flüchtlinge aufnahm. Eine Zeitzeugin erzählt: »Selbst die USA hatten eine anhaltende Abwehrhaltung. Sie setzten die jüdischen Flüchtlinge auf eine lange Warteliste. Da hätten wir bis Anfang der 50er-Jahre auf eine Einreise warten müssen.« Nur in Shanghai musste niemand ein Visa oder eine Bürgschaft vorweisen.

Im Jüdischen Museum Berlin befindet sich das Rafael Roth Learning Center und dort gibt es seit kurzem eine neue Einrichtung: Die Multimedia-Präsentation »Exil in Shanghai«. Das Leben der Emigranten ist nun in Wort, Ton und Bild an zwanzig Computerstationen abrufbar.

Die »Shanghailänder«, so ist zu erfahren, wohnten »am Ende der Welt« in einer Enklave mit Wiener Cafés und Arztpraxen, jüdischen Sendern und der Emigrantenzeitung »Gelbe Post«, einer Kleinkunstbühne und vielen Handwerksbetrieben. Diesem hochinteressanten Rückblick ist aber mehr zu entnehmen, als zu sehen ist. Denn offenbar wird die Bedeutung der Exilkultur heute stark überschätzt: Alle sprachen deutsch. Die Verständigung mit Einheimischen funktionierte meist im Straßen-Shanghai-Dialekt. Kaum einer hatte die chinesische Sprache oder etwas über die Kultur und Geschichte des Landes gelernt. Und so schwebt über der Aufarbeitung etwas Erstaunliches - die Nichtidentifikation mit dem Land, das die Flüchtlinge aufnahm.

Die Berichte im digitalen Katalog sind übersichtlich gestaltet. Der Besucher wird im Wesentlichen durch drei Kapitel gelotst. Erstens: »Warum Shanghai?«, zweitens: »Ankunft und Alltag« und drittens: »Nach Kriegsende"«. So gut sortiert lässt sich die Geschichte jenes jüdischen Exils transparent aufarbeiten. Dabei war das Leben damals alles andere als überschaubar. Denn die Verhältnisse waren verwirrend.

In Shanghai lebte ein Völkergemisch aus aller Welt - nicht nur friedlich miteinander. Hier gab es weniger religiöse, dafür aber erhebliche politische Konflikte. Als etwa die Shanghaier Nationalisten 1927 an die Macht kamen, brachten sie als erstes 5 000 Kommunisten um. 1937 nahmen dann die Japaner Shanghai ein, jedoch nicht vollständig. Einige Zonen (die der Engländer, Franzosen und Amerikaner) hatten exterritorialen Status, dort galten keine chinesischen Gesetze (weshalb sie wiederum voller chinesischer Flüchtlinge waren). In jenem fernöstlichen Kräftespiel wollten auch die Nazis politisch und wirtschaftlich mitmischen, deshalb schickten sie SS- und Gestapo-Leute nach Shanghai. Ihr Einfluss blieb relativ wirkungslos, doch es entstand die absurde Situation, dass die Juden von den Nazis und die Chinesen von den Japanern verfolgt wurden. Die Situation spitzte sich zu, als der Pazifikkrieg ausbrach. Nun kontrollierten die Japaner ganz Shanghai und die Lage verschärfte sich für alle Staatenlosen. So kamen die jüdischen Flüchtlinge - die durch das 1941 in Kraft getretene Reichsbürgergesetz ihre deutsche Staatsangehörigkeit verloren hatten - auch im Exil ins Ghetto.

Das Ghetto entstand im Armenviertel Hongkou, einem Problemdistrikt, in dem verheerende Zustände herrschten. Immerhin, so sagen Emigranten später, »unser Ghetto war nicht von vornherein auf Vernichtung angelegt«.

Das Leben in Shanghai war immer voller »aber«. Der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, W. Michael Blumenthal, erinnert sich: »Das Land, die Fremde waren exotisch - aber niemals romantisch. Wir waren dankbar für die Aufnahme - aber nicht glücklich.« Keiner sei dort reich geworden - aber die meisten haben überlebt.

Die Emigranten hatten nur das eine Glück: den Konzentrationslagern entkommen zu sein. Sie lebten unkomfortabel, waren von Krankheiten wie Typhus bedroht. Sie hielten sich Katzen, damit sie selbst nicht Opfer der Ratten wurden. Manche mussten betteln, weil sie Hunger hatten. Aber es ging ihnen besser als den chinesischen Flüchtlingen, die auf der Straße lebten. Von denen starben viele: Jeden Tag wurden die Leichen alter Männer und junger Kinder mit gespenstischer Routine »eingesammelt«.

Die Emigranten haben Shanghai niemals als Endziel, sondern nur als Übergang empfunden. In der »ewigen Zwischenstation« wartete alles auf die Zeit nach dem Krieg, im starken Bewusstsein, dass die Deutschen verlieren werden: »Nur ahnte niemand, dass das so lange dauert.«

Obwohl alle Emigranten der kleinste gemeinsame Nenner - das Überleben - verband, gab es auch innerhalb der Jüdischen Gemeinde Konflikte. Dieser Aspekt nimmt in der Multimedia-Präsentation keinen nennenswerten Platz ein. Jedoch war schon in anderen Dokumentationen davon zu erfahren.

So erzählt Gerda Gentsch in einer Aufzeichnung für das Heft Merian ihre Geschichte: Sie verließ mit ihren Eltern im Februar 1939 Deutschland. Kurz zuvor holte ihre protestantische Mutter ihren jüdischen Ehemann aus dem KZ Buchenwald - das gelang nur, weil sie die Ausreise nach Shanghai vorweisen konnte. Die Buchung war, wie für andere Flüchtlinge auch, ein Überlebenspapier. Doch in Shanghai erlebte die Familie Befremden. Gerda Gentsch erinnert sich: »Bei der Jüdischen Gemeinde galt mein Vater als Abtrünniger. Mischehen, waren verpönt."« Obwohl seine protestantische Frau ihm das Leben gerettet hat, führte die Familie ein abgesondertes Dasein. Auch »die deutsche Kolonie hat uns nicht akzeptiert«, nicht einmal in der evangelischen Kirche. Manchmal, so schien es, wurden im Exil lediglich geografische Grenzen überwunden.

Nach Kriegsende gingen von den 18 000 Auswanderern die meisten nach Israel oder Amerika. Nur 600 kehrten nach Deutschland zurück. Das Jüdische Museum hat seine Schau allen Auswanderern gewidmet. Sehr eindrucksvoll wird das Exil nicht nur als politische, sondern auch als private Angelegenheit in den Mittelpunkt gestellt - mit konkreten Rückblenden, persönlichen Erinnerungen, erzählten Schicksalen. So bekommt das Exil ein Gesicht. Das sind die Geschichten hinter der Geschichte.

Da die Vergangenheit der beste Lehrmeister ist, sind aufmerksame Schüler herzlich willkommen. Man könnte denken, die digitale Präsentation wendet sich - auf Grund der multimedialen Ansprache - besonders an Jugendliche. Aber die klare Menüführung macht es jedem Besucher einfach, auf Entdeckungsreise in die jüdische Geschichte zu gehen. Und über die Flüchtlinge zu erfahren, die in Shanghai angekommen, aber nie zu Hause waren.

Exil in Shanghai // Multimedia-Präsentation im Rafael Roth Learning Center des Jüdischen Museums Berlin, Lindenstraße 9-14, geöffnet: Mo 10-22 Uhr, Di-So 10-20 Uhr, Infotelefon: 25 993 300.

Literaturhinweis: »Exil Shanghai 1938 - 1947. Jüdisches Leben in der Emigration« von Georg Armbrüster, Michael Kohlstruck und Sonja Mühlberger, 272 S. , Hentrich & Hentrich, 2001, geb. Ausgabe 44 Euro.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Helfen Sie uns, ...

... unsere Website zu verbessern, indem Sie an unserer Online-Umfrage teilnehmen!
(Zeitaufwand: 1 Minute)

In Kontakt bleiben über