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Süddeutsche Zeitung vom 4. / 5. Oktober 2003

Die Entdeckung des Ensembles
Jüdisches Museum Berlin, "Kontrapunkt - Die Architektur von Daniel Libeskind". Vom 10. September bis 14. Dezember 2003.

Von Gerwin Zohlen


An kaum einem anderen Architekten wurde in der letzten Dekade die Debatte von Kunst und Wirklichkeit, Vision und Pragmatismus, wirklicher Architektur und medialem Zeichengewusel so sehr aufgerissen wie an Daniel Libeskind. An ihm wurde die Utopie der Kunst und wahren Architektur aus dem Geist des Unvorhergesehenen und Neuen alphabetisiert. Er stand für die Vision des Genies und für die Idee, die an der schnöden Wirklichkeit aus Pragmatismus und Kommerz zu zerbrechen droht. Libeskind schien die heteronomen Forderungen von Erinnerung und Optimismus, von Vergangenheit, die nicht vergehen kann, und Zuwendung zur Gegenwart, die Zukunft werden will, zu versöhnen, er war derjenige, dessen unbotmäßiger Geist die sture und verblockte Gegenwart auf den Horizont aus Ideal und Menschlichkeit offen hielt.

Schauplatz dieser Debatte war (und ist) natürlich die globale Architektenszene, aber Austragungsort und (meist negatives) Beispiel war das Berlin der 1990er Jahre. Hier baute Libeskind sein erstes, epochemachendes Werk, das Jüdische Museum. Sonst aber nichts. Und darüber klagte er und mit ihm eine größer werdende Gruppe von Anhängern laut und vernehmlich. Aus Anlaß seines Umzugs nach New York ehrt das Jüdische Museum Libeskind nun mit einer Ausstellung, die erstmals seine Bauten, und nicht nur seine Kunstobjekte versammelt. Der Festredner der Ausstellungseröffnung, der Berliner Architektursoziologe Werner Sewing, versagte sich klug, den vielen beschreibenden Metaphern für das Jüdische Museum noch eine weitere hinzuzufügen; kommende Philologen werden sowieso daran arbeiten müssen, in diesem Bildgestöber eine Grammatik zu entdecken. Stattdessen zeigte er die Konfliktlinien vom "autoritaristischen Block der Stadt Berlin" und dem liquide experimentierenden "Laboratorium Libeskind", dessen Vielzahl neuer Figuren einer "demokratisch-liberalen Architektur" hier verschmäht worden seien.

Ach, kennten die Soziologen doch die Wirklichkeit und überführten sie nicht nur in theoretisch plausible Konstruktionen. Oder sähen zumindest in der Ausstellung genauer hin. Die hat es nämlich in sich. Sie ist formidabel. Mathias Reese, Libeskinds architektonisches Gewissen in Berlin, hat sie aufgebaut. Und in ihrer Zusammenstellung ist sie allen, die nicht nur am Spektakel der Architektur, sondern auch an ihrer Entwicklung interessiert sind, dringend zu empfehlen. Für Fortschrittsfreunde unter den Architekten und Kritikern sollte sie zum must erklärt werden. Denn sie enthält eine der verblüffendsten Nachrichten aus dem heutigen Architektenzirkus, die sich auf die Formel von der Lernfähigkeit eines Architekten bringen läßt. Oder auch Libeskinds Bekehrung zur Konvention.

Gezeigt werden 16 Arbeiten von der gerade fertig gestellten Galerie Weil auf Mallorca über die Museumsentwürfe für Dresden, Manchester und London bis zu den berühmten städtebaulichen Wettbewerbsarbeiten Potsdamer/Leipziger Platz (1991), Alexanderplatz (1994) in Berlin sowie schließlich krönend Ground Zero, New York (2003). Anders als an den Einzelobjekten der Häuser und Museen läßt sich gerade in Libeskinds Städtebauarbeiten aufs deutlichste der Prozeß der Konventionalisierung erkennen. Er führt vom wilden Künstlerspiel mit Mikado, Würfeln und 'Flughäusern' am Potsdamer Platz über die schon ans Pragmatische grenzende Kombination von Hausmetaphern für den Alexanderplatz zum nun wirklich urbanen Entwurf für Ground Zero. Trau' niemals medial verzerrten Bildern, möchte man rufen, sondern halt deine Augen stets selber (dr)auf. Angesichts des großen und umgebungsreichen Wettbewerbsmodells für New York erkennt man nämlich, daß Libeskind hier alles benutzt, was er in seinen Berliner Jahren offensichtlich doch sehr aufmerksam an städtebaulicher Grammatik lernte. Das Ensemblebilden steht vor dem solitären Architekturobjekt; der Stadtgrundriß von Ground Zero aus der Zeit, bevor die WTC-Türme ihn unter sich begruben, wird rekonstruiert; die Straßenräume und im Zentrum natürlich der Platz mit den "Footprints" werden durch Gebäude urban gefaßt. Und die Gebäude ihrerseits sind architektonisch klaftertief von den gesplitterten Kuben oder aufgeschichteten Spiraltorten entfernt, mit denen Libeskind noch bei der Erweiterung des Viktoria and Albert Museums London beglücken will.

Nein wirklich, das Kriegsbeil von Vision und Pragmatik, Realität wider die Kunst kann angesichts des New Yorker Entwurfs sanft begraben werden. Libeskind ist in der Realität der architektonischen Konvention angekommen und büxt nur manchmal noch rhetorisch dorthin aus, wo Symbole und poetische Metaphern die Welt regieren. Das ist wohl seine Aufgabe als Kunstarchitekt und 'Zeichenschleuderer' im globalen Medienverband, die er auch herausragend versieht. Aber guckt man auf das New Yorker Modell, dann könnte der Entwurf mit nur ephemeren Veränderungen in der Darstellungsgestik sogar den Namen seines Berliner Erzfeindes und Rivalen Hans Kollhoff tragen. So urban, so städtisch ist seine Architektur hier geworden.

Für die zurückbleibende Trauergemeinde jedoch ist es tröstlich, daß durch Libeskind die "Berliner Linie" jedenfalls faktisch nach New York kommt, selbst wenn sie nicht diesen Namen trägt. Möglich, daß es der Stadt trotzdem gut tut, architektonisch etwas verberlinert zu werden.

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Katharina Schmidt-Narischkin
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