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Berliner Morgenpost vom 25. Februar 2004

Am Anfang war die Zahl Das Jüdische Museum fasziniert mit einer Sonderschau über die Macht der Zeichen

Von Uwe Sauerwein


Ach du grüne Neune! Eine Pressekonferenz um 11 Uhr 11: Feiert man im Jüdischen Museum etwa Karneval? Warum schlägt es auf dem Plakat Dreizehn, wo es doch um die Zehn und die Fünf geht? Und was hat eine »V2« in der Ausstellung verloren?

Der Erfinder der Zwölftonmusik war abergläubisch. So große Furcht hatte Arnold Schönberg vor der Zahl 13, dass er sie sogar in seinen Kompositionen vermied. Schönberg wurde an einem 13. geboren - und starb an einem solchen.

Am Anfang war das Wort? Nein, am Anfang war die Zahl, ist man geneigt zu glauben, wenn man die geniale Ausstellung durchwandert, die den Verstand und die Sinne gleichermaßen anspricht. Viele Zahlen haben, im Christentum wie im Judentum, eine religiöse Bedeutung. Gleichwohl spielen in »10 + 5 = Gott. Die Macht der Zeichen« Buchstaben eine nicht minder wichtige Rolle. Jeder Buchstabe des hebräischen Alphabets ist mit einer Zahl verbunden. Die Rechnung im Titel der Ausstellung geht folgendermaßen auf: Der Buchstabe für Zehn ist Jod, der für Fünf ist He. Jod He ist zugleich der auf zwei Buchstaben verkürzte Name Gottes.

Doch die Schau behandelt weit mehr als nur religiöse Aspekte, auch wenn die Kabbala, die jüdische Mystik zu ihrem Recht kommt. Es geht um Alltag und Kultur, um Wissenschaft, ums Geld, um Schule, Geschichte, um Politik, Literatur, postmoderne Spiritualität - und ums Essen.

Bingo! Alles andere als eine 08/15-Schau, die das Jüdische Museum gemeinsam mit den renommierten Ausstellungsmachern Hürlimann & Lepp da zusammengestellt hat. So ungewöhnlich wie das Thema ist auch die Gestaltung. Auf 900 Quadratmetern werden in elf Räumen 350, größtenteils originale Objekte gezeigt, wobei das interaktive Element eine große Rolle spielt. Im Zentrum steht ein neun Meter langer Tisch mit einer sensitiven Fläche, auf dem Hunderte von Zahlen nach dem Zufallsprinzip auftauchen. Berührt man eine dieser Zahlen, geben sie mit Animationen ihr Geheimnis preis.

Auch die anderen Räume kann man ohne Übertreibung als Wunderkammern bezeichnen. Es sind Orte, die für 200 Jahre deutsch-jüdische Geschichte eine besondere Bedeutung haben. Seit etwa 1800 wurden Kinder in Deutschland konsequent in Lesen und Schreiben unterrichtet, was in der jüdischen Erziehung seit jeher ein prägendes Element war. Vom Lernen, also über Rechenmaschinen, deutsche und hebräische Fibeln, führt die Schau ins »Spielzimmer«, wo man unter anderem auf ein Berliner Monopoly, das erste deutschsprachige Spiel dieser Art stößt, nebst seiner hebräischen Variante aus Palästina von 1940. Ebenso auf »Juden raus!«, ein »zeitgemäßes und überaus lustiges Gesellschaftsspiel« von 1936.

Im Mathematikzimmer, in dem die verbeulte Raketenspitze einer »V2« makabrer Blickpunkt ist, geht es auch um das Schicksal jüdischer Wissenschaftler im »Dritten Reich«. Pässe von Emigranten findet man im Zimmer »Das Amt«, wo es um die Rolle von Zahlen und Zeichen der Bürokratie geht. Man verfolgt die kuriose Geschichte Berliner Hausnummern, kann mit Berliner Bankiers telefonieren, deren Nummern sich im »Buch der 187 Narren« finden, wie der Volksmund das erste Berliner Telefonbuch von 1881 »würdigte«.

Man lauscht Verschwörungsgesprächen im »Sprechzimmer«, bei denen verblüffender Weise immer wieder die Zahl 23 auftaucht. Auch die Gen-Forschung bleibt nicht ausgespart, übrigens dank Unterstützung des Bundeskanzlers. Gerhard Schröder lieh der Ausstellung seine Ausgabe des »Buch des Lebens«, in dem 3,2 Millionen Buchstaben des genetischen Codes des Menschen stehen. Nur ein bis zwei Prozent gelten als entschlüsselt.

Auch die Ausstellung über »Die Macht der Zeichen« bewahrt sich eine geheimnisvolle Aura. Je mehr Informationen man erhält, desto mehr will man erfahren. Ganz nach der jüdischen Tradition: Danach ist derjenige am ärmsten dran, der nicht zu fragen versteht.

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg. Tel.: 25 99 33 00. Bis 27. Juni, Di - So, 10 - 20 Uhr, Mo, 10 - 22 Uhr. Katalog 24,90 Euro

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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