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Süddeutsche Zeitung vom 28. Februar 2004

Gleichung und Tabu Religion, Statistik, Aberglauben: Das Jüdische Museum Berlin demonstriert die »Macht der Zeichen«

Von Lothar Müller


Direkt ins Zentrum der neuen Sonderausstellung im Jüdischen Museum Berlin führt die Erklärung ihres seltsamen Titels: »10+5=Gott«. Das Spiel mit einer Gleichung, in der die Addition von Zahlen einen Namen ergibt, beruht auf einer Eigenheit des hebräischen Alphabets, in dem jedem Buchstaben ein Zahlenwert zugeordnet ist. Weil der 10 das Jod und der 5 das He entspricht, entsteht aus der Zusammenfügung der Zahlen die Buchstabenkombination JH, einer der Kurznamen Gottes.

Die Pointe des Ausstellungstitels ergibt sich aber nicht schon durch die Auflösung der Gleichung, sondern vor allem durch den Umstand, dass sie ausgeschrieben wird. Im Kontext des religiösen Schrifttums, auf das die Verwendung des Alphabets als Zahlenschrift weitgehend beschränkt war, rührte die Gleichung an ein Tabu. Aus Respekt vor dem Namen Gottes vermied man die Darstellung der 15 als Addition von 10 und 5 zugunsten der unverfänglicheren Buchstabenkombination, die den Zahlen 9+6 entsprach. Auf diese Scheu blickt die Ausstellung aus dem sicheren Hafen universeller Säkularisierung zurück.

Himmel-und-Hölle-Hüpfspiel

»Die Macht der Zeichen«, von der sie im Untertitel spricht, ist nicht mehr die jener Urelemente, aus denen nach alter kabbalistischer Lehre die Welt aufgebaut ist und über die sich der Prophet Jeremia beugt, um im »Buch der Schöpfung« die Zahlen und Buchstaben zu studieren, um selbst einen Menschen, den Golem, zu schaffen. »Die Macht der Zeichen« - das ist hier die Macht jener Elementarteilchen, die den Organismus der modernen Gesellschaft und Kultur so zusammenhalten wie die Atome und Moleküle die physische Materie.

Darum verweist die Ausstellung ihren eher kursorischen Abschiedsblick auf die kabbalistische Tradition und die religiöse Zahlen- und Buchstabenkombinatorik in den letzten Raum. Sie beginnt mit dem doppelten Aufbruch zur Moderne um 1800, dem Zusammenspiel von Alphabetisierung und Elementarunterricht auf der einen, jüdischer Aufklärung und beginnender Assimilation auf der anderen Seite. Lesefibeln, Buchstaben- und Zahlenspiele und Elementarbücher, ob in deutsch oder hebräisch demonstrieren die Säkularisierung der Zahlen in Schulwesen und Alltagskultur.

Auf einem Großbildschirm entdecken Ernie und Bert die hebräischen Buchstaben, ein elektrifiziertes Himmel-und-Hölle-Hüpfspiel ordnet ihnen ihren Zahlenwert zu. Der zwölfbändige »Babylonische Talmud«, zwischen 1930 und 1936 in Berlin erschienen, steht neben dem zwanzigbändigen Konversationslexikon des frühen 20. Jahrhunderts. Die physiognomische Ähnlichkeit der Wissensspeicher, so die These, lässt die Differenz zwischen profanem und religiösem Wissen in den Hintergrund treten.

Mit Verve, Phantasie und offenkundig großzügigen finanziellen Mitteln macht die Ausstellung den Gang durch die Themenräume (Schule, Spielfeld, Sprechzimmer, Bank, Universität, Küche, Labor, Amt) zu einem Musterparcours des »interaktiven« Museums. Ein Fräulein vom Amt verbindet den Besucher mit den jüdischen Bankiers, die in Öl aus ihren Porträts herabschauen, und gibt Auskunft über ihren Werdegang und ihr Kreditinstitut. Einschmeichelnde Stimmen flüstern ihm im »Sprechzimmer«, in dem die biorhythmischen Spekulationen des Psychoanalytikers Wilhelm Fließ ausliegen, moderne Varianten des Glaubens an die Magie der Zahlen (»23«) ins Ohr.

Seinen Höhepunkt erreicht das Spiel mit der Buchstaben- und Zahlenfaszination an einem acht Meter langen Tisch, über dessen multimediale Oberfläche Zahlen und Bilder huschen, die der Besucher mit der Hand erhaschen kann, um ihnen ihre Geheimnisse abzufragen. Religion, Statistik und Aberglaube sind in diesem Zahlenpool gleichberechtigt, die Berechenbarkeit und die Mythologisierung der Welt arbeiten einander zu.

Die Hand spielt nicht nur hier eine Hauptrolle. Es gehört zu den glücklichen Einfällen der Ausstellungsmacher, in jedem Raum (als Schreibhand, Zählhand, Tastorgan etc.) ihre alte anthropologische Funktion als Vermittlungsinstanz zwischen Zahlen, Zeichen, Dingen und Menschen zu demonstrieren. Doch steht solchen Versuchen der Bändigung des Themas durch Leitmotive eine Art fröhliche Zerfaserung gegenüber. Sie resultiert aus dem Anspruch der Ausstellung, zwei Geschichten zugleich erzählen zu wollen: die spezifische der Zahlen und Buchstaben in der deutsch-jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, und die allgemeine der Abstraktion, Rationalisierung und Universalisierung in der Moderne überhaupt.

Das nüchterne Paradies

So gibt es nicht nur, im Blick auf Göttingen um 1900, das notwendige Dementi der angeblich »jüdischen Mathematik«, die für Formalismus und Mengenlehre verantwortlich sei, sondern zugleich das Ornament einer aufwändigen Installation mit einer Fülle von Filmsequenzen zur Entschlüsselung von Tresorcodes. Nicht nur die erhellenden Seitenblicke auf Anthropometrie, Rassenlehre und die Statistik der Juden im deutschen Reich, sondern zugleich allerlei Anekdotisches aus Verwaltungs- Kommunikationstechnologie und Küche.

»Das Paradies« steht über einer Unterabteilung im Raum zur modernen Mathematik. Im Blick auf Georg Cantor, der nachwies, dass es verschieden »große« Unendlichkeiten gibt, wird der Bruch mit der Tradition greifbar, die das aktual Unendliche allein Gott zukommen ließ. Dieses Paradies ist ein sehr nüchterner, wissenschaftsgeschichtlich korrekter Raum. Etwas mehr Zwielicht, etwas mehr Erinnerung an die alte Scheu, die im Prozess der Säkularisierung zu überwinden war, hätte nicht nur hier der Ausstellung gut getan. Zum Glück trägt dem der vorzügliche Katalog Rechnung.

Lothar Müller

Bis 27. Juni, Katalog 24,90 Euro.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
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