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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. März 2004

Dreizehn Tore führen ins Paradies

Von Alexander Kosenina


Als Gershom Scholem 1965 den israelischen Großcomputer »Golem« einweihte, begeisterte ihn dessen Einfachheit. Denn der alte Golem der Legende beruht auf einer mystischen Kombination der Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das neue, von Menschenhand geschaffene Gehirn kommt hingegen mit nur zwei Zahlen aus, der Null und der Eins. »Ich würde sagen«, so Scholem, »daß die alten Kabbalisten mit Vergnügen von dieser Vereinfachung ihres eigenen Systems Kenntnis genommen hätten. Das ist Fortschritt!«

In der jüdischen Kultur entspricht jedem Buchstaben eine Zahl, die zusammen die ganze Welt konstituieren. Der mittelalterliche Kabbalist Abulafia bezeichnet die Tora als Ausfluß der 22 Buchstaben, und im »Sefer Jezira«, dem Buch der Schöpfung, erscheint die gesamte Tora als Textur vom Gottesnamen, als Beinamen Jahwes, des Unaussprechlichen, für den das Tetragramm JHWH oder die Zeichen JH stehen. Da die beiden Buchstaben Jod (10) und He (5) zusammen die Summe 15 und damit den Namen dessen, den man nicht nennen darf, ergeben, bezeichnet man im Hebräischen die 15 mit Tet (9) und Waw (6).

Kabbalistische Mystik und Esoterik

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin über die Macht der Zeichen trägt den entsprechend provokanten Titel »10+5=Gott«. Am Anfang war das Wort, möchte man meinen, aber eben nie ohne die Zahl. In der jüdischen Mystik erklärt man seit dem Mittelalter die Schöpfung aus den 22 Buchstaben und den 10 Sefirot (wörtlich »Zahlen«). Zu den zehn - zu graphisch schönen Bäumen verbundenen - Sphären oder Attributen Gottes gehören Weisheit, Verstand, Liebe, Macht, Strenge, Barmherzigkeit, Beständigkeit und Majestät.

Doch in der Schau geht es nur im innersten Arkanum um kabbalistische Mystik und Esoterik. Vielmehr zeigt sie, daß Zahlen und Zeichen alle Bereiche des jüdischen wie nichtjüdischen Lebens durchdringen. Das Feuilleton dieser Zeitung vom 27. Juni 2000, das manchen Leser erstaunte, weil über Seiten ein Auszug vom vierteiligen Code des menschlichen Genoms abgedruckt war, ist eines der kuriosesten Exponate. Daneben liegt »Das Buch des Lebens«, die längere Version mit 3,2 Millionen DNA-Bausteinen, aus dem Besitz des Bundeskanzlers.

Gehe nach Ägypten

Kinder erobern Buchstaben und Zahlen spielend. In einer so ausgeprägten Schriftkultur wie der jüdischen beginnt das Lese- und Deutungstraining schon früh; die Europäer können von Glück reden, daß die Israelis sie in Pisa nicht vorführten. Neben Lesebüchern und Lernspielen ist das Modell eines Wort-Abakus von einem Jerusalemer Spielplatz zu sehen. Durch Drehen von Wortwürfeln können die Kinder bei diesem stationären Scrabble unzählige Worte bilden, wegen der fehlenden Vokale im Hebräischen natürlich weit mehr als bei europäischen Sprachen.

Überhaupt präsentiert die Schau viele Spiele: Dem deutschsprachigen Monopoly etwa, das Goebbels 1936 als »jüdisch-spekulativ« verbieten ließ, steht eine hebräische Variante von 1940 gegenüber, bei der das Straffeld »Gefängnis« durch »Ägypten« ersetzt ist. Der Anblick des »zeitgemäßen und überaus lustigen Gesellschaftsspiels« »Juden raus« von 1936, bei dem man jüdische Nachbarn aus den Stadtmauern hinaus zu Sammelplätzen würfeln muß, läßt den Selbstbetrug des »Wir haben nichts davon gewußt« sinnfällig in sich zusammenstürzen.

Im Zentrum der Präsentation steht ein neun Meter langer interaktiver Spieltisch. Berührt man die zufällig auftauchenden Zahlen, geben diese ihr Geheimnis preis. Die in der christlichen Welt gefürchtete 13 ist im Judentum beispielsweise eine Glückszahl, weil das Paradies über ebenso viele himmlische Quellen, Tore der Gnade und Ströme von Balsam verfügt. Und weil den Juden die Schrift heilig ist, verwandeln sich in einer Installation des Kinderspiels »Himmel und Hölle« Buchstaben in ihren arabischen Zahlenwert, sobald man darauf hüpft.

Alles andere als »08/15«

Trotz solch medialer Animationen und recht freizügiger Assoziationen zwischen den gut 350 Exponaten entbehrt die Ausstellung keineswegs des Ernstes. Hier werden mathematische Probleme anschaulich gemacht, dort sieht man die zerbeulte Spitze einer V-2-Rakete, für die 1944 Häftlinge in Sachsenhausen enorme Rechenleistungen erbringen mußten. Im Abschnitt »Küche« lernt man manches über jüdische Speisevorschriften und Mengenangaben. Weil etwa alles unterhalb der Größe einer Olive statt als »Mahl« nur als »Häppchen« gilt, für das dann kein Dankgebet gesprochen werden muß, gibt es allerlei gewitzte Meßtechniken für den Alltag.

Im »Bank«-Raum zwischen stählernen Schließfächern enthüllt sich das jüdische Geldgewerbe, viel erfährt man über Bankiers unter den »187 Narren« des ersten Berliner Telefonbuchs von 1881 oder das ausgeklügelte Handwerk der »Schränker«, der Panzerknacker.

Die Ausstellung, alles andere als »08/15«, befeuert den Geist so präzise wie das gleichnamige Maschinengewehr aus dem Ersten Weltkrieg seine Ziele. Der wunderbar reiche Katalog hat übrigens 320 Seiten, in hebräischen Zahlen und Buchstaben ausgedrückt: 40+200+10+70, also »Ejrom«, was übersetzt Nacktheit bedeutet.

Der Besuch und die Lektüre verschaffen aber das Gegenteil, nämlich eine Bereicherung und ein neues Kleid für Kopf und Herz.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2004, Nr. 59 / Seite 42

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