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Berliner Morgenpost vom 4. März 2004

Entdeckung: Die Sammlung Feldberg ist endlich aufgearbeitet und nun im Jüdischen Museum zu sehen

Von Gabriela Walde


Selbstporträts bedeutender Künstler versammelt die Sammlung Feldberg, die während der zwanziger Jahre in einer ungewöhnlichen Tauschaktion entstand und heute der Berlinischen Galerie gehört. Jetzt ist sie im Jüdischen Museum zu sehen.

Ungewöhnliche Zeiten verlangen ungewöhnliche Maßnahmen. »Wann schickst Du mir endlich meinen Anzug?« jammert der Berliner Maler Michel Fingesten in einem Brief an den jungen Siegbert Feldberg, resoluter Chef einer florierenden Herrenkonfektionsfirma mit Filiale an der Spree und Sitz in Stettin. Feldberg, Anfang Zwanzig, den Künsten zugeneigt allein schon durch seine aparte Pianisten-Gattin, hielt sich gern in diesen Kreisen auf, mit einigen Künstlern war er gar befreundet, und so entstand, vielleicht bei ein paar Weinchen eines Nachts in irgendeiner Berliner Bar - ein etwas ungewöhnlicher Deal: Kunst gegen Kleidung; die Künstler gaben eines ihrer Werke und erhielten dafür von Feldberg »harte Währung« in Form von Anzügen und Mänteln.

Um 1923, als die Inflation die Währung ins Nichts trieb, begonnen, führte der Kleidermann dieses individuelle »Tauschgeschäft« auch in der Weltwirtschaftskrise fort, vielen brotlos Kreativen ging es an den Kragen, da auch der Kunstmarkt zusammengebrochen war. 1934 flüchtete der jüdische Unternehmer nach Bombay ins Exil. Bis dahin war eine attraktive Sammlung mit mehr als 150 Arbeiten auf Papier zusammengekommen. Darunter Selbstporträts - Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle oder Druckgrafiken - von 65 Künstlern.

Diese in ihrer Auswahl ungewöhnliche Kollektion mit Bildnissen berühmter Zeitgenossen wie Oskar Kokoschka, Max Liebermann, Erich Heckel ist derzeit im Jüdischen Museum zu betrachten - in Kooperation mit der zurzeit noch heimatlosen Berlinischen Galerie, die ihre Schätze somit an wechselnden Orten zeigen muss. 1975 hatte das damals gerade neu gegründete Museum Feldbergs Sammlung erstanden - zu sehen aber war sie dort noch nie.

Welche Verschwendung, mag man denken. Doch lag es vor allem daran, dass Details ihrer Herkunft unbekannt waren. Über verschlungene Wege, eine Feldberg-Enkelin in Toronto und einen Feldberg-Sohn in Florida lüftete sich erst in den letzten Jahren das Geheimnis dieser Bildergalerie. Überlebt haben die fragilen Papiere in einem Koffer unter dem Bett Feldbergs in Bombay. Gerettet von seiner Frau, die sie bei ihrer Ausreise aus Nazi-Deutschland kurzerhand als »entartet« deklarierte, um sie über die Grenze zu bekommen.

Was diese Ausstellung so interessant macht, ist nicht allein ihre historische Aufbereitung. Sie ist vor allem durch die zahlreichen Künstlerbiografien ein bunter Spiegel des ungemein vielfältigen, schillernden und auch eigenwilligen Biotops der Moderne: der Schmelztiegel Berlin war von 1923 bis 1933 von ungebrochener Faszination für Künstler aller Couleur - bis die Nationalsozialisten die Herrschaft übernahmen. Auf leise und eindringliche Weise führt uns die Schau die große Tragödie des vorigen Jahrhunderts in Einzelschicksalen noch einmal vor: die vielen, vielen existenziellen Katastrophen von Flucht und/oder Tod im Konzentrationslager, die unterbrochenen Viten, die nicht selten im verzweifelten Freitod endeten. Ebenso dokumentiert sie auf ihre Weise die Vernichtung eines ungeheuren kulturellen Potenzials. Nur wenige der Künstler wurden in Berlin geboren, viele kamen aus Osteuropa, bald die Hälfe von ihnen waren Juden. Es sind diese menschlichen Höllenfahrten, die hinter fast jedem einzelnen Bild stehen, auch wenn einige der Künstler dieser Ausstellung heute weniger bekannt oder ganz vergessen sind.

Warum Feldberg vor allem Selbstporträts sammelte? Er liebte die Künstlerszene, schätzte die freigeistige Atmosphäre des Außergewöhnlichen, dort, wo Religion und Politik keine Rolle spielten. So bot es sich an. Die Blätter der »Großen« wie Oskar Kokoschka, Erich Heckel und Max Liebermann allerdings hat der Konfektionär extra für seine Sammlung erworben, um ihr ein Profil zu geben.

Kaum vorstellbar, dass die »Mutter Courage« Käthe Kollwitz ihr herrlich spontan gezeichnetes, dichtes, fragmentarisch gebliebenes Blatt gegen einen Männerwintermantel eingetauscht hätte. Auch der ungnädige Misanthrop Lesser Uri, der sich mit skeptischen Augen und wirrem Haar skizzierte, war wohl für diesen geldlosen Klamotten-Tausch nicht zu kriegen.

Die meisten Porträtierten zeigen sich in der Pose des melancholischen, seriösen Künstlers. Den Kopf in die Hand gestützt oder die Pfeife haltend. Als Bohemien oder Genie am Rande des Wahnsinn wie Lesser Ury präsentieren sich die wenigsten.

»Es ging den Künstlern ums pure Überleben in einer Zeit der Unsicherheit«, erklärt Kuratorin Freya Mülhaupt. »Exzentrik konnte und wollte man sich nicht leisten, denn man brauchte Aufträge.« Die wackelige Weltenlage hatte auch die Künstler in die Enge getrieben.

Nur der junge Russe Robert Genin, der in Berlin arbeitete, kommt als ziemlich schräger Vogel mit wildem Zigeunergesicht in quietschgrünem Jackett und schweinsrosa Hose daher. Lange Zeit mag ihm diese Inszenierung des Außenseiters nicht geholfen haben, - 1943 schießt er sich, zurück in Moskau, in seinem Atelier die Kugeln durch den Kopf. Zumindest in der beeindruckenden Sammlung des Siegbert Feldberg hat Robert Genin überlebt.

Jüdisches Museum, Lindenstraße 9-14, Kreuzberg. Tel.: 25 99 33 00. Bis 13. Juni, Mo, 10 - 22 Uhr, Di - So, 10 - 20 Uhr. Katalog: 20 Euro

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
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