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Der Stern vom 13. Mai 2004

Die Stimmen der Letzten

Von Christine Claussen


Mit ihren Kindern, mit Esther, Debbie, David und Mirjam, haben sie niemals darüber gesprochen. »Niemals«, sagt John Fink. »Und ich werde es auch nicht tun. Ich werde mich niemals mit meinen Kindern über den Holocaust und meine Zeit in den Konzentrationslagern unterhalten.« John Fink ist 76 Jahre alt, als er das sagt. Er sitzt erregt auf dem Sofa seiner Wohnung in Chicago, hinter sich eine Grünpflanze und eine bedruckte gelbe Tapete, neben sich seine Frau Alice, die ihn unmerklich zu beruhigen versucht. In stundenlangen Interviews haben die Finks - jeder für sich - soeben das hinter sich gebracht, was ihnen in Zusammenhang mit ihren Kindern unmöglich ist: Sie haben über ihr Leben gesprochen. Für Steven Spielbergs Shoah Foundation.

Unter dem Eindruck seines Welterfolges »Schindlers Liste« hatte Spielberg, Hollywoods Starregisseur, 1994 beschlossen, ein gigantisches Video-Archiv anzulegen. Er wollte die Stimmen und Schicksale der Überlebenden des Holocaust sammeln, archivieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

52 000 Interviews in 56 Ländern und 32 Sprachen

Im Laufe der vergangenen zehn Jahre hat die von Spielberg gegründete »Survivors of the Shoah Visual History Foundation« auf diese Weise weltweit fast 52 000 Interviews zusammengetragen - in 56 Ländern und in 32 Sprachen. Die Gespräche dauern im Schnitt zweieinhalb Stunden, sie sind nicht bearbeitet, also authentisch. Es gab auch Kritik an dem Mammutprojekt: Die Interviewer seien weder psychologisch noch historisch ausreichend vorbereitet; das Gesprächsschema sei zu starr und die Zeit zu kurz; das ganze Verfahren zu hollywoodesk - einschließlich des Happy Ends, das die Befragten zum Schluss jeweils im Kreise ihrer Familie zeigt.

Und doch ist das Zeitzeugenarchiv der Shoah Foundation ein unglaublicher Schatz, entstanden im Wettlauf mit der Zeit, denn die meisten der Befragten sind nicht nur alt, sie sind auch krank. Es ist ein unwiederbringlicher Stimmentresor.

Vielen der Betroffenen gab er erstmals die innere Möglichkeit, vom eigenen Leben zu sprechen. Wie den Finks, die sich aufrafften und noch einmal hinabstiegen in das Grauen der Vergangenheit. John Fink berichtet von seiner Jugend in Berlin-Oberschöneweide, wo er 1920 als Hans Finke geboren wurde; von seiner Arbeit als Monteur bei Siemens; wie er 1943 mit dem 36. Osttransport nach Auschwitz deportiert wurde; wie er später ins KZ Bergen-Belsen kam.

Als Alice ihre Eltern das letzte Mal sah

Auch Alice Fink wurde 1920 in Berlin geboren. Ihr Vater verkaufte Damenunterwäsche, Anfang der dreißiger Jahre war er in der Berliner Jüdischen Gemeinde für Beerdigungen zuständig. Nach Erlass der Nürnberger Gesetze durfte Alice nicht mehr zur Schule gehen, sie machte stattdessen eine Lehre als Kinderkrankenschwester. 1938 verschaffte ihr ein Cousin eine Stelle in einem Krankenhaus bei London.

Die Mutter brachte sie ans Schiff nach Bremerhaven: »Sei vorsichtig. Pass auf dich auf«, sagte sie. Es war das letzte Mal, dass Alice die Eltern sah. Ihr Vater wurde 1942, ihre Mutter ein Jahr später von ihrem Arbeitsplatz bei Siemens, wo sie als Zwangsarbeiterin eingesetzt war, nach Auschwitz deportiert. Alices drei Jahre jüngerer Bruder Heinz machte eine Gärtnerlehre in Neuendorf bei Berlin. Im April 1943 wurde auch er nach Auschwitz abgeholt.

1946 ließ sich die englische Krankenschwester Alice, damals noch Redlich, zu einem Hilfstransport nach Deutschland einsetzen und kam nach Bergen-Belsen, in ein Lager für Überlebende. »Fast alle dort sprachen Polnisch oder Jiddisch oder, wenn sie zum Hilfspersonal gehörten, Englisch«, sagt Alice. Nur einer konnte Hochdeutsch wie sie: der befreite Lagerhäftling Hans Finke. 1947 war Verlobung, 1948 heirateten sie - noch in Bergen Belsen. Als Alice schwanger wurde, wanderten Hans und Alice Finke nach Amerika aus. »Wir wollten unser Kind auf keinen Fall in Deutschland bekommen«, sagt Alice. Vier Wochen nach der Ankunft in Chicago wurde die Tochter Esther geboren.

»Fragt uns, wir sind die Letzten«

Zusammen mit 1049 weiteren Gesprächsaufzeichnungen - dem deutschsprachigen Teil der Interviewsammlung der Shoah Foundation - werden die (Über-)Lebensberichte von John und Alice Fink vom 18. Mai an im Jüdischen Museum in Berlin erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. »Fragt uns, wir sind die Letzten«, hat der Schriftsteller Hans Sahl einmal gesagt. Was John Fink zu sagen hatte, ist jedenfalls bewahrt. Im Jahr 2000 ist er mit 80 Jahren in Chicago gestorben.

Jüdisches Museum in Berlin
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