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Der Tagesspiegel vom 2. September 2004

Jeder hätte es sein können. Der argentinische Fotokünstler Marcelo Brodsky erinnert mit einem Klassenfoto an das Grauen der Militärdiktatur


Señor Brodsky, Ihre Arbeit »Buena Memoria« wird im Jüdischen Museum gezeigt, das berühmt ist für seineLeerräume, die das Verschwinden der europäischen Juden symbolisieren. Ihr Bruder Fernando gehört zu den 10000 bis 30000 Verschwundenen Argentiniens. Was bedeutet das Verschwinden eines Menschen?

Es ist schlimmer als der Tod. Der Tod ist ritualisiert. Eine Reihe von kulturellen Techniken erleichtert uns den Abschied von einer Person. Aber das Verschwinden eines Menschen ist nicht von diesen Riten umgeben. Der Verschwundene hat keine Geschichte und keinen Ort. Er hinterlässt eine Leerstelle. Wie und wo Fernando ermordet wurde? Ich weiß es nicht. Kriminalfälle werden so lange nicht geschlossen, bis man die Leiche findet. In Argentinien haben wir Zehntausende offene Fälle. Jeder Einzelne ist eine Wunde im kollektiven Bewusstsein.

Und mit Ihrer Arbeit versuchen Sie die Schmerzen zu lindern?

Die Wunden kann man nicht schließen, die Leerstellen nicht ausfüllen. Ich versuche zumindest eine buena memoria zu bewahren. Das bedeutet, ein gutes Gedächtnis und eine positive Erinnerung zu haben. In diesem Sinne repräsentiere ich die Abwesenden in meinem Werk. Es handelt von ihren nicht gelebten Leben, erzählt also unmögliche Geschichten. Aber das Rationale interessiert mich nicht in der Kunst. Der Mensch lernt über seine Emotionen. In Argentinien bleiben vor allem Jüngere lange vor dem beschrifteten Klassenfoto stehen. Jeder kann die Übung mit dem eigenen Klassenfoto nachvollziehen. Was wird aus diesem geworden sein, was aus jener? Aus meiner Klasse verschwanden damals zwei Kameraden. Aus der gesamten Schule nahm das Militär 150 Schüler mit, darunter 15- und 16-Jährige. Meine Klasse repräsentiert alle anderen Klassen Argentiniens der Epoche.

Am Ufer des Rio de la Plata in Buenos Aires soll eine Gedenkstätte für die Verschwundenen der Militärdiktatur entstehen. Sie sind an der Konzeption des »Park der Erinnerung« beteiligt. In Berlin nimmt unterdessen das Holocaust-Mahnmal konkrete Formen an. Im Vorfeld gab es heftige Diskussionen darüber, wie die Gedenkstätte gestaltet werden soll. Wie verläuft die Diskussion in Argentinien?

Sie hat gerade erst begonnen. Es gibt in Lateinamerika so gut wie keine Kunst im öffentlichen Raum - abgesehen von den obligatorischen Reiterstandbildern der jeweiligen Nationalhelden. Unsere Geschichte ist nicht so monumentalisiert wie die Geschichte Europas. Das hat auch damit zu tun, dass bisher kein lateinamerikanischer Staat zu einer kritischen Sicht seiner Geschichte bereit gewesen ist. In Argentinien würde ein staatlich finanziertes Denkmal den Dialog über unsere Vergangenheit deshalb auf eine neue Stufe stellen. Als erster Staat Lateinamerikas übernähme Argentinien die Verantwortung für seine Verbrechen. Für die Angehörigen der Verschwundenen würde der Park zu einem Ort der Trauer, er hätte also auch eine therapeutische Wirkung. Wir haben nicht umsonst das Ufer des Rio de la Plata ausgesucht. Das Militär hat Gefangene aus Hubschraubern in den riesigen Fluss geworfen. Der Rio de la Plata ist ein Massengrab. Er ist unsere Berliner Mauer. Fluss und Mauer erscheinen heute harmlos. Aber sie haben Narben in der kollektiven Psyche unserer Länder hinterlassen.

Zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur hat es dieses Jahr in Argentinien eine offizielle Gedenkfeier für die Opfer der Diktatur gegeben. In den Schulen wurde der »Tag der Wahrheit und der Gerechtigkeit« eingeführt. Auf den Straßen werden Flugblätter mit den Adressen von ehemaligen Folterern verteilt. Woher kommt das plötzliche Bedürfnis zur Aufarbeitung?

Seit dem Ende der Diktatur sind zwanzig Jahre vergangen. Das scheint die Zeit zu sein, die eine Gesellschaft braucht, ehe sie sich ihrer dunklen Seiten stellen kann. Das war in Deutschland nicht anders. Erst Ende der sechziger Jahre begann die breite Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit. In Buenos Aires hatte es 1996, genau zwanzig Jahre nach dem Putsch, die erste große Gedenkdemonstration gegeben. Dann wurden die Geschichten der Babys bekannt, die das Militär inhaftierten Müttern gestohlen hatte. Diese Jugendlichen mussten sich fragen, wer sie wirklich waren. Ganz Argentinien stellte sich diese Frage. Diese soziale und psychologische Entwicklung traf zusammen mit einem historischen Ereignis: der Sturz Fernando de la Ruas durch das Volk am 19. und 20. Dezember 2001 und das Ende des Menemismus. Die Neunzigerjahre unter Carlos Menem waren eine Katastrophe gewesen. Es war die Negation der Realität. Argentinien träumte davon, zur Ersten Welt zu gehören. Dann brachen das Finanzwesen und der Staat zusammen. Das Volk rebellierte und stellte das Land auf den Kopf. Argentinien wurde neugeboren. Der jetzige Präsident Argentiniens, Néstor Kirchner, machte sofort klar, dass er den Opfern der Diktatur näher steht als den Tätern. Er sorgte dafür, dass das Amnestiegesetz für die Militärs aufgehoben wurde. Und er behauptet nicht wie seine Vorgänger, wir seien die Größten. Wir träumen nicht mehr davon, zu Europa zu gehören. Wir sind nicht mehr das Frankreich Lateinamerikas. Wir sind jetzt ein lateinamerikanisches Land.

Sie begreifen die Krise als Chance?

Sie ist ein Laboratorium. Wir haben zwar kein Geld, aber eine Menge Themen. Es gibt neue soziale Akteure, neue Formen des Dialogs. Die Diskussion über die Probleme des Landes ist jetzt öffentlicher. Als Künstler langweilt man sich in Argentinien nicht. Nehmen sie die ESMA.

Das ist die Escuela de Mecánica de la Armada, das berüchtigte Gefängnis des Militärs in Buenos Aires, das man auch »Dachau Argentiniens« nennt.

Präsident Kirchner hat die ESMA gegen den Willen der Militärführung geschlossen. Es soll zu einer Gedenkstätte werden. Doch das Areal ist riesig, 34 Gebäude, 17 Hektar.

Früher haben die Menschen ausgespuckt, wenn sie an der ESMA vorbeigingen. Nun führen sie eine Auseinandersetzung darüber, was mit der ESMA geschehen soll. Die Diskussion wird Jahre dauern. Die erste Frage: Wann beginnen wir mit der Erinnerung? Fangen wir 1976 mit dem Putsch von General Videla an oder im 19. Jahrhundert mit dem Völkermord an den Indianern? Die Diskussion ist das Wichtigste, was das Museum leisten kann.

Das Gespräch führte Philipp Lichterbeck.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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