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Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 9. Oktober 2004

»Stil(l)halten« im Jüdischen Museum Berlin - Kultur im Wohlstand

von Christina Wandt


Es braucht schon ein wenig Chuzpe, um eine Ausstellung mit nur sechs Gemälden zu bestücken. Es sei denn, die Bilder geben so beredt Auskunft wie im Jüdischen Museum Berlin, das die Schau »Stil(l)halten. Familienbilder im jüdischen Bürgertum« zeigt.

Die Kunst soll hier nämlich als historische Informationsquelle dienen. Darum haben die Ausstellungsmacher jedem der sechs Bilder einen Raum geschenkt, der sich der abgebildeten Familie widmet, ihre Geschichte anhand von Fotos, Dokumenten, Möbeln und Kleidung erzählt und die Atmosphäre der Epoche atmet.

Vom Biedermeier über die Gründerzeit gelangt man da zur Moderne, bleibt aber stets in Berlin. Das ist weder dem Zufall noch einem starren Ausstellungskonzept geschuldet, vielmehr handelt es sich bei den Familienbildern um eine Berliner Besonderheit: Hier trafen große Maler auf begüterte Familien.

Jüdische Besonderheiten lassen sich auf den Bildern dagegen schwerlich entdecken, hier geht das Judentum im Bürgertum auf: Die Familie des Kaufmanns Moritz Manheimer etwa kommt 1850 im Salon zusammen, an der Wand Gemälde, am Klavier die Tochter - den errungenen Wohlstand paart man mit Kultur. Nun hängt das Bild in einem Ausstellungsraum, der dem Interieur der Manheimers vom Teppich bis zur Karaffe nachempfunden ist.

Es bedurfte einer langen Recherche, passende Möbel aufzuspüren, doch der Aufwand lohnte: Ein Bild, das einst den Salon der Manheimers zierte, hängt nun im Original an der Museumswand. Der Ofen wurde indes mit den Mitteln der Theaterplastik nachgebaut.

Ein komplettes Theater, ausgeschlagen mit rotem Samt, hat man für den Verleger Rudolf Mosse aufgebaut - seine Familie hatte 1899 in historischen Kostümen für ein Wandbild still gestanden. Kontrapunkt solcher Opulenz ist der Raum für den Maler Max Liebermann, hier dominieren die Skizzen, das Ölbild wartet noch auf der Staffelei.

Auch Liebermann war angesehener Großbürger, aber er musste schon erleben, wie er auf das »Jüdischsein« reduziert wurde. Übergroß stehen seine Antworten hier an den Wänden: »Ich bin als Jude geboren und werde als Jude sterben«, und der berühmte Ausspruch: »Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.«

Dem Arzt Janos Plesch genügte die Lektüre von »Mein Kampf«, um frühzeitig zu packen. »Dank der Voraussicht meines Vaters sind wir schon 1933 emigriert und haben den Inhalt von zwei Häusern retten können.« Das erzählt Peter Plesch, der nach 70 Jahren Lampen, Saucieren, Silberbesteck und Chapeau claque zurückgebracht hat von England nach Berlin. Nun umrahmen sie das von Max Slevogt leicht hingehauchte Bild der Pleschs. Zur Eröffnung der wunderbaren Schau ist auch Peter Plesch gekommen, steht da, 86 Jahre alt, ergraut, gestützt auf einen Stock vor seinem lockigen, zwölfjährigen Kinder-Ich.

Bis 16. Januar 2005, Jüdisches Museum Berlin,
Tel. 030 /25 993 305

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