_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Berliner Morgenpost vom 4. März 2005

Tempel und Laubhütte
Eine Ausstellung im Jüdischen Museum sucht nach der »Jüdischen Identität in der zeitgenössischen Architektur«

Von Rainer Haubrich


Ein schwieriges Thema, aber eine eindrucksvolle Schau: Siebzehn Bauwerke von zum Teil prominenten Baumeistern geben einen Überblick über Architekturprojekte für jüdische Einrichtungen in aller Welt.

»Wir machen zu viele Ausstellungen«, befand Cilly Kugelmann, Programmchefin des Jüdischen Museums, bei der jüngsten Pressekonferenz des Hauses. Damit das Publikum nicht ermüdet, will man sich künftig auf zwei große Schauen im Jahr beschränken.

Die jüngste ist eine der am besten präsentierten Architektur-Ausstellungen seit langem: klare und doch spannungsvolle Raumfolgen, gut gestaltete Stellwände und eine höchst sinnliche Präsentation von Gebäuden über meterhohe Fotos, farbige Zeichnungen und detaillierte Modelle. Dazu erhält jeder der beteiligten Architekten im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht.

Beim Thema selbst wird es schon diffuser. »Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur« - bei solchen programmatischen Vorhaben ist man aus Erfahrung mißtrauisch, denn Identität zu bauen bleibt ein schwieriges Unterfangen. Außerdem gehört es zu den Kniffen der Kulturbranche, daß sich verschiedene Künstler gern unter einem griffigen Schlagwort zusammentun, um ihre ganz individuellen Arbeiten besser zu verkaufen - etwa »40 Architekten unter 40«, »Neue lettische Architektur« oder »Architektur von Frauen«.

So ist es wohl auch beim Thema der »jüdischen Identität« in den hier zusammengestellten Museen, Schulen und Synagogen. Bei den Sakralbauten findet man noch am ehesten verbindende Elemente des Entwurfs, die sich auf die jüdische Überlieferung beziehen. Etwa das Motiv des Zeltes aus der Zeit der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste. In der neuen Dresdner Synagoge haben die Architekten Wandel Hoefer Lorch + Hirsch es in schöner Manier verarbeitet. Oder das Motiv des wehrhaften, festungsartigen Tempels, das nicht nur Mario Botta bei seinem Bau für die Universität Tel Aviv verwendet.

Aber bei Museen und Schulen wird es schon schwieriger. Adolf Krischanitz etwa hat in Wien den wunderbaren Lauder Chabad Campus errichtet, ganz in der Tradition der weißen Moderne, dabei mit viel Wärme und sinnlichen Details. Wo aber ist in diesem Schulgebäude »jüdische Identität«? Wo ist sie in dem von Frank Gehry geplanten Toleranz-Museum für Jerusalem, bei dem er sich der gleichen Stilmittel bedient wie bei seinen anderen Werken, sei es einem Rockmuseum oder einer Konzerthalle?

Und was ist von der Projektbeschreibung von Daniel Libeskinds Jüdischem Museum für San Francisco zu halten, in der es heißt, der Architekt habe »die Umrisse der beiden hebräischen Buchstaben des Wortes 'Chai' (Leben) als Ausgangspunkt seines Entwurfs genommen und daraus »dreidimensionale Körper entwickelt, die den Altbau wie scharfkantige Implantate durchstoßen«. Dennoch ähnelt dieser Entwurf auf frappierende Weise Libeskinds Vorschlag für das Londoner Victoria & Albert Museum. Schließlich muß über ein Ärgernis gesprochen werden, das sich im Anhang der aus Amsterdam übernommenen Schau findet. Das Jüdische Museum Berlin stellt dort erstmals den Entwurf von Daniel Libeskind für die Innenhof-Überdachung des Altbaus an der Lindenstraße vor. Und der ist leider nicht gut.

Man kann nachvollziehen, daß das erfolgreiche Haus angesichts der steigenden Besucherzahlen eine größere Empfangshalle herbeisehnt. Man kann auch verstehen, daß man sich dafür den gleichen Architekten aussuchte, der mit seinem Erweiterungsbau das Jüdische Museum zu einem weltweit bekannten Haus gemacht hat. Aber der Entwurf von Daniel Libeskind ist eine Attacke auf eines der wenigen erhaltenen Barockgebäude der Stadt. Seine Halle verarbeite das Motiv der »Sukkah« (Laubhütte), sagt der Architekt. Aber die vier wilden Stützen aus Stahlbeton und die bizarr gezackte abschließende Glasfassade lassen jeden Willen zu einem behutsamen Umgang mit dem ehemaligen Kammergerichtsgebäude vermissen. Jüdische Identität? Mit dieser Halle wäre einer der zauberhaftesten Innenhöfe Berlins dahin.

Jüdisches Museum, Lindenstraße 9-14, Kreuzberg. Bis 29. Mai, tägl. 10-20 Uhr, Mo. bis 22 Uhr. Katalog (Prestel) 30 Euro

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Helfen Sie uns, ...

... unsere Website zu verbessern, indem Sie an unserer Online-Umfrage teilnehmen!
(Zeitaufwand: 1 Minute)

In Kontakt bleiben über